Die 22-jährige Gökben Akgül posiert am 08.03.2014 in Wuppertal (Nordrhein-Westfalen) mit ihrem türkischen und deutschen Pass.
Am heutigen Tag, dem 20.Dezember 2014, wird die doppelte Staatsangehörigkeit - auch Doppelpass genannt - für in Deutschland geborene Migranten zum Regelfall. Dass diese nun nicht mehr der Optionspflicht nachkommen müssen, ist für viele eine Erleichterung.

Optionsmodell adé! Optionsmodell adé? Heute tritt die Gesetzesänderung in Kraft, auf die wir fast 15 Jahre lang warten mussten. Was bringt dieses Gesetz? Viele ausländische Bürger, die seit Jahrzehnten in Deutschland leben oder hier geboren sind, dürfen sich freuen sowohl den deutschen als auch ihren ausländischen Pass zu behalten, aber eben viele und nicht alle!

Zu den Ausgeschlossenen gehören all diejenigen, die vor 1990 geboren sind. Das Gesetz richtet sich also eindeutig auf die dritte und nachkommende Generation. Das hätte man anders lösen können. Ausgrenzung war nie ein guter Ratgeber für Politik- und für Einwanderungspolitik erst recht nicht. Ist das Gesetz ein Fortschritt? Nein! Es korrigiert einen Fehler, den wir den politischen Verhältnissen der Jahre 1998 bis 2000 verdanken. Konkret: Die CDU Hessen hat damals eine Unterschriftenaktion gegen den Gesetzesentwurf der regierenden rot-grünen Koalitionsregierung zum Staatsbürgerschaftsrecht gestartet. Insofern ist es jetzt Normalität- fast Normalität.

Gerade für junge Menschen, die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind, jedoch über eine Migrationsgeschichte verfügen, ist die Identitätsfrage eine besonders komplizierte. Diese jungen Menschen haben von ihren Eltern bestimmte Werte, Kulturen und Traditionen übernommen, die sie lieben und schätzen. Das Bild in Teilen der Mehrheitsgesellschaft, dass junge Einwanderer die Kultur, Religion und Sprache ihrer Eltern als überflüssigen Ballast empfinden würden, ist falsch. Sie suchen eher nach der Vereinbarkeit zwischen beiden Kulturen. Sie sind nicht entweder oder, sondern sowohl als auch.

Als in Deutschland aufgewachsener Einwanderer ist man weder zu 100 Prozent deutsch noch erfüllt man alle Eigenschaften der anderen Nationalität. Man befindet sich in einem Zwiespalt und meist leiden diese Menschen darunter sich zu keiner Nationalität zugehörig zu fühlen. Daran ist auch die Politik der vergangenen Jahrzehnte Schuld. Sie hat nicht die Rahmenbedingungen gestellt, die sprachliche und kulturelle Vielfalt als Bereicherung sieht. Manchmal habe ich das Gefühl, dass es so etwas, wie einen Sprachdogmatismus gibt. Das hat zuletzt der CSU-Vorstoß auch mit seiner Forderung verdeutlicht, dass Einwanderer zu Hause doch bitte deutsch sprechen mögen. Was soll das? Will die Politik jetzt bestimmen, wie ich mich in meinen vier Wänden zu verhalten habe?

Doppelte Staatsbürgerschaft Schritt in die richtige Richtung

Das jetzige Gesetz ist deswegen ein richtiger Schritt in die richtige Richtung. Wir sind aber noch lange nicht an dem Punkt angekommen, wo eine offene pluralistische Gesellschaft sein sollte. Nicht nur die Pegida-Demonstrationen sind ein Zeichen, dass man „das Andere“ nicht willkommen sieht. Viele mediale Diskussionen gehen in dieselbe Richtung.

Meine türkische Freundin, die in Deutschland geboren ist, besitzt nur die türkische Staatsangehörigkeit. Vielleicht will sie die deutsche, aber die türkische dafür aufgeben? Das wollte sie nicht. Das Gesetz löst ihr Problem nicht. Sie, eine angehende Lehrerin, ist 1989 geboren. Ist das gerecht?

Als sie sich erkundigte und erfuhr, dass sie die türkische Staatsangehörigkeit abgeben muss, um die deutsche zu erhalten, weigerte sie sich erst einmal. Obwohl sie hier geboren ist, sieht sie sich an erster Stelle als Türkin. Ist das schlimm? Oder anders gefragt: Kann man das Empfinden eines Menschen rational bestimmen? Ich glaube nicht. Sie hat die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt, weil sie ihre Karrierechancen erhöhen will. Sie sagte mir: „Ich würde mich nie als Deutsche bezeichnen.“ Ich merkte, dass sie sehr bedrückt ist, wenn wir über dieses Thema sprechen. Um die Stimmung aufzulockern, scherze ich mit ihr herum und sage dann meistens: „Es ist doch nicht so wichtig, was auf dem Papier steht. Der Mensch bleibt das, was er ist, egal ob mit einem deutschen oder anderen Pass.“ Ich nenne sie in solchen Situationen dann „Gisela“, obwohl sie „Gonca“ heißt, damit sie sich als Deutsche fühlt.

Dank Optionspflicht: Staatsbürgerschafts-Patchworkfamilie

Sie und ihre Familie sind eine Staatsbürgerschafts-Patchworkfamilie: Ihre jüngeren Schwestern, beide nach 1990 geboren, dürfen beide Staatsangehörigkeiten behalten. Der Vater hat nur die deutsche Staatsangehörigkeit, ihre Mutter die türkische. Nur sie muss sich zwischen beiden entscheiden.

Natürlich sind Gesetze wichtig. Oft wird man jedoch im Alltag nicht als Deutscher gesehen, obwohl man die deutsche Staatsbürgerschaft hat. Ausgrenzungen im Berufsleben, in der Schule und in der Nachbarschaft wird auch dieses Gesetz nicht abschaffen können. Dafür brauchen wir eine „Kultur des Zusammenlebens“, die vom Wissen übereinander, Respekt voreinander und Interesse aneinander geprägt ist.

Dass mit einem Gesetz nicht auf die Bedürfnisse von allen Einwanderern eingegangen werden kann, verstehe ich. Jedoch erwarte ich als ein Mitglied dieser Gesellschaft, das seine Zukunft in diesem Land sieht, dass mit kultureller und religiöser Vielfalt, Mehrsprachigkeit und Kulturkompetenz anders umgegangen wird. Für Deutschland ist es eine Chance- auch, wenn es noch viele Deutsche gibt, die das nicht so sehen.