Ein deutscher Abschied aus der Eurozone macht Sinn

Es steht schlecht um den Euro und das bereits seit geraumer Zeit. Angefangen von den Schuldenbergen der südeuropäischen Länder bis hin zur Vertiefung der Rezession infolge der Sparmaßnahmen ist eine Krise entstanden, die Umstrukturierungen in der Währungsunion längst überfällig macht. Man kann es drehen und wenden, wie man will, für billige Lösungen ist es in der Eurozone längst zu spät.

Von Beginn der Krise an, nachdem ich begonnen hatte, mich intensiv mit den wirtschaftlichen Grundlagen der Eurozone vertraut zu machen, habe ich die Meinung vertreten, man müsse die Europäische Wirtschafts- und Währungsunion entweder neu strukturieren oder auflösen.

Begebenheiten der jüngeren Vergangenheit, die dieses Thema betreffen, wie z.B. der Bericht der Deutschen Bundesbank an das deutsche Bundesverfassungsgericht und die Wortmeldung des George Soros mit seinem Artikel „Deutschlands Entscheidung” verstärkten in mir noch den Eindruck, dass wir nach den Wahlen in Deutschland im September definitiv ein Ergebnis erreichen werden, das in diese Richtung gehen wird. Der Bericht der Bundesbank wiederholt seine bekannte, harsche Kritik an der Geldpolitik der Europäischen Zentralbank, jedoch ist ein an die Öffentlichkeit gelangter, eigentlich vertraulicher Bericht der Bundesbank für das Verfassungsgericht nichts wert. Soros behauptet wiederum in seinem Artikel, dass Deutschland die Eurozone entweder verlassen oder akzeptieren müsse, dass die Staatsschulden europäisiert werden.

Abgesehen davon war es ein vor kurzem erschienener Artikel mit dem Titel „Die Eurozone am Rande des Zusammenbruchs”, verfasst von Professor Paul Jorion, Autor diverser Bücher über die Geldwirtschaft und Sozialwissenschaftler an der Freien Universität Brüssel, der meine Aufmerksamkeit einmal mehr auf das Thema „Krise in der Eurozone“ gelenkt hat. Während seines Interviews mit Mediaport, einem bekannten französischen Online-Journal, sagte Professor Jorion, dass er, genau wie Soros, glaubt, dass es an der Zeit für Deutschland sei, sich zu entscheiden.

Europäisierung und Abschreibung als einzige gemeinsame Optionen

Immer mehr Experten aus Politik und Finanzwelt, vom Internationalen Währungsfonds (IWF) über Soros, von französischen Sozialisten bis hin zu Carmen Reinhart und Kenneth Rogott, den Autoren des heiß diskutierten Artikels „Wachstum in einer Zeit der Schulden“, haben die negativen Konsequenzen des Schuldenüberschusses analysiert und vertreten die Meinung, dass die Schuldenberge der südeuropäischen Länder nicht zurückgezahlt werden können und somit ein großer Teil von ihnen abgeschrieben werden muss. Nur die Deutschen tun so, als könne man diese unangenehme Realität ignorieren. Tatsächlich aber vertiefen Sparprogramme die Rezession und die Rezession verschlimmert ihrerseits wiederum das Schuldenproblem.

Im Prinzip liegen zwei Lösungsansätze auf dem Tisch, die gleichzeitig in Betracht gezogen werden müssen: Massive Abschreibungen bei Staatsschulden, gestützt von den Finanzinstitutionen und dem Europäischen Stabilisierungsmechanismus und eine Europäisierung der übrigen Schulden über die Ausgabe von Anleihen.

Neben dem Staatsschuldenberg und den Bankverlusten der südeuropäischen Länder gibt es zudem noch einen anderen Schuldenberg: Die Rede ist von den kolossalen Schulden vieler Zentralbanken der Eurozone an die Bundesbank als Resultat der Akkumulation der aktuellen Fehlmenge der jeweiligen Länder, gepaart mit den aktuellen eigenen Mehrbeträgen aus Deutschland. Die Bundesbank hat noch 700 Milliarden Euro an Forderungen gegenüber dem Rest der Eurozone offen. Diese Forderung kann niemals kompensiert werden, es sei denn, die südlichen Länder fangen an, Überschüsse gegenüber Deutschland zu erwirtschaften.

Massive Lohnanpassungen in unterschiedlicher Richtung wären nötig

Der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Alan Blinder, ein ehemaliger Vize-Vorsitzender des Direktoriums der US-Notenbank, schrieb vor fast drei Jahren einen eher sarkastischen Artikel. Dieser hieß „Die deutsche Krise der Eurozone“ und seine Grundthese war, dass die Schulden- und Bankenkrise die ganze Aufmerksamkeit erfordern würde, weil alles so dringend wäre – aber dass das andere, wesentlich seltener bemerkte Problem – nämlich einseitiges Konkurrenzdenken innerhalb der Eurozone – viel hartnäckiger wäre. Blinder erklärt in diesem Artikel, dass die Entstehung einer riesigen Lücke in der Wettbewerbsfähigkeit, bedingt durch akkumulierte Inflation und Produktivitätsunterschiede, unweigerlich die Anhäufung von außenwirtschaftlichen Defiziten auf der einen Seite und Überschüsse auf der anderen Seite zur Folge habe. Insbesondere gelte dies innerhalb einer fehlerhaften Währungsunion souveräner Nationalstaaten, wo Wechselkurse per Definition nicht als Instrument der Anpassung verwendet werden können. Um dieses Ungleichgewicht zu beenden, seien Lohndeflation im Süden und höhere Lohnentwicklungen im Norden notwendig. Die erste Lösung ist auf dem Weg und droht, die gesellschaftlich akzeptierten Grenzen zu überschreiten, während die Deutschen niemals einer einseitigen, isolierten Abweichung der deutschen Lohnentwicklung zustimmen würden, die ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit gefährden könnte. Professor Blinder beendete seinen Artikel mit den Worten: „Ich wünsche ihnen alles Gute.”

All diese Lösungen weisen im Prinzip auf eine einfache Realität hin: Die Deutsche müssten für ihren Erfolg durch einen massiven Vermögenstransfer an den Süden bezahlen, oder „Lebewohl” zum Euro sagen. Lassen Sie mich diesen Artikel mit den letzten Worten aus Paul Jorions Interview beenden: „Die Eurozone ist zu einer zu schweren Last für die Deutschen geworden. Es liegt im kalkulierten Interesse Deutschlands, sich abzunabeln.” Dem stimme ich zu.

Autoreninfo: Prof. Dr. Seyfettin Gürsel ist Wirtschafts- und Politikwissenschaftler. Sein Studium absolvierte er im europäischen Ausland, u.a. in Paris. Nach Tätigkeiten in der freien Wirtschaft und Politik nahm er seine Lehrtätigkeit in den 90er-Jahren wieder auf. Seit 2008 ist er an der Bahçeşehir Universität und leitet dort das „Forschungszentrum zu Wirtschaft und Gesellschaft“. Er hat zahlreiche Bücher und Artikel über die türkische Wirtschaftsgeschichte und politische Wahlsysteme veröffentlicht.