Durchwachsenes Zeugnis für Willkommenskultur in Deutschland

Gütersloh – Die Deutschen haben eine widersprüchliche Haltung zur Zuwanderung. Zwar halten sie Deutschland für eines der weltweit attraktivsten Einwanderungsländer, sie selbst allerdings stehen Zuwanderung kritisch gegenüber. Das zeigt eine repräsentative Umfrage von TNS Emnid im Auftrag der Bertelsmann Stiftung, die in der Zeit vom 12. bis 20.10. durchgeführt worden war. „Deutschland unterschätzt die Bedeutung einer Willkommenskultur und überschätzt seine Attraktivität als Einwanderungsland“, sagte Ulrich Kober, Integrationsexperte der Bertelsmann Stiftung, zu den Ergebnissen.

Hoffnung auf eine künftig stärker ausgeprägte Willkommenskultur mache hingegen die deutlich positivere Haltung der jungen Generation gegenüber Zuwanderung. Für die Befragten unter 29 Jahren überwiegen die Vorteile von Zuwanderung. Sie schätzten die Leistungen der bereits länger in Deutschland lebenden Zuwanderer höher ein und seien mehrheitlich für erleichterte Einbürgerungen und Gesetze gegen die Benachteiligung von Zuwanderern. Auch in der Bewertung, ob Zuwanderung Probleme in der Schule verursache, unterscheide sich die Altersgruppe der 14- bis 29-Jährigen erheblich von jener der über 60-Jährigen: Während die Älteren schulische Integration als den negativsten Aspekt von Zuwanderung überhaupt sähen (74 Prozent), sei es für die Jüngeren ein untergeordnetes Problemfeld (46 Prozent).

Problembewusstsein ist in vielen Bereichen vorhanden

Insgesamt sei die Tendenz uneinheitlicher. Anders als die junge Generation weist das Ergebnis der Umfrage – die via Telefon unter 1.002 Personen der bundesdeutschen Wohnbevölkerung ab 14 Jahren durchgeführt worden war – die Gesamtbevölkerung in der Frage, ob Zuwanderung Deutschland nützt oder schadet, als hin- und hergerissen und deutlich skeptischer aus. Auf der einen Seite befördere Zuwanderung für sieben von zehn Befragten die Ansiedlung internationaler Firmen und mache das Leben in Deutschland interessanter. 62 Prozent der Bürger sähen Vorteile darin, dass Zuwanderung die Überalterung der Gesellschaft mindere. Jeder Zweite erachte Zuwanderung als wirksames Mittel gegen Fachkräftemangel. Demgegenüber seien jedoch knapp zwei Drittel der Bürger der Auffassung, Zuwanderung führe zu zusätzlichen Belastungen in den sozialen Sicherungssystemen, zu Konflikten mit Einheimischen und zu Problemen in den Schulen.

Nur jeder zweite Deutsche glaube zudem, dass Zuwanderer vor Ort eine freundliche Aufnahme erfahren. Der Willkommenskultur stellen die Befragten damit ein eher schlechtes Zeugnis aus. Das steht in erheblichem Widerspruch zu der Einschätzung, Deutschland sei ein besonders attraktives Zielland für qualifizierte Zuwanderer. Auf die Frage nach den drei attraktivsten Einwanderungsländern nennen die Befragten außer Deutschland (56 Prozent) nur die USA (44) annähernd ähnlich häufig, mit großem Abstand folgten Frankreich (15), Schweiz, Schweden und Kanada (alle 14). „Die sehr geringe Resonanz auf Green Card und Blue Card spricht eine andere Sprache: De facto wird Deutschland von Hochqualifizierten aus Nicht-EU-Ländern gemieden“, sagte Kober, der sich für eine größere Offenheit der Bevölkerung aussprach: „Ohne Offenheit sind wir nicht attraktiv für qualifizierte Zuwanderer, die wir allein schon aufgrund der demografischen Entwicklung dringend brauchen.“

Für mehr Toleranz, aber gegen schärfere Antidiskriminierungsgesetze

Maßnahmen zu formaler Gleichstellung von Zuwanderern stehen die Bürger überwiegend ablehnend gegenüber. Weniger als jeder Zweite spricht sich in der Umfrage dafür aus, die Einbürgerung zu erleichtern, eine doppelte Staatsbürgerschaft zu ermöglichen oder Anti-Diskriminierungsgesetze zu verschärfen. Kober: „Obwohl Deutschland bei der formalen Gleichstellung Nachholbedarf gegenüber allen klassischen Einwanderungsländern hat, sehen die Deutschen Handlungsbedarf eher bei weichen Themen.“

Andererseits mischen sich auch Elemente von Selbstkritik in die Einschätzung. So vertreten 70 Prozent die Auffassung, dass mehr für Toleranz und Achtung gegenüber Einwanderern getan werden müsse. Nur jeder Fünfte halte Toleranz und Umgang mit Vielfalt für ausreichend in den Schulen verankert. Um die Lebensbedingungen für Zuwanderer attraktiver zu gestalten, sollte es nach Ansicht der Mehrheit der Befragten mehr Angebote von Sprachkursen und Sprachförderung von Kindern, eine bessere Anerkennung von Berufsabschlüssen, mehr Unterstützung vor Ort und erleichterten Zuzug von Familien geben. Als zu gering bewertet wird die Zahl von Zuwanderern mit Jobs in öffentlichen Einrichtungen: Nur rund ein Viertel der Befragten sieht Menschen mit Migrationshintergrund in Polizei, Kita, Schule und Behörden angemessen vertreten.