Home Politik Drohnen, Haubitzen, Gewehre: Wie die Türkei zur Rüstungsmacht aufstieg

Drohnen, Haubitzen, Gewehre: Wie die Türkei zur Rüstungsmacht aufstieg

Die Bayraktar TB2 (türkisch für "Fahnenträger") ist eine für mittlere Höhen und lange Flugdauer (MALE) ausgelegte Kampf- und Aufklärungsdrohne. Sie wurde vom türkischen Unternehmen Baykar entwickelt. Foto: dpa

Türkische Drohnen jagen russischen Truppen in der Ukraine. Panzerhaubitzen aus türkischer Fertigung verteidigen Länder weltweit. Das Land am Bosporus exportiert und rüstet auf – dank Waffensystemen aus heimischer Fertigung. 

Es ist Mitte Juni 2014. Die Sonne knallt auf das Gelände der Kommandantur des türkischen Heeres in Ankara. Recep Tayyip Erdoğan, damals noch Ministerpräsident, blickt gen Himmel. Gemeinsam mit dem damaligen Staatspräsidenten Abdullah Gül inspiziert er eine Innovation: den türkischen Kampfhubschrauber T 129 Atak.

Er und andere Waffensysteme sollen das türkische Militär unabhängig von teuren Exporten machen. Die türkische Rüstungsindustrie steckt damals – trotz einzelner Leuchtturmprojekte – noch in den Kinderschuhen. Heute, achteinhalb Jahre später, ist das anders. Ganz anders.

Türkische Rüstungsausgaben steigen seit 2014

Seither ist die türkische Rüstungsbranche auf Expansionskurs. Neben den am T 129 Atak beteiligten Unternehmen Turkish Aerospace Industries (TAI) und ASELSAN (Askerî Elektronik Sanayii A.Ş.) ist das auch auf die Erfolge von MKE (Makina ve Kimya Endüstrisi A.Ş.) zurückzuführen. Aber dazu später mehr.

Die türkische Regierung setzt voll auf die landeseigene Rüstung. Das beweist ein Blick auf die Zahlen: Die türkischen Rüstungsausgabe stiegen seit 2014 signifikant – von 2,3 (2015) auf 14,4 (2016), 15,5 (2017), 19,6 (2018) und als Höhepunkt 20,4 Milliarden US-Dollar im Jahr 2019. Seither schrumpfen die Zahlen: 2020 waren es noch 17,4 und 2021 dann 15,4 Milliarden US-Dollar. Dennoch wird für 2022 wieder mit einem Anstieg gerechnet.

Türkische Kampfdrohnen verändern Kriege weltweit

Mehr Geld bedeutet im Rüstungskontext mehr Beschaffung und mehr Export. Besonders offensichtlich wird die türkische Strategie bei einer neuartigen Waffengattung: den Kampfdrohnen. Denn die von TAI entwickelte Bayraktar TB2 ist ein echter Exportschlager. Herstellerangaben zufolge soll sie mittlerweile in 24 Länder geliefert worden sein.

Im Bergkarabach-Konflikt sorgte die Drohne für ein Erstarken der aserbaidschanischen Streitkräfte – und letztlich für den Sieg Bakus. In der Ukraine fügt Kiew den russischen Streitkräfte herbe Verluste mit ihr zu. Und EU-Länder wie Litauen und Estland starteten gar Crowdfunding-Aktionen zur Beschaffung der Drohnen.

Panzerhaubitze Fırtına gegen PYD und IS eingesetzt

Die Eigenproduktionen helfen dem türkischen Militär aber auch selbst. Neben der Bayraktar TB2 bauen die Streitkräfte vor allem auf die Panzerhaubitze T-155 Fırtına. Seit Februar 2016 wird sie an der syrisch-türkischen Grenze eingesetzt, um Positionen der kurdischen PYD und des IS zu beschießen. Auch das irakische Militär setzte sie ein, zum Beispiel bei der Schlacht um Mossul 2016 und 2017.

Erdoğans langfristiger Traum von einer regionalen Supermacht mit einer starken Armee sowie einer der weltgrößten Rüstungsexportindustrien scheint aufzugehen. Dafür spricht der Aufstieg des ASELSAN-Konzerns. Mehrheitlich im Besitz des türkischen Militärs stieg das Unternehmen aus Ankara zuletzt auf in die Riege der wichtigsten Rüstungsunternehmen weltweit.

ASELSAN zählt zu führenden Rüstungskonzernen weltweit

Im Ranking der Top 100 rüstungsproduzierender und -exportierender Unternehmen führt das Stockholm International Peace Research Institute (SIPRI) ASELSAN 2021 auf Platz 56. In dem Jahr verzeichnete es Waffenverkäufe in Höhe von 2,16 Milliarden Dollar, was einem leichten Rückgang gegenüber 2020 (2,2 Mrd. Dollar) entspricht.

Indes produziert MKEK Kleinwaffen. Ursprünglich Lizenznehmer und Partner des deutschen Unternehmens Heckler & Koch, fertigt MKEK bar jeglicher deutscher Kontrolle mittlerweile in Eigenriege die Sturmgewehre G3 und HK33 sowie die Maschinenpistole MP5, was ebenfalls ein Zeichen für das gestärkte Selbstverständnis der türkischen Rüstungsindustrie ist.

Neue Waffen verändern den Krieg in Bergkarabach

Zurück zum Kampfhubschrauber T 129 Atak: Der ist nämlich bis heute ein Verkaufsschlager. Das Militär Saudi-Arabiens, Pakistans und der Philippinen fliegt damit ebenso wie die Milizen im Bürgerkriegsland Libyen. Generell scheint die Türkei bei Waffenexporten allerdings wenig an rechtsstaatlichen Standards interessiert zu sein. Davon zeugen Rüstungsexporte in Regime, die als autokratisch gelten.

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