Dritte Bosporusbrücke in Istanbul

Schnell und zutreffend kommt das „Praktische Lehrbuch Türkisch“ von Langenscheidt bereits in einer frühen Ausgabe aus den 1970er Jahren auf den Kern des türkischen Selbstbewusstseins. „Türkiye büyüktür“ (Die Türkei ist groß) lernt der wissbegierige Sprachschüler dort gleich in der ersten Lektion. Ein neues Beispiel für die „Größe“ dieses Landes am Rande Europas steht an diesem Freitag, dem 26. August, an. Dann eröffnet der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan die dritte Bosporusbrücke.

Mit der Hängebrücke, die die Meerenge an ihrem nördlichsten Ende, an der Einmündung in das Schwarze Meer auf 1408 Metern Länge überspannt, hat die Türkei in rekordverdächtiger Zeit ein neues Mega-Infrastrukturprojekt fertiggestellt. Noch im Frühjahr vergangenen Jahres standen allein die beiden mächtigen Pylone in der Meerenge, ragten als gewaltige Betonkolosse in den Himmel. Jetzt also, nach einer Bauzeit von weniger als vier Jahren, ist die Brücke fertig und mit ihr die zugehörigen achtspurigen Autobahnverbindungen auf europäischer und asiatischer Seite.

Istanbul wächst und wächst

Das nach dem osmanischen Sultan Selim I. benannte Bauwerk (Yavuz Sultan Selim-Brücke) ist die dritte Bosporusbrücke, die Asien mit Europa verbindet. Mit ihr dehnt sich Istanbul mit seinen geschätzten 15 Millionen Einwohnern bis an das Schwarze Meer aus. Von hier aus sind es rund 30 Kilometer Luftlinie bis zum historischen Zentrum der Stadt – mit Hagia Sophia, Blauer Moschee und dem alten Sultanspalast Topkapı, der den Bosporus an der südlichen Einmündung in das Marmarameer überragt.

Die neue Straßenverbindung soll dazu beitragen, den Verkehrsinfarkt in der Millionenmetropole abzuwenden, indem sie das eigentliche Stadtgebiet von Istanbul in einem großen Bogen im Norden umgeht. Gegner des Projekts kritisierten, durch die mit dem Bau einhergehende Verstädterung werde der Verkehr zu- und nicht abnehmen. Umweltschützer beklagten zudem die Zerstörung von Wäldern im Norden Istanbuls.

Frühere Bosporus-Brücke erstrahlt nur noch in Rot

Über die Meerenge führten bisher schon die 1973 eröffnete Bosporus-Brücke (Boğaz Köprüsü) und die 15 Jahre später fertiggestellte Fatih Sultan Mehmet-Brücke, die nach Mehmet dem Eroberer benannt ist. Nach dem Putschversuch von Mitte Juli wurde die älteste von den dreien in „Brücke der Märtyrer des 15. Juli“ umbenannt – in Erinnerung an den zivilen Widerstand gegen die Putschisten, die die Brücke mit Panzern blockiert hatten. Wurde sie früher nachts in wechselnden Farben angestrahlt, so leuchtet sie seither allein in Rot, der Grundfarbe der türkischen Nationalflagge.

Für Erdoğan dürfte die Eröffnung der neuen Brücke vor dem Hintergrund des Putschversuches und der aktuellen Serie von Terroranschlägen im Land ein willkommener Anlass sein zu zeigen, dass es trotz aller politischen Widrigkeiten vorangeht. An ehrgeizigen Plänen, gerade im Infrastruktur-Bereich, mangelt es mit Blick auf den 100. Jahrestag der Gründung der Türkischen Republik im Jahr 2023 nicht.

Ein Mega-Projekt nach dem anderen

Eine aus deutscher Sicht süffisant-spannende Frage ist, welcher Flughafen zuerst eröffnet wird. Der Berliner Hauptstadtflughafen BER oder doch der neue dritte Istanbuler Flughafen, der als einer der größten der Welt konzipiert ist? Bei der Grundsteinlegung im Juni 2014 sagte Erdoğan, die erste Bauphase des „Istanbul Yeni Havalimanı“ solle am 29. Oktober 2017 beendet sein, dem 94. Jahrestag der Staatsgründung der Republik. Ende 2018 solle der Flughafen ganz fertiggestellt sein, dann wolle man bis zu 150 Millionen Passagiere jährlich hier abfertigen.

Vorher heißt es jedoch noch schnell einen Autotunnel unter dem Bosporus eröffnen. Ein auf dem Meeresgrund verankerter Eisenbahntunnel („Marmaray“) verbindet Europa und Asien bereits seit 2013. Diese Röhre ist 13,6 Kilometer lang. 1,4 Kilometer davon verlaufen in einer Tiefe von 56 Metern quer durch den Bosporus. Der Tunnel ist nach Angaben der Konstrukteure auch bei schweren Erdbeben noch sicher, woran einige Erdbebenforscher vor der Eröffnung allerdings Zweifel äußerten. Istanbul ist stark erdbebengefährdet.

In der fast fertiggestellten Autoröhre („Avrasya-Tunnel“) sollen die Autos auf zwei Ebenen unter dem Bosporus hindurchfahren, auf der einen in Richtung Europa, auf der anderen in Richtung Asien. Und natürlich wird es sich Erdoğan nicht nehmen lassen, auch dieses Megaprojekt höchstpersönlich zu eröffnen. Noch vor Ende dieses Jahres soll es soweit sein, wie der Nachrichtensender CNN Türk dieser Tage berichtete. (dpa/dtj)