Seit vier Wochen dauert die Gewalt in der Türkei nun an. Die Luftwaffe fliegt Angriffe auf Stellungen, die PKK setzt ihre heimtückischen Anschläge aus dem Hinterhalt fort. Die Nachrichten im Fernsehen berichten, wie viele Tote die andere Seite zu beklagen hat.

Es ist nicht schwer zu vermuten, dass bei Meldungen über getötete PKK-Kämpfer die Genugtuung in der türkischen Bevölkerung steigt, ebenso im umgekehrten Fall. Der Konflikt betrifft jedoch nicht nur den Staat und die PKK. Er geht auch mitten durch so manche Familie in der Region. Manche haben auf beiden Seiten Angehörige, und zwar zur gleichen Zeit.

Zu einer dieser Familien gehört Ayşe Aygün. Sie hat zehn Söhne, neun haben ihren Angaben zufolge den Wehrdienst geleistet. Einer ihrer Söhne sei zurzeit Soldat in Tokat, ein anderer Polizist in Van. Ein dritter Sohn sei bei der kurdischen YPG in Syrien, die mit der PKK in der Türkei liiert ist, im zarten Alter von 18 Jahren im Kampf gegen den IS gefallen. Seit fast zwei Wochen versuche die Familie nun die sterblichen Überreste in die Türkei zu überführen – bislang ohne Erfolg.

„Sie lassen Bruder gegen Bruder kämpfen“

Die Mutter klagt: „Sie lassen einen Bruder gegen den anderen Bruder kämpfen. Sie haben meinen Sohn getötet, geben aber den Leichnam nicht her. Wir wollen nur Frieden. Als sei dies nicht genug, halten sie die Leichen unserer Toten zurück. Sie sollen den toten Körper meines Sohnes hergeben. Er war 18 Jahre alt. Ich habe meinen Sohn unter schwierigsten Umständen großgezogen. Jetzt wartet sein Leichnam in einem Sarg und wird uns nicht gegeben. Wo bleibt die Menschlichkeit?“

Ein Bruder sagt: „Wir warten hier an der Grenze zu Kobanê. Der Leichnam meines Bruders ist zwei Kilometer von uns entfernt, sie geben ihn uns nicht her.“