Die WDR-Story über Gülen und ihre Entstehungsgeschichte

„Der lange Arm des Imam – Das Netzwerk des Fethullah Gülen“ hieß die Doku der Sendereihe „die story“, in der es um den Islamgelehrten Fethullah Gülen und die als „Hizmet“ bekannte Bewegung ging.

Als erstes deutsches Fernsehteam besuchte der WDR dabei das Anwesen Gülens in der Nähe von Saylorsburg, Pennsylvania. Gülen lebt seit 1999 aus gesundheitlichen Gründen in den USA. Zuvor war er als Prediger in verschiedenen türkischen Städten tätig. Yüksel Uğurlu und Cornelia Uebel, die Macher der Doku, sprachen in Pennsylvania mit Bekir Aksoy, dem Vorsitzenden der Stiftung „Golden Generation Worship & Retreat Center“, der das Anwesen gehört. Da Uğurlu und Uebel vorher keine Interviewzusage eingeholt hatten, kam es zu keinem Gespräch mit Gülen.

In der Doku ging es auch um die weltweit existierenden Schulen, die dem Netzwerk zugerechnet werden. Auch in Köln, wo eine Schule im Entstehen ist, drehte der WDR. Sie fanden in der Person von Genç Osman Esen einen Gesprächspartner, der ihnen zu allen Fragen Rede und Antwort stand. Es wurde kritisiert, dass die Schulen sich nicht öffentlich zu Gülen bekennen würden. Jedoch bewegt sich diese Kritik etwas im luftleeren Raum, da es weder rechtliche noch finanzielle Verbindungen zwischen den Schulträgervereinen und Gülen gibt. Auf diesen Aspekt ist man in der Sendung leider nicht eingegangen.

Ein weiteres Thema der Doku, mit dem sich die Macher kritisch auseinandersetzten, waren die „Lichthäuser“, in denen Studenten leben, die sich der Hizmet-Bewegung verbunden fühlen. Darüber hinaus behandelte der Dokumentationsfilm altbekannte Themen aus der Türkei, dem Herkunftsland Gülens und Entstehungsland der Bewegung. Als Experte kam Dr. Bekim Agai und als Kritiker Ralph Ghadban und Sedat Çakır zu Wort.

Die Entstehungsgeschichte

Ursprünglich sollte die Dokumentation mit dem Titel „Die stille Armee des Imam“ bereits im vergangenen Sommer ausgestrahlt werden. Während der Dreharbeiten hatte der WDR mit Unterstützung des FID e.V. (Forum für Interkulturellen Dialog) Kontakte zu Vertretern der Bewegung in der Türkei vermittelt bekommen.

Ende Mai 2012 schrieb Yüksel Uğurlu, einer der beiden Produzenten, an den Vorsitzenden von FID Frankfurt, Eyüp Beşir: „Um die Ideale der Hizmet-Bewegung zu verstehen, würden wir gerne ein oder zwei Menschen (gerne auch jüngere) in ihrem Alltag und bei ihrer ehrenamtlichen Arbeit begleiten. Über diese Menschen und ihr Engagement, davon sind wir fest überzeugt, ließe sich dem deutschen Zuschauer am besten anschaulich machen, was Hizmet in der Philosophie Fethullah Gülens bedeutet und wie das Ideal gelebt wird.“

Als die Sendung jedoch angekündigt wird, merkt der Vorstand von FID e.V., der bis zuletzt die Recherchen unterstützt hatte, dass man einem altbekannten journalistischen Trick zum Opfer gefallen ist: Objektivität und Sachlichkeit vortäuschen, um an die nötigen Informationen zu kommen, um sie dann für ein bereits feststehendes Szenario auf der Basis der eigenen vorgefassten Meinung zu verwenden.

Eyüp Beşir dazu: „Aus der Ankündigung auf der Website des WDR war zu vernehmen, dass die Dokumentation den tendenziösen Titel „Die stille Armee des Imam“ tragen sollte und die Autoren das Zerrbild einer Organisation zeichnen wollten. Daher haben wir das Gespräch mit den eigentlichen Programmverantwortlichen gesucht.“

Rechter Druck auf die WDR-Verantwortlichen

Die Debatte erreichte mit der Entscheidung des WDR, die Sendung vorerst nicht auszustrahlen, eine neue Dimension. Es traten neue Akteure auf die Bühne. Beispielsweise türkische linksnationalistische Vereine, Zeitschriften und Internetportale, deren gemeinsames Merkmal darin besteht, die im Ergenekon-Prozess angeklagten Putschistengeneräle zu verteidigen. Es handelt sich um Generäle, die jahrzehntelang die Demokratisierung der Türkei verhindert haben. Der Verein TGB-A (Bund Türkischer Jugendlicher-Deutschland) und der Verband der Vereine zur Förderung der Ideen Atatürks in Europa sammelten Unterschriften und bauten Druck auf den WDR auf. In diversen Stellungnahmen ist die Rede von Gülen als jemanden, der „bei jeder Gelegenheit die Interessen der USA verteidigt“ und „mit dem FBI zusammenarbeitet“.

Dem WDR wurde vorgeworfen, „Selbstzensur“ zu üben. Im Begleitschreiben zur Unterschriftenaktion des TGB heißt es: „Dass die Recherchen der Autoren nicht veröffentlicht werden, erweckt den Eindruck, dass die in der Türkei einflussreiche Gülen-Bewegung bzw. ihre Repräsentanten oder sonstige Kräfte in Deutschland Druck auf den WDR ausgeübt haben.“ Des Weiteren trommelte die Alevitische Gemeinde Deutschland e.V. (AABF) Öffentlichkeit zusammen. Auch der in Deutschland als Terrororganisation eingestuften kurdisch-nationalistischen PKK nahestehende Medien griffen das Thema auf. Diese ganze Aktion wurde darüber hinaus begleitet vom islamophoben und vom bayerischen Verfassungsschutz als extremistische Bestrebung beobachteten deutschen Nachrichtenportal PI (Politically Incorrect), das sich auch für eine Ausstrahlung stark machte.

Auch Politiker ließen sich nicht zwei Mal bitten, als es darum ging, diese (Diffamierungs-) Kampagne mitzutragen und auf diese Weise auf sich aufmerksam zu machen. Memet Kılıç (Die Grünen) und Sevim Dağdelen forderten im Namen der Presse- und Meinungsfreiheit den WDR auf, die Dokumentation zu senden. Obwohl die Intendantin auf den Brief Kılıçs antwortete, dass von der Hizmet-Bewegung kein Druck ausgeübt wurde, wurde die verleumderische Darstellung, Hizmet-Akteure hätten die Ausstrahlung der Sendung verhindert, weiterverbreitet. Das gewünschte Bild ist fertig: Es ist eine weltweit agierende muslimische Bewegung da, die sich vordergründig zwar für Bildung und Dialog stark machen würde, die aber eigentlich so viel Macht und Einfluss besäße, dass sie sogar den WDR unter Druck setzen könne.

Falsche Fragen an falsche Personen

In der Sendung wird auch Dr. Ahmet Kurucan zu seinem Verhältnis zu Gülen befragt. Kurucan, der an der Ankara-Universität islamisches Recht studiert hat, ist Verfasser von zahlreichen Büchern. Zudem hat er mehrere Jahre Privatstudium bei Gülen absolviert. Seine Doktorarbeit, in der er sich auch mit der Frage der Apostasie beschäftigt, trägt den Titel „Meinungsfreiheit im Islam“ (Islam’da Düşünce Özgürlüğü) und ist im Zaman-Verlag erschienen.

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Eyüp Beşir hingegen ist kein Theologe, sondern Vorsitzender des Vereins FID e.V. Frankfurt, dessen Ehrenvorsitzender Gülen ist. Für die Frage der Apostasie wäre dementsprechend eigentlich Kurucan der richtige Interviewpartner gewesen. Er ist Theologe, hat sich eingehend mit dem Thema wissenschaftlich auseinandergesetzt. Er wäre also auch der kompetentere Interpret der Gülen-Aussage zu Frage der Apostasie gewesen. Hätten die Programmverantwortlichen richtig recherchiert, hätten sie auch auf der Buchmesse in Köln das Buch von Kurucan entdecken und seine Position in der Frage der Apostasie herausfinden können. Kurucan nämlich sieht den Abkehr vom islamischen Glauben als ein Teil der Meinungs- und Glaubensfreiheit an und befindet ihn somit für zulässig.

Fazit

Der WDR hat vielleicht als erster deutscher Fernsehsender Kontakte in die Hizmet-Bewegung und zu wichtigen Akteuren aufgebaut. Das ist zweifellos ein journalistischer Erfolg. Es ist ihm jedoch nicht gelungen, aus diesen Kontakten einen wirklich brauchbaren Dokumentationsfilm zu machen, der in der Lage wäre, dem deutschen Zuschauer diese transnationale Bewegung verständlich nahezubringen.

Fast ein Jahr lang nutzten hingegen diverse radikale und politisch marginalisierte Gruppen die Verschiebung der Ausstrahlung zur Propaganda gegen die Hizmet-Bewegung. Vor der Ausstrahlung machten auch Nationalisten jeder Couleur – türkische, kurdische und deutsche – Werbung für die Sendung; unabhängig davon, ob dies die Absicht der Programmmacher gewesen ist oder nicht. Genau diese Gruppen feiern nun nach der Ausstrahlung einen Sieg. Wieso eigentlich? Der WDR hat doch kein Propagandamaterial für die Nationalistische Internationale produziert, sondern eine Dokumentation. Oder?