Kamuran Sezer und endax Logo.

Die Bundestagswahlen sind nun vorbei. Sie haben dazu eine repräsentative Wahlforschung unter wahlberechtigten Türken durchgeführt. Sind Sie vom Ergebnis überrascht?

Ja, doch! Ich war überrascht. Allerdings haben mich die Ergebnisse für die SPD und Grünen nicht überrascht. Dass es für die FDP sehr knapp wird, war seit einer langen Zeit absehbar. Umso bedauerlicher, dass sie so knapp an der 5%-Hürde gescheitert ist.

Aber was hat Sie nun überrascht?

Das sehr gute Ergebnis der CDU! Es war klar, dass die CDU die stärkste Partei sein wird. Ein Ergebnis von 40% und mehr war allerdings ein Best-Case-Szenario, das unter optimalen Bedingungen hätte erreicht werden können.

Wie erklären Sie sich das sehr gute Abschneiden der CDU?

Wahlen gewinnt man heute – und ganz besonders in einer postmodernen Gesellschaft -, wenn man in möglichst vielen sozialen Gruppen möglichst viele Stimmen gewinnt. Deutschland ist eine plurale Republik, in der eine ethnische, religiöse und weltanschaulische Vielfalt sowie eine Vielfalt an Lebenskonzepten existiert. Und diejenige Partei, der es gelingt, in möglichst vielen sozialen Gruppen die Mehrheit der Stimmen zu erringen, erreicht ein solches Traumergebnis. Und das hat die konservative CDU offensichtlich geschafft!

Sie haben nun das Wahlverhalten von wahlberechtigten Türkinnen und Türken vor den Bundestagswahlen untersucht – welchen Anteil hatte diese soziale Gruppe am Erfolg der CDU?

Einen großen Anteil, wie ich finde! Dabei gilt das Lob nicht der türkischen Community, sondern der CDU. Ihr ist es gelungen, die Vorherrschaft linker Parteien in der Gruppe der Türkinnen und Türken zu durchbrechen. Die CDU hat diese harte Nuss geknackt, muss man sagen.

Was bedeutet diese Entwicklung für die türkische Community?

Für die türkische Community bedeutet diese Entwicklung eine Chance. Denn von nun an gilt ihre Stimme nicht mehr im Vorhinein als gesetzt. Die Parteien müssen durch kluge Strategien, ehrliche Angebote sowie durch Dialog und Netzwerkarbeit vor jeder Wahl um die Stimmen und Sympathien der Türkinnen und Türken neu kämpfen. Das ist gut für die Community, solange die Community darauf achtet, nicht von einzelnen Verbandsvertretern in Geiselhaft genommen zu werden.

Wie meinen Sie das – Geiselhaft?

Vor endaX gab es faktisch ein Sprachrohr in der türkischen Community, nämlich die Türkische Gemeinde Deutschland e.V., die als Gatekeeper die Rolle der Interessensvertretung für die türkische Interessensvertretung übernahm, obwohl niemand diesen Verein dazu demokratisch legitimiert hat. Darüber ist die TGD e.V. politisch vorgefärbt und repräsentiert daher nicht die Vielfalt der Türkinnen und Türken in Deutschland. Die türkische Community muss sich emanzipieren! Aus meiner Sicht gibt es eine erfreuliche Entwicklung. In den sozialen Medien hat sich eine kritische Bewegung formiert.

Von nun ist endaX das Sprachrohr der türkischen Community?

Nein, das ist es nicht und kann es auch nicht sein! Genau wie bei der TGD e.V. hat endaX keinen demokratischen Auftrag von der Community erhalten. Es ist eine zivile Initiative, ja, endaX ist aber kein politischer Akteur. EndaX erhebt und ermittelt das Meinungsbild und wirft es in die Arena des Diskurses. Dadurch erhellen wir das Gesamtbild in der Community, wodurch wir Transparenz herstellen. Von dort aus sind die Akteure der türkischen Zivilgesellschaft in Deutschland gefragt, unter anderem auf dieser Grundlage ihr Handeln zu gestalten.

Was muss die türkische Zivilgesellschaft tun?

Bei der vergangenen Wahl hat die Zivilgesellschaft mit der Initiative zum Wahlaufruf demonstriert, dass sie zusammenarbeiten kann. Sie sollte anfangen miteinander zu reden und miteinander zu planen. Sie müssen den Weg der partikularen Interessensvertretung im Bewusstsein einer „community-based“ Identität begehen. Das heißt, die Einzelteile der türkischen Zivilgesellschaft mögen zwar sehr meinungsverschieden sein, aber sie müssen sich bewusst machen, dass alle diese Einzelteile die Gesamtheit der Identität der türkischen Community ausmachen.

Jetzt wissen wir viel darüber, welchen Nutzwert endaX für die türkische Community hat. Was bedeutet endaX aber für die Mehrheitsgesellschaft?

In einer Demokratie ist Berechenbarkeit ein Muss. Durch die Transparenz, die mit endaX hergestellt wird, wird die türkische Community transparent und damit berechenbar. Die Mehrheitsgesellschaft hat ein unmittelbares Bild und kann sich zuverlässiger auf Dialog und Planungen einlassen. Durch endaX wird der Raum zwischen den Akteuren der Mehrheitsgesellschaft und der türkischen Zivilgesellschaft mit objektivbelastbaren Informationen und Erkenntnissen ausgefüllt.

EndaX wurde auch kritisiert. Es wurde die Repräsentativität bemängelt.

Sozialwissenschaftliche Forschungen werden immer auf zwei Ebenen diskutiert: Auf der fachlichen und auf der politischen Ebene. Auf der fachlichen Ebene stehen die Methodik der Untersuchung und damit die Qualität der Erkenntnisse im Mittelpunkt. Auf der politischen Ebene geht es um die Deutungshoheit über die Ergebnisse. Diejenigen, die mit den Ergebnissen nicht zufrieden sind, greifen die Studie an.

Und wie lauteten die Kritiken auf der politischen Ebene?

Ich unterscheide auf der politischen Ebene zwischen klugen und weniger klugen Köpfen. Dabei ringen die klugen Köpfe unter den Kritikern um die Interpretation der Daten. Sie bieten alternative Erklärungen an, beispielsweise warum die SPD an Vertrauen verloren hat. Sigmar Gabriel ist ein solcher kluger Kopf gewesen. Die weniger klugen Köpfe hingegen wollen das Kind mit dem Badewasser ausschütten und verirren sich in scheinkompetente Argumente in der Methodik. Sie greifen die Repräsentativität oder die Stichprobengröße an, weil sie dort die Schwachstelle vermuten.

Ist denn die Stichprobengröße von 500 Befragten auch nicht zu klein? Andere Studien ziehen 1.000 Befragte heran.

Ja, das ist ein typisches scheinkompetentes Argument. Wenn bei Wahlumfragen von Meinungsforschungsinstituten 1.000 Befragte ausreichen, um eine Aussage für 60 Millionen wahlberechtigte Deutsche zu treffen, wie groß müsste demnach die Stichprobengröße sein, wenn man eine Aussage für etwa eine Millionen türkische Wahlberechtigte formulieren möchte? Die Stichprobengröße ist ein wichtiges Qualitätskriterium, aber nicht das einzige.

Und wie lauten die Kritiken auf der fachlichen Ebene?

Da gibt es noch keine wirklichen Kritiken. Dort wartet man ab und beobachtet erst. Denn in den fachlichen Kreisen weiß man, dass die quantitativ-empirische Forschung in der Gruppe der Migranten eine schwierige ist, weil sie Restriktionen unterliegt. Das Problem ist daher nicht endaX, sondern die amtlichen Statistiken über diese Bevölkerungsgruppe, die Lücken aufweist. endaX ist eine Methode, die genau diese Restriktionen zum Teil umgeht oder zumindest kompensiert. Hier in Deutschland steht dieser Teil der Forschung noch am Anfang. endaX bietet eine interessante und meines Erachtens auch intelligente Lösung, um diese Restriktionen zu überwinden. Es ist zwar noch nicht perfekt, weil wir Pionierarbeit leisten, aber die bisherigen Forschungsergebnisse demonstrieren die Qualität von endaX.

Wie sehen die nächsten Schritte bei endaX aus?

Wir werden erst einmal die Studien abschließen, die wir begonnen haben. Wir bringen demnächst eine ausführliche Publikation über die Ergebnisse der endaX-Wahlforschung heraus. Wir werden die Ergebnisse aus der HoMi-Studie, die mit Hilfe von endaX durchgeführt wurde, ebenfalls veröffentlichen. Wir werden die Website überarbeiten, die Technik hinter endaX optimieren und ausbauen. Wir erweitern das Projektteam. Frau Dr. Sabine Schiffer wird Teil von endaX. Wir werden eine Rekrutierungsphase beginnen. EndaX ist gut in Bewegung. Ich bin sehr zufrieden!

Herr Sezer vielen Dank für das Interview!

Wenn Sie auch an den Umfragen von endaX teilnehmen möchten, können Sie sich auf www.endax.de registrieren. Die Registrierung ist kostenlos und unverbindlich.