Kein Weihnachtsmarkt wie jeder andere

Ein Jahr nach dem Attentat bemüht sich Berlin um Normalität

Die meisten Berliner erinnern sich, wo sie am Abend des 19. Dezember 2016 waren: Der Schock durch den Terroranschlag sitzt immer noch tief. Zum Jahrestag wird ein Mahnmal zum Gedenken an die Opfer eingeweiht.

Auf dem Berliner Breitscheidplatz kann die Adventszeit nicht sein wie anderswo. Allein die vorläufige Gedenkstelle für die Attentatsopfer von eben diesem fällt zu sehr ins Auge: Kerzen erinnern an die zwölf Menschen, die der Terrorist Anis Amri am 19. Dezember vergangenen Jahres in den Tod riss. Betonblöcke an den Straßen sollen die Passanten nun schützen, und viele Polizeibeamte sind präsent.

„Der Anschlag hat einen tiefen Schmerz hinterlassen, natürlich auch bei den Schaustellern“, meint Pfarrer Sascha Ellinghaus, ein besonders für diese Berufsgruppe berufener Seelsorger. In den vergangenen Monaten hat er immer wieder den Kontakt zu den Budenbesitzern gesucht, die an jenem Abend ausschenkten oder Lebkuchen verkauften.

Um kurz vor acht Uhr abends lenkte Amri damals einen tonnenschweren Sattelschlepper in das bunte Treiben. Den polnischen LKW-Fahrer hatte er zuvor ermordet, elf weiteren Menschen raubte er bei der Todesfahrt das Leben, bevor das automatische Bremssystem wirkte.

Trotz des tief sitzenden Schocks sind fast alle Budenbesitzer in diesem Jahr wiedergekommen. Über die vielen Polizisten sind sie froh. Sie fühlen sich sicher, beteuern sie. Auch die meisten Weihnachtsmarktbesucher wirken unbeschwert. Der ein oder andere bleibt aber vor den Kerzen mit dem großen Schild „Warum?“ stehen. Andere deuten im Gespräch auf die Stelle, an der der LKW von der Straße über den Bürgersteig auf den Markt fuhr.

Sie ist nun markiert durch einen etwa drei Zentimeter breiten goldfarbenen Riss, der sich in einer Länge von insgesamt 14 Metern über den Platz zieht. Das bewusst einfach gehaltene Mahnmal soll an die Opfer erinnern. Zudem sollen die Namen der Toten und ihre Herkunftsländer auf der Vorderseite der Stufen zur Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche angebracht werden.

Wie groß das Leid der Verletzten und Hinterbliebenen ist, weiß kaum jemand besser als der frühere Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, Kurt Beck. Seit März berät er die Opfer. Zu rund 100 Betroffenen hat er insgesamt Kontakt. Sie seien teilweise nach wie vor traumatisiert und in Behandlung, berichtet er. Erst vor kurzem sei eine Frau zu ihm gekommen, deren Arzt sie auf die Beratungsstelle aufmerksam gemacht hatte.

Beck unterstützt Betroffene beim Beantragen einer Entschädigung, vermittelt sie an weitere Beratungsstellen – oder hört ihnen einfach zu. Auf den ersten Jahrestag blicken sie „mit Furcht, ja mit Horror“, betont der frühere SPD-Vorsitzende. Schon bei ähnlichen Ereignissen in anderen Ländern wie jüngst dem Anschlag in New York bricht bei manchen alles wieder auf.

Beck fordert eine dauerhafte Anlaufstelle für ähnliche Fälle. Viele Angehörige hätten nach dem Attentat nicht gewusst, in welche Krankenhäuser Ehepartner, Eltern oder Kinder gebracht wurden. Zudem müsse die Soforthilfe für Opfer erhöht werden, meint Beck. Bislang erhielten Hinterbliebene 10.000 für den Verlust eines Elternteils oder eines Kindes. Viele Länder zahlen mehr als das Doppelte, was auch angemessen sei, so Beck.

Am 19. Dezember wird auch er zum Breitscheidplatz kommen. An diesem Tag wird das Mahnmal eingeweiht. Bei einem ökumenischen Gottesdienst in der Gedächtniskirche wird Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sprechen.

Der Marktbetrieb wird an diesem Tag ruhen, das Karussell wird sich nicht drehen, aus den Lautsprechern werden keine Weihnachtslieder dudeln. Auch die Lichterketten sollen an diesem Tag nicht leuchten. Stattdessen können die, die um die Opfer trauern, Kerzen entzünden und sich zu einem Friedensgebet treffen.

Anzeige:

KNA/wil/gor/pko