Mit der Zeit ändert sich auch die Bedeutung von Dingen.

Früher hatte ein Brief eine andere Bedeutung als heute. Briefe brachten Neuigkeiten aus der Ferne. Man erwartete sie sehnsüchtig. Sogar eine Sendung des ZDF, die in den 1980er Jahren immer samstags für die Gastarbeiter und ihre Familien ausgestrahlt wurde, hieß: „Türkiye Mektubu – Ein Brief aus der Türkei.“

Heute beinhalten Briefe hauptsächlich Rechnungen und Mahnungen. Man erwartet sie nicht sehnsüchtig. Im Gegenteil – man ist froh, wenn man seinen Briefkasten öffnen kann, ohne einen dieser Briefe zu finden.

Brief kommt wieder in Mode

In der heutigen Türkei aber kommen Briefe wieder in Mode. Wie kommt das, in Zeiten des Internets und der Smartphones?

Schuld daran ist die politische Lage. Wenn Journalisten ins Gefängnis wandern, die etwas zu sagen haben, aber gerade auf die genannten technischen Mittel verzichten müssen, dann greifen sie zu Stift und Papier. Sie sind noch nicht verboten. Wenn Journalisten als Terroristen eingesperrt werden, die nur wegen ihrer journalistischen Tätigkeit belangt werden, dann müssten logischerweise auch Stift und Papier als gemeingefährliche Waffen behandelt werden.

Wie dem auch sei. Bisher gab es Briefe aus den Gefängnissen unter anderem von Hidayet Karaca, Mehmet Baransu oder Gültekin Avcı. Nun gibt es einen Brief von Can Dündar, dem inhaftierten Chefredakteur der Zeitung Cumhuriyet.

Ihm wird der Prozess gemacht, da er über die LKWs des türkischen Geheimdienstes (MİT) berichtete, die angeblich Waffen nach Syrien transportierten. Erdoğan, der ‚unparteiische‘ Staatspräsident hatte ihm persönlich gedroht, nun droht ihm die ‚unabhängige‘ türkische Justiz mit lebenslanger Haft.

Can Dündar hat über seine ersten Tage im Gefängnis geschrieben, Überschrift: Der amateurhafte Spion (Acemi casus).

Brief von Can Dündar

In der Nacht, in der ich mit Erdem (Gül, Ankara-Korrespondent der Zeitung, der ebenfalls inhaftiert ist, Anm. d. Red.) in das Gefängnis Silivri gebracht wurde, fragte man uns als erstes:

„Terror oder einfacher Delikt?“

Ich lehnte mich zurück, atmete tief durch:

„Ich bin ein Spion“, sagte ich mit ernster Stimme…

Die Überraschung meines Gegenübers habe ich genossen.

Wenn sie aber gefragt hätten, für welches Land ich nun spioniert hatte, so hätte ich dies nicht beantworten können. Wenn ich das gewusst hätte, dann hätte ich auf einer Brücke dort mit einem anderen Spion um meinen Austausch gebeten. Aber sie haben es mir nicht gesagt.

Schlimmer: Es gibt auch keinen Beleg, der mich als Spion ausweist.

Nach dem Urteil des Richters zu urteilen habe ich die Belege, die ich erlangt habe, sofort in der Zeitung veröffentlicht, da ich ein amateurhafter, unerfahrener Spion bin. Und das entging ihm natürlich nicht.

Es ist der einzige Beweis…

Da die Mühlen der Justiz langsam mahlen, haben sie das nach sechs Monaten gemerkt.

Ähnlich dem schlagenden Vater, der seinem Kind droht, „Wenn einmal die Gäste weg sind, bist du geliefert“, haben sie den G20-Gipfel abgewartet.

Als die Gäste weg waren, haben sie meine Festnahme angeordnet – damit ich die Beweisstücke nicht vernichte.

An dem Tag wurde die Zeitung mit einer Auflage von 100.000 Exemplaren gedruckt. Demnach gibt es 100.000 Beweisstücke.

Ich müsste diese Beweisstücke umgehend unkenntlich machen.

In der ersten Nacht habe ich einen Plan gemacht:

Ich habe an unser Agentennetz einen Brief geschrieben:

„Findet umgehend diese Zeitungsexemplare, streicht die Schlagzeile mit einem Filzstift, macht sie unkenntlich.“

Danach habe ich aus diesem Schreiben einen Papierflieger gefaltet und ihn auf die Reise geschickt.

Aber so amateurhaft wie ich bin… Er blieb am Stacheldraht hängen.

(…)

***

Am zweiten Tag haben sie uns zu einem Psychologen geführt, um „eine Besserung zu erreichen“.   

Es sei wohl so üblich, sie stellen einige Fragen. Eine zierliche kleine Dame und die Fragesteller legen los: „Wer hat sie angestiftet?“

„Meine Mutter“, antwortete ich.

„Sie hat mir Bücher vorgelesen, als ich noch ein Kind war. Und mein Grundschullehrer… Er hat mir das Schreiben beigebracht.“

„Werden Sie die Straftaten wiederholen, wenn Sie draußen sind?“

„Es sieht wohl so aus. Ich schreibe sogar aus dem Gefängnis“

Und als ich dann noch aus der Gefängnisbücherei das Buch Don Quijote bestellte, werden sie wohl die endgültige Diagnose erstellt haben.     

***

Als ich im Gerichtsgebäude auf das Urteil wartete, belehrten mich die zwei alten, erfahrenen Insassen Celal Doğan und Celalettin Can auf den Korridoren, wie man auf- und abläuft. Celalettin schärfte mir ein: „Du muss mit Tempo laufen. Das Wichtigste: Den Weg des Anderen nicht abschneiden, der dir entgegenkommt.“

Ich sage jetzt in meiner kleinen Zelle in Silivri zu ihm:

„Es gibt aber niemanden, der mir entgegenkommt.“

Die alten Gefängnisse mit großen Räumen und zahlreichen Insassen haben Hochsicherheitsgefängnissen mit Isolationshaft Platz gemacht.

Hier bist du alleine mit deinem Auf und Ab.

Es gibt aber eine kleine Öffnung. Wenn man dort hinein ruft, so kann die Stimme über die Kanalisation die Stadt erreichen.

Als ich das als unerfahrener Spion am zweiten Tag entdeckte, machte ich sofort davon Gebrauch:

„Die Ohren von Midas… Pardon… Die LKWs des MİT transportieren Waffen.“

***

Ich denke, so viel Spionage reicht fürs Erste.

Ich habe noch kein Papier. Das Bedürfnisformular, auf das ich diese Zeilen schreibe, geht auch zur Neige.

Auf die übriggebliebene einzige Seite muss ich die Sachen schreiben, die ich brauche.

Eine kleine Tasse für die Toilette türkischer Art…

Als Vorbereitung auf den Winter ein Klebeband für die Tür…

Vileda für die Bodenreinigung…

Welches flüssige Reinigungsmittel ist wohl die beste?

Mit dem Papier, auf das ich vor einigen Tagen einen Brief an Merkel, Hollande und die Staats- und Regierungschefs von 28 EU-Staaten geschrieben habe, muss ich eine Pumpe für die Toilette bestellen.

Ja, es ist anstregend, diese Spionage-Tätigkeit…

Wie dem auch sei…

Es ist besser als Diebstahl…

Liebe Grüße aus Silivri…

***

Abschied von Elçi

Seinen letzten Tweet hat Tahir Elçi für uns abgeschickt…

„Ihre Festnahme ist ein schwerer Schlag für die Medien- und Meinungsfreiheit“, hatte er geschrieben.

„Falls nicht eine gewaltige gesellschaftliche Reaktion gezeigt wird, wird es schwierig sein, aus diesem dunklen Tunnel zurückzufinden“, ergänzte er.

Nach dieser Botschaft hat dieser Tunnel ohne Rückkehr auch unseren Friedensbotschafter in die Dunkelheit gerissen…

Er hätte vermutlich gelebt, wenn er festgenommen worden wäre…

Dies sind die Alternativen:

Etwas besser als der Tod ist die Zelle des Despoten. (…)

Ihr werdet wohl seit einiger Zeit keinen Brief mehr geschrieben haben.

Falls Ihr schreiben wollt…

Meine Anschrift:

A-1 / 5 Silivri Cezaevi