Baku: Mert Müldür sitzt nach dem Spiel enttäuscht auf dem Rasen. Er war der aktivste türkische Spieler an diesem Abend, konnte aber das Aus seiner Mannschaft nicht verhindern. Foto: Naomi Baker/Getty Pool/dpa

Die im Vorfeld als Geheimfavorit gehandelte Milli Takım muss vorzeitig die Heimreise antreten. Die Schweiz feiert hingegen den ersten Sieg bei dieser EM und darf auf das Weiterkommen hoffen. Wie geht es jetzt weiter für die Türkei?

Irfan Can Kahveci (62.) gelang zwar das erste und einzige Tor für die Türkei bei dieser EM, das blamable Aus des Halbfinalisten von 2008 als punktloser Gruppenletzter konnte er damit aber nicht verhindern. Entsprechend enttäuscht flüchteten die Schützlinge von Trainer Şenol Güneş – begleitet von Pfiffen ihrer Fans – direkt nach dem Abpfiff in die Stadion-Katakomben. „Wir haben nicht den nötigen Charakter gezeigt und sind unter unseren Erwartungen geblieben“, bilanzierte Güneş den schwachen EM-Auftritt seiner Mannschaft.

Dabei waren die Türken offensiv in das Gruppenfinale gestartet. Anders als in den Partien gegen Italien (0:3) und Wales (0:2) wurde von Beginn an konsequent der Weg zum Tor gesucht. Bereits nach vier Minuten zwang Kaan Ayhan den Schweizer Torwart Yann Sommer, der am vergangenen Mittwoch erneut Vater geworden war, zu einer ersten Glanzparade. „Es war für mich sehr emotional und natürlich auch sehr stressig“, hatte der Keeper vom Bundesligisten Borussia Mönchengladbach nach der Geburt seiner zweiten Tochter berichtet.

Frühes Gegentor sorgt für lange Gesichter

Mitten in die erste Drangphase der Türkei platzte das Führungstor der Eidgenossen hinein. Seferovic überwand Torwart Uğurcan Çakır mit einem platzierten Flachschuss und bejubelte danach ausgelassen sein erstes EM-Tor überhaupt. „Heute haben wir ein starkes Spiel gemacht“, frohlockte der Angreifer von Benfica Lissabon nach dem Abpfiff. „Wir können uns höchstens vorwerfen, nicht noch mehr Tore erzielt zu haben.“

Die Türkei blieb zwar zunächst das aktivere Team, die Schweizer waren aber wesentlich effizienter. Shaqiri, wieder einmal sträflich allein gelassen von der türkischen Defensive, traf mit einem herrlichen Schlenzer aus rund 20 Metern in den Winkel. 120 Sekunden später scheiterte er nach feiner Vorarbeit von Seferovic am glänzend parierenden Çakır.

Danach zogen sich die Eidgenossen weit in die eigene Hälfte zurück und überließen dem Gegner die Initiative. Das hätte sich fast gerächt. Der auffällig agierende Mert Müldür scheiterte vor der Pause gleich mehrmals am erstklassigen Sommer.

Kahveci trifft aus 20 Metern

Nach dem Wechsel wurden die Schweizer wieder etwas agiler, doch plötzlich schlugen die Türken zu: Kahveci nahm aus etwa 20 Metern Maß und ließ Sommer keine Chance. Nun war richtig Feuer in der Partie, deren Ausgang aber nur kurz ungewiss blieb. Nur sechs Minuten nach dem Anschluss war es erneut Shaqiri, der den alten Abstand wieder herstellte und seinen ersten Doppelpack im Nationaldress seit sieben Jahren schnürte. „Ich hatte mir vorgenommen, noch mehr den Abschluss zu suchen. Mein rechter Fuß war heute nicht schlecht“, sagte der 29-jährige Edelreservist vom FC Liverpool.

Erneut war die türkische Abwehr, die in den zehn Qualifikationsspielen zur EURO nur drei Gegentore kassiert und achtmal zu Null gespielt hatte, nicht auf der Höhe. In der Schlussphase traf Granit Xhaka noch den Pfosten. Die Türken fügten sich in die Niederlage und treten als große Turnier-Verlierer vorzeitig die Heimreise an.

Güneş will bleiben

Der türkische Nationaltrainer Güneş hat nach dem Ausscheiden seiner Mannschaft bei der Fußball-EM offenbar nicht vor, seine Arbeit freiwillig zu beenden. „Ich denke im Moment nicht an Rücktritt“, sagte der 69-Jährige nach der 1:3-Niederlage am Sonntagabend in Baku. Die Türkei hat beim paneuropäischen Turnier in drei Spielen keinen einzige Punkt geholt und bei acht Gegentoren nur ein Tor erzielt. Weder konditionell, noch taktisch war das Team in der Lage, in der Gruppe A mitzuhalten. Güneş räumte ein, als Trainer für die Leistungen des Teams verantwortlich zu sein. In der heimischen Presse hagelt es Kritik. „Wir sind nicht enttäuscht, wir schämen uns“, lautete einer der Schlagzeilen nach dem frühzeitigen Aus. Einen ähnlich schwachen Auftritt bei einer EM gab es zuletzt beim Turnier im Jahr 2012, als Irland mit 1:9 Toren und 0 Punkten frühzeitig die Segel strich.

dpa/dtj