Der Diskriminierungswettbewerb

Erinnern Sie sich noch an den Geschichtsunterricht in der Schule? Da lautete in den Klausuren die erste Frage in der Regel: „Bitte ordnen Sie den Text in den historischen Kontext ein“. Damit sollten die historischen Umstände vor Ort geklärt und das Verständnis des zur Beschäftigung anstehenden Textes oder Ereignisses ermöglicht werden. Diese Vorgehensweise ist nicht nur in Hinblick auf den Geschichtsunterricht bedeutsam. Auch in anderen Bereichen ist es wichtig zu wissen, dass man, um etwas zu verstehen, auch den Kontext kennen sollte. Um so erstaunlicher ist es jedoch zu sehen, dass diese Einsicht bei vielen Leuten verloren zu gehen oder nicht vorhanden zu sein scheint – unabhängig von Alter oder Bildungsstand, ja selbst nicht unter denen, die sich als Historiker bezeichnen. Als eine Folge dieser Vorgehensweise entstehen verzerrte und unsachgemäße Darstellungen.

Als Beispiel dafür können die Klagen über die Situation der Christen in der Türkei dienen. Daran fehlt es hierzulande wahrlich nicht. Es wird vermutlich sehr wenige Menschen in Deutschland geben, die die Situation der Christen in der Türkei als „nicht beklagenswert“ bezeichnen würden. Liest man doch sehr viel und sehr oft darüber. Verschaffen wir uns erst einmal einen Überblick. Worüber wird geklagt? Es wird oft vorgebracht, dass die Christen und Kirchen in der Türkei nicht anerkannt seien und keinen Rechtsstatus hätten, dass der Bau von Kirchen erschwert würde, dass die Kirchen keine Glocken läuten dürften, dass die Türkei nicht wirklich laizistisch und religionsneutral wäre und den Islam sunnitischer Richtung bevorzugen würde, dass die Christen von Staats wegen bekämpft und diskriminiert würden.

Anhänger Jesu nannten sich in Antakya das erste Mal „Christen“

Bevor wir nun diese Vorwürfe unter anderem auch auf ihre Richtigkeit hin genauer untersuchen, wollen wir zunächst einmal den Kontext betrachten, in dem sie vorgebracht werden und in dem sich die beklagte Situation entwickelt hat. Zunächst einmal ist das Gebiet der heutigen Türkei für die Religion des Christentums sehr wichtig. Die Christen bezeichneten sich zum ersten Male in Antakya in der heutigen Türkei als Christen. Hier wurde auch der Evangelist Lukas geboren. Paulus wurde in der heutigen Türkei, in der Stadt Tarsus geboren. Das Grab von Jesus Mutter Maria liegt in Ephesus in der Nähe der Stadt İzmir. Die ersten und wichtigsten Konzilien haben auf dem Gebiet der Türkei stattgefunden; das erste die gesamte Christenheit umfassende Glaubensbekenntnis, das so genannte Nizäno-Konstantinopolische Glaubensbekenntnis trägt die Namen zweier türkischer Städte, nämlich der heutigen Stadt İznik (Nizäa) und der Metropole İstanbul (Konstantinopel).

Viele sind auch erstaunt zu hören, dass in der heutigen Türkei, wo ca. um die 200.000 Christen leben, bis zum 19. Jahrhundert ein bedeutender christlicher Bevölkerungsanteil gelebt hat. Noch im Jahr 1914 bestand die Bevölkerungsmehrheit in der damaligen Hauptstadt des Osmanischen Reiches aus Nicht-Muslimen. Die Bevölkerungsmehrheit der damals 250.000 Einwohner umfassenden Stadt Istanbul stellten die Christen. Man schätzt, dass die Bevölkerung der Türkei zu Anfang des 20. Jahrhunderts zu einem Viertel und nach manchen Schätzungen sogar bis zu 30 Prozent aus Christen bestand. Mit anderen Worten, es haben dort über Jahrhunderte unterschiedliche Religionsangehörige friedlich zusammen gelebt. Die heute wieder überwiegend in Frage gestellte multikulturelle Gesellschaft hat damals über Jahrhunderte hin funktioniert. Allein dieses Beispiel zeigt, dass das heute vorgebrachte Argument, dass unterschiedliche Kulturen eigentlich nicht zusammen leben könnten und dass der Anteil einer Minderheit des gesellschaftlichen Friedens wegen nicht die 10-Prozent-Marke überschreiten sollte, keine unumstößliche Wahrheit darstellt.
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Aber wie ist es dazu gekommen, dass heute die Zahl der Christen auf unter 200.000 gesunken ist? Und: Was ist von den oben genannten Klagen über die Situation der Christen in der Türkei wahr, was ist Fiktion? Es wäre nicht in Ordnung, wenn man behaupten würde, es bestehe kein Verbesserungsbedarf. Das ein solcher besteht, steht außer Frage. Doch in die berechtigten Klagen mischen sich auch sehr viele Halb- und Unwahrheiten. Wenn bei der Erklärung der Rückgang des christlichen Bevölkerungsanteils von einem armenischen Völkermord ausgegangen wird, wenn in Bezug auf die griechischen Bevölkerungsteile ebenfalls vom Völkermord und von der so genannten ‚kleinasiatischen Tragödie‘ gesprochen, dabei aber der gesamte gesellschaftliche und historische Kontext ignoriert wird, so muss erst einmal inne gehalten werden.

In Deutschland herrschen viele falsche Annahmen über die Lage der Christen in der Türkei

Bei der so genannten ‚kleinasiatischen Tragödie‘ geht unter, dass ihr ein Angriffskrieg und Besetzung Westanatoliens durch die damalige griechische Regierung vorangeht sowie dass es einen so genannten Bevölkerungsaustausch gab, wobei die griechischen Christen Türkei, und im Gegenzug die türkischen Bevölkerungsteile Griechenland verlassen mussten. Dabei mussten auch türkischstämmige Christen aus der Region Karaman die Türkei in Richtung Griechenland verlassen. Manche Stimmen führen den früheren griechischen Ministerpräsidenten Kostas Karamanlis auf diese Gruppen zurück. Auch beim so genannten armenischen Völkermord herrscht hierzulande eine einseitige Wahrnehmung vor.

Wie diese einseitige Wahrnehmung auch heute noch funktioniert, wurde kürzlich in einem Artikel einer liberalen Zeitung in Deutschland deutlich. Da wurde in dem Artikel der ‚Süddeutschen Zeitung‘ mit der Überschrift ‚Der große Exodus‘ auf die schwierige Lage der Christen im Irak hingewiesen und beklagt, dass eine große Zahl der irakischen Christen das Land verlassen habe. Es ist eine interessante Herangehensweise, in einem Land, wo kriegsbedingt nach manchen Angaben seit Kriegsbeginn täglich durchschnittlich über 600 Zivilisten ihr Leben verlieren, nur die Tragödie einer bestimmten Religionsgruppe zu beklagen.

Doch zurück zu den Klagen bezüglich der Christen in der Türkei. Hier lässt sich besonders bei engagierten christlichen Kreisen beobachten, dass viele der Klagen auf falschen Annahmen beruhen. So stimmt es z.B. nicht, dass in der Türkei Kirchen keine Glocken läuten dürfen. Es stimmt auch nicht, dass Menschen, die zum Christentum übertreten, von Staats wegen verfolgt würden.

Dennoch finden sich solche Aussagen z.B. in Informationsblättern von Organisationen wie ‚Kirche in Not‘. Was die anderen Klagepunkte angeht, so scheint die Situation hier in Deutschland nicht anders zu sein. Auch in Deutschland ist der Islam nicht anerkannt. Beim Gesetz zu Online-Durchsuchungen beispielsweise wurde beschlossen, dass bei Terrorverdacht Abgeordnete, Strafverteidiger und Pfarrer nicht abgehört werden dürfen. Für Imame gilt das jedoch nicht; sie gelten nicht als Berufsgeheimnisträger, weil sie nicht einer anerkannten Religionsgemeinschaft angehören. (Übrigens; bei tatsächlich bestehender Terrorgefahr sollten Imame keinen Sonderschutz genießen, genauso wenig wie Abgeordnete, Strafverteidiger oder Pfarrer).

„Christlich-jüdische Tradition”: Rechtfertigung staatlicher Ungleichbehandlung der Muslime

Diese fehlende Anerkennung hat auch in anderen Bereichen negative Folgen. Was die Schwierigkeiten beim Kirchenbau in der Türkei angeht, so dürften diese beim Bau von Moscheen in Deutschland nicht kleiner sein. In Österreich versucht man sogar mit Gesetzen den Bau von Moscheen und Minaretten zu verhindern. Dabei ist die Zahl der Kirchen in der Türkei in den letzten Jahren von 270 auf über 370 gestiegen. Allein in Istanbul werden 150 Kirchen gezählt. Und was die Behauptung angeht, die Türkei sei nicht wirklich laizistisch und religionsneutral, so stellt man in Deutschland nichts anderes fest. Auch in Deutschland wird mit dem Hinweis auf die jüdisch-christliche Tradition eine staatliche Ungleichbehandlung von Muslimen gerechtfertigt. Die Kirchen sind ein Teil der staatlichen Struktur, die Grenze zwischen Religion und Politik ist nicht immer leicht zu erkennen.

In einem Punkt jedoch scheinen die Muslime in Deutschland schlechter dazustehen als die Christen in der Türkei. In der Türkei werden die Christen so wahrgenommen, wie sie sich auch sehen. Man unterstellt ihnen nicht, dass sie keinen zeitgemäßen, unaufgeklärten, mit dem gesunden Menschenverstand nicht zu vereinbarenden irrationalen, potentiell gewalttätigen Glauben haben. Es gibt kein Projekt namens Türko-Christentum, dass ein an türkische Verhältnisse angepasstes Christentum hervorzubringen versucht. Die Christen gelten dort nicht als potentiell minderwertige Menschen, denen und deren Kultur man eine Stützung moderner Werte nicht zutraut. Sie stehen nicht unter Assimilationsdruck…

Doch um Missverständnisse vorzubeugen: Es geht hier nicht darum, Klagen mit Gegenklagen aufzurechnen oder die Verbesserung der Situation der Muslime hierzulande als Bedingung an die Verbesserung der Situation der Christen in der Türkei zu koppeln. Es ist nicht so sehr Kritik der anderen Seite, sondern mehr Selbstkritik nötig. Wäre es nicht das Sinnvollste, die Situation der Menschen im eigenen Lande an die eigene Selbstachtung und das eigene Selbstverständnis zu koppeln – und nicht an die Situation in anderen Ländern?
Dieser Artikel erschien 2008 in der Zeitschrift „Zukunft“.