Doktortitel futsch - was wird aus Schavan?

Die Universität Düsseldorf entzieht Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) den Doktortitel. Der zuständige Fakultätsrat habe im Plagiatsverfahren für die Aberkennung gestimmt, teilte der Ratsvorsitzende, Prof. Bruno Bleckmann, am Dienstagabend mit.

Im Mai 2012 geriet Schavans Dissertation „Person und Gewissen. Studien zu Voraussetzungen, Notwendigkeit u. Erfordernissen heutiger Gewissensbildung“ aus dem Jahre 1980 unter Plagiatsverdacht. Schavan soll auf mindestens 94 von 325 Seiten ihrer Dissertation Textstellen ohne Quellenangaben übernommen haben. Schavan hatte erklärt, „nach bestem Wissen und Gewissen“ gearbeitet zu haben und bat die Promotionskommission der Universität Düsseldorf, die Vorwürfe zu prüfen.

Doktorvater monierte Verfahrensfehler

Stefan Rohrbacher, der seitens der Kommission mit der Untersuchung der Vorwürfe betraut war, wurde vom „Spiegel“ mit der Auffassung zitiert: „Eine leitende Täuschungsabsicht ist nicht nur angesichts der allgemeinen Muster des Gesamtbildes, sondern auch aufgrund der spezifischen Merkmale einer signifikanten Mehrzahl von Befundstellen zu konstatieren.“ Schavan bestritt am selben Tag diesen Vorwurf; ihr sei zuvor keine Gelegenheit gegeben worden, das Gutachten in Gänze in Augenschein zu nehmen. Sie werde das Urteil anfechten.

Auch Schavans Doktorvater Gerhard Wehle sagte in einem Interview, die Arbeit habe damals absolut dem wissenschaftlichen Standard entsprochen. Im Dezember 2012 wurde der Öffentlichkeit mitgeteilt, dass der Promotionsausschuss der Uni Düsseldorf empfohlen habe, ein Verfahren zur Aberkennung des Titels von Schavan einzuleiten.

Annette Schavan war von 1995 bis 2005 Ministerin für Kultus, Jugend und Sport in Baden-Württemberg und ist seit 2005 Bundesministerin für Bildung und Forschung.

Ihre Parteikarriere verlief sehr geradlinig. Von 1982 bis 1984 gehörte Schavan dem Stadtrat von Neuss an. Von 2001 bis zu ihrer Mandatsniederlegung am 30. September 2005 war sie Mitglied des Landtages von Baden-Württemberg. Sie wurde im Wahlkreis 14 (Bietigheim-Bissingen) direkt in den Landtag gewählt. Seit dem Wintersemester 2009/10 lehrt sie als Honorarprofessorin katholische Theologie an der Freien Universität Berlin.

In der Partei galt sie trotz ihrer Nähe zu Kanzlerin Merkel als umstritten. Trotz mancher Zugeständnisse an den konservativen Parteiflügel wurde vor allem dort Kritik an der Politikerin laut. 2008 kritisierte das „Netzwerk Bildungsfreiheit“, Schavan habe ihre Reformvorschläge ohne persönliche Rückantwort abgelehnt, darüber hinaus habe sie die Praxis der gerichtlichen Verfolgung von Homeschoolingeltern in Deutschland gerechtfertigt.

An der Basis beargwöhnte Reformkatholikin

Auch wenn Schavan sich für einen restriktiveren Vorschlag in der Frage der Lockerung der Regelungen zur Präimplantationsdiagnostik (PID) im Bundestag verwendet hatte, warfen Kritiker ihr in diesem Zusammenhang Halbherzigkeit vor.

Innerhalb der Römisch-Katholischen Kirche, der sie angehört, galt sie als „Reformerin“ und unterfertigte das so genannte „Theologenmemorandum“, das unter anderem eine Aufhebung des Pflichtzölibates für katholische Priester forderte. Sie selbst geriet allerdings nicht nur deshalb bei traditionelleren Katholiken in die Kritik. So sollen die Kosten einer Reise zu einer Privataudienz des Papstes nicht weniger als € 150.000,00 betragen haben.

Schavan unterstützte hingegen die im April 2009 gescheiterte Berliner Pro-Reli-Kampagne. In einem Gastbeitrag in der Berliner Zeitung erklärte sie im Dezember 2008, Schüler müssten „die freie Wahl haben, ob sie in den Ethik- oder in den Religionsunterricht gehen wollen“. Religion gehöre „in die Mitte der Gesellschaft“. Kinder und Jugendliche hätten einen Anspruch darauf, „dass sie erfahren, worauf Menschen seit über zweitausend Jahren ihre Hoffnung setzen“.

„Schäme mich nicht nur heimlich“ könnte auf sie zurückfallen

Auch über den Islam äußerte sie sich moderater als viele Parteikollegen. Sie würdigte in einem Interview für „Die Welt“ an diesem „die selbstbewusste Weise, die eigene Frömmigkeit zu leben”. Es gefalle ihr, „dass Muslime ihre Religion nicht meinen, verstecken zu müssen”. Kein Mitglied der Bundesregierung sage, der Islam gehöre nicht zu Deutschland, äußerte Schavan im April 2010.

Sie hatte Ende Januar 2013 auch starken Rückhalt von der CDU-Basis erfahren. 96 Prozent der Delegierten stellten sie wieder als Bundestags-Direktkandidatin im Kreis Alb-Donau/Ulm auf – trotz des Plagiatsverfahrens. Welche Auswirkungen die Entscheidung der Prüfungskommission auf die politische Zukunft der Ministerin haben wird, steht noch nicht fest. Für den Bundesvorstand kandidierte sie nicht mehr.

Allerdings könnten nun innerhalb der CDU und vor allem CSU Äußerungen aus dem Februar 2011 auf sie zurückfallen. In Anbetracht der damaligen Plagiatsaffäre rund um den früheren Bundesverteidigungsminister und CSU-Hoffnungsträger Karl-Theodor zu Guttenberg hatte sie öffentlich deklamiert „Ich schäme mich nicht nur heimlich“ und war auf diese Weise dem Ministerkollegen in den Rücken gefallen. Infolge dieser Äußerung begannen auch weitere Unionspolitiker, die Demontage zu Guttenbergs zu betreiben.

Es ist nicht davon auszugehen, dass die Anhänger des früheren Verteidigungsministers ihr dies vergessen oder auch nur vergeben haben.