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Die Zschäpe-Show

Die Zschäpe-Show

Es ist ein friedlicher Morgen. Die Vögel zwitschern und die Luft duftet noch nach dem Regen, der in der Nacht über der Stadt an der Isar gefallen war. Halb fünf zeigt die Uhr, als sich die zwei Warteschleusen vor dem Justizpalast, eine für Journalisten, eine für Bürger, langsam zu füllen beginnen. Einer jedoch war schon viel früher da als alle anderen: Es ist Helmut S., ein Münchner Malermeister.

Der 68-jährige wartet schon seit Sonntagmittag um 13.30 Uhr geduldig vor dem Eingang am Oberlandesgericht München auf Einlass zum NSU-Prozess. „Ich will unbedingt verhindern, dass die Neonazis hier reinkommen. Dann lieber ich“, bekennt der rüstige Antifaschist mit dem Bayerischem Zungenschlag. An Schlafen oder Sitzen war den ganzen Tag und die ganze Nacht über nicht zu denken. Denn schon ab 16 Uhr gesellten sich weitere Bürger zu ihm. Gegen den Hunger ist er jedoch bestens gerüstet. In einem blauen Jutesäckchen befinden sich 400 Gramm Wurst, vier Semmeln, acht Nussschnecken und jede Menge Kaffee. Vorgedrehte Zigaretten einer preisgünstigen No-Name-Marke, von denen hatte er 120 dabei gehabt. Jetzt um halb fünf sind es noch 60. Die andere Hälfe liegt als Kippen unten am Boden zwischen den gelben Absperrungen. Und wenn er mal einem Bedürfnis nachgehen musste? „Dann bin ich einfach um die Ecke dort“, zeigt Helmut S. auf ein Gebüsch, das sich neben dem Eingang zum Gericht befindet.

Mutmaßliche Mörderin umschwärmt wie eine Hollywood-Diva

Gegen sieben Uhr, als immer mehr Kamerateams von den zahlreichen Morgen-TV-Shows von ARD bis ZDF eintreffen, ist der Malermeister mit der dicken braunen Cordjacke, dem fahlen Gesicht und der Raucherstimme schon ein waschechter Medienstar. Jeden von den Hunderten wartenden Journalisten hat die Kunde vom ersten, seit gestern 13.30 Uhr wartenden Besucher schon erreicht und alle interviewen sie ihn nun hintereinander.

Ein paar Stunden später, um kurz nach zehn, als die Hauptangeklagte Beate Z. (38) in den Schwurgerichtssaal am OLG geführt wird, sitzt Helmut S. im Zuschauerbereich neben einem Herrn, der sein Opernglas mitgebracht hat, mit dessen Hilfe er jede Mimik, jede Gestik, jedes kontrollierte oder unkontrollierte Nasenrümpfen der Beate Z. studiert. Und die Mimik und Gestik, die der Prozessbeobachter durch sein schwarzes Opernglas erspäht, ist gelöst und entspannt. Die mutmaßliche Terroristin lacht und scherzt vor den grimmig und entrüstet dreinblickenden 80 Opfer-Angehörigen, die als Nebenkläger auftreten und deren Gesichter und Blicke im besten Falle Unverständnis ausstrahlen. Unverständnis darüber, wie eine des zehnfachen Mordes Angeklagte vor den Opferangehörigen so unbeschwert auftreten kann.

Fast könnte man meinen, so fröhlich, heiter, locker, der ganzen Welt offen zugewandt und vor Selbstbewusstsein strotzend, wie Beate Z. den Schwurgerichtssaal betritt, dass hier eine Darstellerin eine Bühne betritt. Und wenn es ein Helmut S. in den 15 Stunden seines Anstehens vor dem Gericht schon zu einem lokalen Medienstar schafft, dann ist Beate Z. in den 20 Monaten, die seit dem Auffliegen des NSU vergangen sind und in denen unzählige Coverstorys über sie erschienen sind, schon zu einem Megastar geworden und ihr Gesicht zu einer Ikone der Massenmedien.

Statisten auf der Anklagebank

Und je mehr sie sich an diesem Morgen, der schon seit Wochen und Monaten zu dem sehnlichst erwarteten Beginn eines historischen Prozesses hochgeschrieben wurde, den Fotografen entzieht, umso mehr verrenken sich die Fotografen und suchen nach Wegen, um ein Foto von ihr zu bekommen. Beate Z. betritt nämlich mit dem Rücken zu den Fotografen die große Bühne des Schwurgerichtssaals und wird sich nicht ein einziges Mal herumdrehen zu den Dutzenden Pool-Fotografen und Kameramännern in der Mitte des Saals. Erst als die Bildjournalisten auf Anweisung des Richters den Saal verlassen müssen, wird die Hauptdarstellerin Beate Z. sich umdrehen.

Als deshalb immer mehr Fotografen durch die Bänke und über die Stühle der Sachverständigen, Nebenkläger, Dolmetscher und Protokollanten zu turnen beginnen, um auf Neben- und Umwegen zumindest ein Profilbild der Beate Z. zu bekommen, da bilden ihre Anwälte Stahl, Heer und Sturm (ja, die heißen wirklich so) eine Burg um sie. Bis einige der 30 uniformierten Polizisten im Saal dem Trio Stahl, Heer und Sturm zur Hilfe eilen und die Fotografen deutlich und lautstark zurückweisen.

Den anderen vier wegen „Bildung einer terroristischen Vereinigung“ (und nicht etwa wegen Mordes!) Angeklagten – so steht es jedenfalls auf dem offiziellen Aushang des Gerichts vor seinem Eingang – ist ihre Erleichterung deutlich anzumerken, dass nicht sie es sind, die all die Aufmerksamkeit der Bildjournalisten auf sich ziehen. Da ist der frühere NPD-Funktionär Ralf W. (38), der hochkonzentriert und von all dem Wirbel um sicher herum unberührt bleibt und in Seelenruhe Akten studiert. Er trägt einen Kurzhaarschnitt und ein elegantes Hemd mit anthrazitfarbenen Streifen.

Da ist der Neonazi Carsten S. (41), der seine beiden Hände ineinanderlegt, als wolle er beten. Er sieht mit seinem hellblauen Hemd und dem schwarzen, bis in die Stirn fallenden Haar jünger aus als Anfang 40. Dann ist noch der angebliche Aussteiger aus der rechtsradikalen Szene, Holger G. (38), mit dabei, der ein dunkelblaues Sakko zu hellblauer Jeans trägt und unbeweglich hinter der Anklagebank sitzt. Und da ist die wuchtige Erscheinung des Neonazis André E. (33), der seine Arme vor der Brust verschränkt. André E., dessen Handknochen an beiden Händen (intermediale Phalangen, wie der korrekte medizinische Ausdruck heißt) mit hässlichen Vokabeln tätowiert sind.

Pausen selten durch Verhandlungsschritte unterbrochen

Aber diese vier Herren sind neben der aparten Nazi-Braut nur die Statisten im makabren Stück NSU-Prozess, das der Vorsitzende Richter am OLG, Manfred Götzl, der Intendant dieser Bühne, an diesem Montagvormittag angesetzt hat. In einer der vielen Verfahrenspausen, in denen sich ebenfalls alle Blicke auf Beate Z. richten, gibt der Focus-Reporter Göran S. (45) folgende Beobachtung aus dem Gerichtssaal an die Redaktion durch: „Anwalt Heer reicht ihr eine Dose mit Lutschpastillen. Zschäpe greift zu.“

Viel erreicht wurde heute nicht. Es kam nicht einmal zur Anklageverlesung. Die Verteidiger der Hauptangeklagten Beate Z. als auch die des Mitangeklagten Ralf W. stellten Befangenheitsanträge gegen Götzl – sie sahen eine Ungleichbehandlung darin, dass sie nach Waffen durchsucht wurden, anders als andere Verfahrensbeteiligte. Der Angeklagte W. lehnte zudem auch zwei weitere Richter wegen Besorgnis der Befangenheit ab. Sie begründeten ihn vor allem damit, dass ein Antrag Wohllebens auf einen dritten Pflichtverteidiger vom Gericht abgelehnt worden sei.

Der Prozess wurde bis zum 14. Mai unterbrochen. Bis dahin soll über die Befangenheitsanträge entschieden worden sein.

Autoreninfo: Martin Lejeune, 32, ist freier Journalist in Berlin mit dem Schwerpunt Politikberichterstattung. Er berichtet als freier Korrespondent für das DTJ vor Ort vom NSU-Prozess 

 

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