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Die Ditib-Gemeinde in Herford sorgte in den vergangenen Tagen für heftige Kritik, weil ein Video auftauchte, in dem Kleinkinder als türkische Soldaten gekleidet Krieg inszenierten. BuzzFeed News liegt ein weiteres Video vor, das belegt: Herford ist kein Einzelfall. Im Gegenteil. Mit der Zentralmoschee in Mönchengladbach hat eine der größeren Ditib-Gemeinden Deutschlands das gleiche Schauspiel aufgeführt – offenbar unter Leitung des örtlichen Imams.

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Das Video ist etwas verwackelt, der Ton nicht ganz perfekt, aber doch gut zu verstehen. Es sind kleine Kinder im Vorschulalter zu sehen, die als Militärs marschieren und um einen gefallenen Soldaten trauern. Acht Jungen, in Soldatenuniform, stehend. Daneben sitzen ebenso viele Mädchen auf dem Boden. Sie sollen die besorgten Verlobten, Ehefrauen und Mütter symbolisieren. Während die Jungen gemeinsam eine große türkische Fahne in den Händen halten, rühren drei Mädchen mit Holzlöffeln in großen Behältern.

Im Hintergrund des Videos ist ein Mann mit schwarzem Anzug und Schnurrbart zu sehen. Das ist der Imam der DITIB Zentralmoschee in Mönchengladbach, Mülayim Bayindir. Laut türkischer Verfassung soll er die Menschen im Sinne der islamischen Religion aufklären. Doch die im Video gezeigten Szenen ähneln eher einer Propaganda-Veranstaltung für den türkischen Staat.

Imam warb offenbar für die Veranstaltung

Nach Informationen von BuzzFeed News aus dem Umfeld der Ditib-Zentrale soll Imam Mülayim Bayindir offenbar entsandter Religionsbeauftragter und somit Beamter des türkischen Staates sein. Zuvor soll Bayindir in der Türkei Mufti eines Bezirks gewesen sein – und wäre damit höher eingestuft als ein einfacher Imam. Auf konkrete Fragen zu Bayindirs Funktion und seinem Anstellungsverhältnis haben weder die Ditib-Gemeinde in Mönchengladbach, noch die Ditib-Zentrale oder die türkische Generalkonsulin in Düsseldorf geantwortet.

Der Imam hat die Veranstaltung nach Informationen von BuzzFeed News offenbar in einer WhatsApp-Gruppe offensiv beworben. Auf der Facebook-Seite der Gemeinde wird damit geworben, dass das Schauspiel „von unseren Schülern aus den Korankursen“ veranstaltet werde.

NRW-Integrationsminister: „Verstörend und völlig inakzeptabel“

Schon das Video des kleinen Moscheevereins in Herford hatte die Politik vergangene Woche stark kritisiert. „Der Vorfall bestärkt uns in unseren Befürchtungen, dass die Ditib in NRW im politischen Interesse der türkischen Regierung agiert“, sagte Integrationsminister Joachim Stamp (FDP) der Tageszeitung „Neue Westfälische“. Die Bilder seien „verstörend und völlig inakzeptabel“.

Das Integrationsministerium NRW schrieb auf Anfrage, es erwarte vom Ditib-Landesverband Aufklärung darüber, ob es weitere Vorfälle in anderen Gemeinden gegeben habe. „Aus Sicht der Kinder- und Jugendhilfe widerspricht die aktive Mitwirkung von Kindern an nationalistisch geprägten Gedenkfeiern durch die Verkörperung von Soldaten dem Geiste einer gewaltfreien Erziehung“, schreibt Pressesprecherin Wibke Op den Akker. Ob Hinweise auf konkrete Kindeswohlgefährdung vorliegen, müsse das örtliche Jugendamt prüfen. Die Stadt Mönchengladbach reagierte bislang nicht auf eine entsprechende Presseanfrage.

Die Zentrale Ditib-Gemeinde in Köln schickte lediglich eine Pressemitteilung aus der vergangenen Woche, in der sie die Vorfälle in Herford kritisierte und die Verantwortlichen zum Rücktritt aufforderte. Ob auch der Mönchengladbacher Imam Mülayim Bayindir zurücktreten sollte, beantwortete die Ditib-Zentrale auf Rückfrage nicht. Offen ließ die DITIB-Zentrale auch, ob sie zu den Propaganda-Veranstaltungen am 18. März motiviert hat und ob sie im Vorfeld über die Inhalte Bescheid wusste.

Kriegsspiele auch in Ditib-Gemeinde Ulm

BuzzFeed News ist zudem auf Fotos einer ähnlichen Veranstaltung in der Ditib-Gemeinde in Ulm gestoßen. Auch hier wurden Kinder als Soldaten verkleidet. Junge Mädchen präsentierten nationalistische Plakate mit der Inschrift: „Heimat, für dich opfere ich mein Leben. Türke, sei stolz, arbeite und vertraue.“ Das ist eines der berühmten Zitate des Begründers der modernen Türkei, Mustafa Kemal Atatürk. Die Ulmer Ditib-Gemeinde und der an der Ausrichtung beteiligte Türkische Elternverein Ulm haben auf Fragen von BuzzFeed News nicht reagiert.

Der Hintergrund zu diesen teilweise heftig kritisierten Veranstaltungen ist ein historisch wichtiges Ereignis der jüngeren türkischen Geschichte. Am 18. März 1915 besiegte das Osmanische Reich bei der Schlacht von Gallipoli das Vereinigte Königreich, Frankreich sowie australische und neuseeländische Truppen. Dieser Sieg ist für die türkische Republik bis heute historisch wichtig und die gefallenen türkischen Soldaten gelten als die größten nationalen Helden. Türkische Veranstaltungen zu diesem Anlass sind deshalb keine Besonderheit. Ungewöhnlich ist es jedoch, wenn in Deutschland geborene Kleinkinder, die in der Moschee Basiswissen über den Islam lernen sollen, von Ditib-Gemeinden zu Kriegsspielen und Propaganda instrumentalisiert werden.

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