Eine Blume für Dich

Kaum jemand dürfte sich nicht freuen, wenn er geschenkt bekommt. Unabhängig davon, welchen Anlass es dafür gibt. Sei es der eigene oder der Geburtstag eines anderen, der Muttertag, ein anderer Feiertag oder einfach nur eine Geste der Zuneigung.

Fast 80 Prozent der in verkauften Blumen müssen aus anderen Ländern importiert werden, weil wir unseren eigenen Bedarf an Schnittblumen nicht decken können. Davon stammen beinahe die Hälfte, also gut 525 Millionen Pflanzen, aus den Ländern Ostafrikas. Dort, in Kenia beispielsweise, sind die Bedingungen für den Blumenbau besser als in Zentraleuropa, sodass in Kenia bei gleichem Arbeitsaufwand sechs, in den Niederlanden z.B. dagegen nur zwei Hektar Rosen gezüchtet und geschnitten werden können. Das Problem liegt auf der Hand; der Anbau von Blumen ist eine kostspielige Angelegenheit, von der jedoch in der Regel nicht die Menschen im eigenen Land profitieren. Ganz im Gegenteil: Sie arbeiten größtenteils unter katastrophalen und gesundheitsbelastenden Bedingungen, weit unter dem Mindestlohn. Nicht nur die Arbeiter selbst sind direkt betroffen, denn die Intensivwirtschaft des Blumenanbaus wirkt sich auch auf die Lebensbedingungen aller Menschen in der Umgebung aus.

In jeder afrikanischen Schnittblume stecken zwischen sieben und 13 Liter Wasser. Das entspricht in etwa dem Wasserverbrauch einer Person in Afrika pro Tag. Ein Deutscher verbraucht im Gegensatz dazu ungefähr 130 Liter am Tag, davon allein schon 10-16 Liter pro Toilettenspülung.

Drastisch gesagt bedeutet das, dass beinahe jede Blume, die wir hier in Deutschland geschenkt bekommen oder selber verschenken, einem Menschen in Afrika das Wasser für einen Tag wegnimmt.

Wie viel Freude macht einem also das sogenannte Geschenk der Liebe, wenn man diesen Hintergrund kennt? Fällt es uns wirklich so schwer, auf Alternativen umzusteigen? Wie sinnvoll ist eine Blume, die selten länger als eine Woche hält? Ist es nicht wesentlich sinnvoller, statt geschnittener Blumen kleine oder große Blumen mitsamt Wurzel und Blumentopf zu verschenken, die bei richtiger Haltung und Pflege jahrelang leben, außerdem die Wohnung mit Sauerstoff versorgen und immer noch eine schöne Geste darstellen?

Angesichts der knappen Süßwasservorkommen auf der Welt wird es Zeit, unser Konsumverhalten gewissenhaft zu überdenken und dabei sowohl regionale als auch überregionale Aspekte zu berücksichtigen.

Suzan Çalışkan