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Diyanet-Präsident lässt sich von Erdoğan umstimmen

MEINUNG Die Religionsbehörde Diyanet ist die höchste islamische Autorität der Türkei. Dem Personal sowie dem Budget nach ist sie eines der mächtigsten Institutionen des Landes. Aber mit einer derzeit ohnmächtigen Leitung.

Worum es geht?

Beim Papst-Besuch in der Türkei Ende November 2014 kam heraus, dass der Diyanet-Präsident Mehmet Görmez sich eine Luxus-Karosse als Dienstwagen genehmigte.

Man stellte automatisch Vergleiche mit dem Papst an. Während der Papst sich bescheiden gab und kleinere Wagen bevorzugte, sollte der höchste amtliche islamische Vertreter der Türkei einen Luxuswagen fahren? Die Kritik-Maschinerie nahm ihren Lauf.

Macht schlägt moralische Autorität

Warum soll jemand einen so teuren Dienstwagen besitzen, der eigentlich in seiner offiziellen Funktion Sparsamkeit predigt? Bescheidenheit als Tugend lobt? Der sagt, es komme nicht auf das Äußere, auf Materielles an, sondern auf innere Werte? Und das alles gerade in einem Land wie die Türkei, wo viele Gläubige zu den Armen gehören? In den Moscheen Woche für Woche freitags Gläubige für gute Zwecke um ein Paar Lira gebeten werden?

Der Diyanet-Präsident hielt die ganze Kritik nicht mehr aus und entschloss sich, den Mercedes zurückzugeben. Er kündigte seinen Schritt als „ibret-i alem“ an. Er wollte der Öffentlichkeit demnach eine Lehre erteilen.

Doch er hatte die Rechnung ohne Erdoğan gemacht. Erdoğan, unparteiischer Staatspräsident der Türkei, gab nun in einem seiner Wahlkampf-Auftritte bekannt: Er habe mit dem Diyanet-Präsidenten gesprochen und sie seien darin übereingekommen, dass er ihm einen gepanzerten Mercedes aus dem Bestand des Präsidialamtes schenkt, und zwar im Wert von ca. vier Millionen Lira.

Also: Der Diyanet-Präsident hat wieder sein Luxus-Auto. Ein noch teureres als das alte.

Bei Fatwas: Warum nicht gleich das AKP-Büro fragen

Wir aber fragen uns schon: Kann Görmez immer noch als moralische Autorität gelten? Wo bleibt das Rückgrat eines Gelehrten, der einem solchen Amt vorsitzt? Welchen Wert haben die Fatwas (religiöses Gutachten) von Diyanet noch? Auf welches Urteil von Diyanet können sich die Gläubigen noch verlassen?

Wäre es nicht klüger, dass sich Gläubige in Zweifelsfragen statt dem örtlichen Mufti gleich an das AKP-Büro wenden? In letzter Zeit verwischen sich doch die Grenzen zunehmend und im Zweifelsfall behält die Einschätzung der Politik doch die Oberhand.

Ich frage mich: Wenn dem Diyanet-Präsidenten ein so teurer Mercedes zusteht, warum soll der DITIB-Präsident in Köln einen Wagen von niedrigerem Status fahren? Er repräsentiert ja schließlich auch etwas.

Ich würde spenden

Würden in DITIB-Moscheen Gläubige um milde Spenden gebeten mit der Erläuterung, „Bitte spendet im Namen Allahs, unser Präsident soll ein seinem Amt gebührenden Wagen fahren“, so würde ich ohne Zögern die Schatulle aufmachen. Zum einen halten doch Spenden Unglück von einem fern, egal wie hoch oder niedrig der Betrag ist, zum anderen wird das ja einem für das Jenseits gutgeschrieben!

Jetzt mal im Ernst: Es ist alles so absurd, so dass es schwierig wird, nicht in Sarkasmus abzugleiten. Bei solchen Fällen sagt eine Volksweisheit: Man sollte tun, was der Imam sagt, aber nicht, was er selber tut. Anscheinend ist das Problem alt.

Trotzdem ist es traurig, eine so große Institution mit moralischem Anspruch im Schlepptau einer von Korruption geplagten Politik zu sehen.

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