Am nächsten Tag rief ich ihn an und stellte mich vor. Den Namen meiner Nachbarin gab ich als Referenz. Es war gut zu hören, wie sehr sich der Mann auf diese Einladung gefreut hatte. Wir hatten uns für den kommenden Samstag 14:00 Uhr verabredet. Ich sollte die Familie abholen und nach Hause fahren.

Sie haben Ihr Ziel erreicht, das Ziel befindet sich rechts“ klang aus meinem Navigationsgerät. Wo ich mich gerade befand? An einem Ort, den ich sonst nie besucht hätte, wenn sie nicht gewesen wäre.

Alles begann mit einem Besuch unserer Nachbarin. Es war mir inzwischen bekannt, dass sie sich seit längerer Zeit in der Flüchtlingshilfe engagierte. Flüchtlinge. Jene Menschen, die ihr ganzes Hab und Gut in ihrer Heimat zurückgelassen haben und nach Deutschland geflüchtet sind. Jene Menschen, die nur noch ein Dach über dem Kopf hatten. Das „deutsche“ Essen konnten die meisten nicht vertragen, weil sie aus einem ganz anderen Kulturkreis stammten. Sie hatten eben eine andere Küche und andere Geschmacksrichtungen. Nur das Frühstück schmeckte den meisten. Deutsche Butter, holländischer Gouda und eben „Nutella“. Jeden Morgen dasselbe. Mit der Zeit schmeckte es auch nicht jedem.

Ich hörte von meiner Nachbarin, in welchen Zuständen diese Menschen untergebracht worden waren. Teils in Baracken, wenn auch modern eingerichtet, teils in Zimmern, die sie mit anderen Familien gemeinsam nutzen mussten. In den meisten Fällen war die Privatsphäre einfach nicht vorhanden. Toiletten oder Duschräume zählten zu den Gemeinschaftsräumen. Vor allem eine muslimische Frau, die sich gegenüber fremde Männer verschleierte, fühlte sich nicht ganz wohl in diesen Einrichtungen. Trotz der vielen Hilfen, die sie sehr zu schätzen wissen.

Was „Vater Staat“ alles leistet

Nicht, dass ich die Hilfsbereitschaft unseres Staates kritisiere. Deutschland ist in der Flüchtlingshilfe einfach ein Vorbild für viele EU-Staaten. Mit über zwei Millionen Menschen, die wir aufgenommen haben, liegen wir schon weit über unserem Limit. Viele engagierte Menschen legen Hand an, um den Geflüchteten eine Stütze zu sein. Es war nicht einfach, was meine Nachbarin alles leistete. Die Unterbringungseinrichtungen gaben auch nur das in ihrer Macht stehende. Mehr konnten sie auch nicht leisten.

Wir tranken unseren Kaffee. Meine Frau servierte noch Kuchen und allerlei Süßigkeiten, die ich mir während unserer Unterhaltung genauer anschaute. Sie waren für unsere Gaumenfreude gedacht. Doch es war irgendwie paradox, was ich von meiner Nachbarin hörte und alles, was auf dem Tisch stand. War es nicht beschämend, alles, was das Herz begehrt, auf dem Tisch zu haben, während Menschen auf der ganzen Welt verhungerten. Sogar die Flüchtlinge, die ihren Weg bis nach Deutschland gefunden haben, lebten nicht so bequem wie wir. In diesem Moment dachte ich: „Da geht doch was“. Alles, was ich selber esse, kann ich doch mit diesen Menschen teilen. Hat das nicht unser Glaube sogar vorgeschrieben? Zählte nicht das Almosen zu den fünf fundamentalen Geboten des Islams? Was machte ich falsch? Ich durfte nicht nur für mich und meine Familie leben. Ich musste etwas für die Flüchtlinge tun. Wie sagte einst Erich Kästner: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es“. Ich musste eine gute Tat vollbringen.

Eine gute Tat

So entschlossen wir uns mit meiner Frau, eine Flüchtlingsfamilie zu uns nach Hause einzuladen. Meine Nachbarin erzählte von einer Familie, die vor einigen Wochen aus Myanmar geflüchtet war. Es ginge dem 12-jährigen Sohn der Familie psychisch nicht mehr gut. Sie gab mir die Mobilnummer des Mannes.

Am nächsten Tag rief ich ihn an und stellte mich vor. Den Namen meiner Nachbarin gab ich als Referenz. Es war gut zu hören, wie sehr der Mann sich auf diese Einladung gefreut hatte. Wir hatten uns für den kommenden Samstag 14:00 Uhr verabredet. Ich sollte die Familie abholen und nach Hause fahren. Wenigstens zwei Tage sollten sie bei einer Familie verbringen, in der die Geborgenheit zu spüren war. Anders, als in einer Flüchtlingsunterkunft.

Für das kommende Wochenende bereiteten wir dann alles vor. Es wurde ordentlich eingekauft. Als der Samstag anbrach, machten wir uns an die Sache. Meine Frau sollte zu Abend kochen, während ich am Mittag in mein Auto eingestiegen bin, um die Familie aus der Unterbringungseinrichtung in Schöppingen (Münsterland) abzuholen. Mein Sohn war im gleichen Alter wie der Sohn der Flüchtlingsfamilie. Er wollte mich unbedingt begleiten. Also nahm ich ihn auch mit.

Es war ein besonderes Erlebnis in meinem Leben. Menschen, wenn auch nur für zwei Tage aufzunehmen, die aus Ihrer Heimat flüchten mussten. Die Navigationsgeräte kennen ja jeden Weg. Also brauchte ich ihm nur zu folgen. Auf der Fahrt rief ich den Mann erneut an und sprach über die Freisprechanlage, dass ich in einer Viertelstunde ankommen werde.

Die erste Begegnung

Nach ca. zwanzig Minuten fand ich, besser gesagt das Navigationsgerät, die Einrichtung. Die Familie wartete mit einem Koffer vor der Einfahrt. „Sait?“ fragte ich, um sicher zu gehen, dass er es auch war. „Said?“ fragte er zurück. Er war ein Namensvetter von mir. Nur der letzte Buchstabe unterschied sich. Seine Frau hieß Aischa und der Sohn Muhammad. Ich umarmte den Mann, obwohl wir uns zum ersten Mal begegneten. Die Familie stieg ein und wir fuhren nach Hause.

Als wir zu Hause ankamen, fiel ein Ausdruck der Erleichterung in das Gesicht von Sait. Er war glücklich, zu einer Familie gekommen zu sein. Seiner Frau ging es nicht anders. Wir hatten viel zu erzählen. Wie wir uns verständigen konnten? Ein bißchen Englisch, ein paar Brocken Deutsch mit freundlicher Unterstützung unserer Gebärden und viel Liebe. Man sollte diese Menschen nur verstehen wollen. Dann findet man schon eine gemeinsame Sprache.

Sait schoss los und erzählte seine halbe Biographie. Er war Englischlehrer. Seine Frau Pädagogin. Also Akademiker, die Deutschland gut gebrauchen konnte. Von wegen Fachkräftemangel. Das Problem wird gelöst, wenn einige hundert solcher Menschen hier aufgenommen und in den Arbeitsmarkt gut integriert werden könnten.

Meine Frau fing an, den Tisch zu decken. Aischa half ihr dabei. Sie fühlte sich wie zu Hause. Das war lediglich auch unsere Absicht. Sait bewunderte die Gerichte, die meine Frau gezaubert hatte. Suppe, Reis mit Köfte, Manti und Salat. Alles aus der türkischen Küche. Die Familie war sprachlos. Sait erzählte, dass er sogar in Myanmar nicht solch leckere Gerichte verzehrt hatte. Er fühle sich wie im Paradies.

Nach dem Essen tranken wir noch den berühmten türkischen Çay. Natürlich mit Börek und weiteren Süßigkeiten. Bis Mitternacht unterhielten wir uns mit der Familie, während mein Sohn mit Muhammad sehr gute Freunde geworden war. Als ich sah, wie die Augen unserer Gäste immer mehr zu einem Schlitz wurden, bereiteten wir im Wohnzimmer die Sofas vor, damit sie dort übernachten konnten. Wir verließen die Familie Richtung Schlafzimmer und machten die Wohnzimmertür zu.

Das Frühstück, das noch heute in meinen Ohren klingt

Am nächsten Morgen war die Familie bereits um 9 Uhr auf den Beinen. Meine Frau und ich bereiteten in der Küche schon das Frühstück zu. Der Käse sollte in Scheiben geschnitten werden. Das Besteck vorbereitet werden und..und..

Aischa kam in die Küche und nahm mir die Arbeit ab. Ich gesellte mich zu Sait. Als der Tisch gedeckt war, versammelten wir uns um das Frühstück. Sait und Aischa saßen nebeneinander. Er drehte sich zu seiner Frau um und sagte: „Aischa, sind wir bereits gestorben und im Paradies gelandet. Es ist alles hervorragend“. Dieser Satz hatte mich so richtig getroffen. Das, was wir jeden Tag zu Frühstück aßen, war für diese Menschen etwas ganz Besonders. Sie fühlten sich wie im Paradies. Sie vermissten diese Wärme. Vor allem diese Auswahl an Essen. Das hätten sie seit Jahren nicht gehabt, versicherte uns Aischa. Ich stand kurz davor, in Tränen zu verfallen. Es war eine Zeitlang eine sehr emotionale Atmosphäre. Ich hätte weinen können. Doch ich fand mich wieder.

Der Mensch schätzt meistens nicht den Wohlstand, den er besitzt. Er denkt dabei gar nicht an seine Mitmenschen, die das alles vermissen. Nur wenn man sie aufnimmt und in sein Herz schließt, kann man verstehen, was diese Menschen tatsächlich fühlen. Sie brauchen unsere Nähe. Sie brauchen unsere Freundschaft und unsere Unterstützung, damit sie in Deutschland Fuß fassen können. Wir sollten uns also weiterhin ehrenamtlich engagieren. Um den Flüchtlingen ein sogenanntes Frühstück im Paradies zuzubereiten.

Seit diesem Wochenende haben wir Dutzende Flüchtlingsfamilien kennengelernt. Wir haben ihnen unsere Wohnung, nein nein, besser gesagt unsere Herzen geöffnet. Fast jedes Wochenende essen wir mit einer anderen Familie zusammen. Sie schätzen unsere Unterstützung und so fühlen wir uns sehr glücklich. Sie sind alle herzlich eingeladen. Wir erwarten sie alle. Nämlich zu einem „Frühstück im Paradies“.