Die virtuelle Identität des Islam

Der weltberühmte indische Schauspieler Shahrukh Khan spielt in dem Film „My Name Is Khan” einen indisch-amerikanischen Mann aus einer muslimischen Familie. Er leidet am Asperger-Syndrom, einer Sonderform des Autismus. Khan kann nicht lügen, nimmt alles wörtlich, versteht keine Ironie, kann seine Gefühle nicht zeigen und kann sich nicht in etwas, was andere denken oder meinen, hineinversetzen. Auf einer Reise mit dem Ziel, den amerikanischen Präsidenten eine Botschaft zu überbringen, wird er aufgrund seines seltsamen, nervositätsbedingten Verhaltens verdächtigt, ein Terrorist zu sein. Seine Botschaft an dem Präsidenten hat jedoch genau damit zu tun: „Mr. Präsident, mein Name ist Khan, ich bin kein Terrorist!”

Seit den schrecklichen Terroranschlägen von 11. September 2001 scheint die westliche Welt die Geschichte neu einzuteilen: Die Zeit vor und die Zeit nach dem 11. September.

In der Zeit nach dem 11. September ist der Blick auf den Islam und den Muslimen eine andere als vorher. Sie ist sehr stark von der Sicherheitspolitik bestimmt und kann kurz formuliert folgendermaßen zusammengefasst werden: Je religiöser ein Mensch muslimischen Glaubens ist, desto stärke entfernt er sich von den Werten Freiheit, Demokratie und allgemein von den Menschenrechten. Er ist – so die gängige Auffassung in den Mainstream- Medien und in der Politik – der stetigen Gefahr ausgesetzt, sich zu radikalisieren. Als Folge seiner Religiosität verweigert er die Integration und blickt arrogant herab auf Andersdenkende und Andersglaubende.

In der virtuellen Welt zeigt sich diese konstruierte Wirklichkeit sehr eindrucksvoll. Mittlerweile haben wir uns angewöhnt über Personen, Themen und Ereignisse zu „googeln“. Wir geben den Begriff, das Ereignis oder den Personennamen unseres Interesses in die Suchmaschine ein und bekommen nach Sekunden Antworten, die wir dann nicht mehr hinterfragen. Dasselbe habe ich mit dem Begriff „Islam“ gemacht. Für den Begriff Islam bekommt man 554 Millionen Treffer. In der virtuellen Welt scheint also der Islam ein sehr interessantes Thema zu sein.  

Welche Identität hat nun aber der Islam in der virtuellen Welt?

Dafür habe ich dann „Islam“ in Kombination mit einigen wichtigen Begriffen eingegeben. Und zwar sind es folgende Begriffe: Frieden, Menschenrechte, Freiheit, Demokratie und Terror. Die Wortkombination Islam und Frieden kommt auf eine Trefferanzahl von 2,180.000, Islam und Menschenrechte 1,880.000, Islam und Freiheit auf einen Treffer von 3,040.000 und Islam und Demokratie auf einen Treffer von 1,600.000. Aber die Liste führt eindeutig die Wortkombination Islam und Terror mit sage und schreibe 67,700.000 Treffern an. Der Islam ist in der virtuellen Welt also eine Terrorreligion.

Es gibt nun den Terror, für den der Nationalismus instrumentalisiert wird. Wie im Fall des NSU-Terrors in Deutschland oder des Ergenekon-Terrors in der Türkei. Es gibt den Terror, bei dem die Bestrebung nach mehr Rechten für eine Volksgruppe instrumentalisiert wird, wie im Falle der PKK. Und es gibt eben den Terror, bei dem die Religion, der Islam, instrumentalisiert wird, wie beim Terror der Al Qaida. Keiner spricht aber von einem deutschen, türkischen bzw. kurdischen Terror und macht eine ganze Gemeinschaft für menschenverachtende Gewalttaten einiger weniger verantwortlich, was ja auch richtig ist. Denn eine der wichtigsten Errungenschaften der Menschheit ist das Prinzip, dass es keine Kollektivschuld gibt. Nur im letzten Fall, wo also der Islam von Terroristen als Legitimation für ihre Schandtaten missbraucht wird, sprechen westliche Politiker und Medien von einem „islamistischen“ Terror und bezeichnen die Terroristen als „Islamisten“. Wem nützt diese Gleichsetzung von Terror und der Weltreligion Islam?

Der „böse Westen“ ist an allem schuld!

Und wer ist an dieser Gleichsetzung von Islam und Terror, Muslim und Terrorist schuld? Ist es etwa „der Westen“ mit seiner jahrhundertelangen Kolonialherrschaft, welche die politischen und gesellschaftlichen Strukturen in muslimischen Ländern im eigenen und im Interesse diktatorischer Regime unumkehrbar verändert hat?

Der Westen, der in regelmäßigen Zeitabständen – wie in diesen Tagen in Mali – militärisch eingreift, um „islamistische Terroristen“ zu bekämpfen, Herrscher abzusetzen, neue Herrscher einzusetzen? In der postkolonialen Zeit einheimische Diktatoren mit dem Argument der Sicherheit und Stabilität stützte und im Ernstfall eher nach seinen vielschichtigen Interessen handelt, als nach einer werteorientierten Politik, die Vertrauen aufbauen soll?

Sind es westliche Unternehmen, für die Wirtschaftsinteressen, der günstige Zugang zu Rohstoffen und die Zusammenarbeit mit einigen wenigen Großkapitalisten in den muslimischen Ländern wichtiger sind als der Wohlstand und Freiheit der breiten Massen?

Sind es die westlichen Denkfabriken mit ihrer angemaßten Deutungsallmacht über Gut und Böse, die die Verknüpfung von Islam und Terror aufgebaut und fast alle Konflikte der Welt „islamisiert“ haben? Oder „Die Medien“, die mit ihrer Kombination von Titel, Text und Bild, die Ergebnisse der Denkfabriken Verbreitung und Wirkung verleihen?

Die Opferrolle einzunehmen ist die falsche Antwort

Aus muslimischer Sicht wäre es eine Leichtigkeit, für alle Missstände in der muslimischen Welt den Westen mit seinen vielseitigen wirtschaftlichen, politischen, medialen und finanziellen Instrumenten verantwortlich zu machen. Und all die Fragen, die ich aufgeworfen habe, haben auch ihre Berechtigung.

Jedoch ist es falsch, in die Opferrolle zu schlüpfen, um sich somit der eigenen Verantwortung und Schuld zu entziehen. Die Frage, warum es in der sogenannten Islamischen Welt bis heute nicht gelungen ist, funktionierende Demokratien aufzubauen, in denen Menschenrechte aus Überzeugung geschätzt werden, Individuen – egal ob Mann oder Frau – ein selbstbestimmtes Leben in Freiheit und Würde führen, hat ihre Berechtigung. Es ist notwendig, darauf aus muslimischer Sicht eine überzeugende Antwort zu geben, ohne monokausal vorzugehen und den Westen als den einzigen Schuldigen darzustellen.