Deutschland hat in den vergangenen Jahrzehnten den eigenen Kohleabbau drastisch reduziert, importiert dafür aus dem Ausland und setzt auf alternative Energiequellen. Die Türkei baut zwar Kohle ab, ist aber dennoch von Importen abhängig, weil der Energiebedarf ständig zunimmt.  Nach Berechnungen der TKI (Türkiye Kömür Isletmeleri Kurumu) kann die Türkei etwa 27 % des gesamten Energiebedarfs aus lokalen Quellen decken. Die Kohle belegt dabei mit 57% den ersten Platz.

Die Industrieriesen USA und China bauen zwar Kohle ab und wollen durch Umweltschutzmassnahmen punkten, wie zwei Initiativen aus der vergangenen Woche zeigen. Dabei steht die Energiegewinnung durch Kohle im Mittelpunkt. Zumindest geopolitisch könnte von den US-Plänen auch die Türkei profitieren.

Obamas letztes großes Projekt?

Innenpolitisch hat Barack Obama in seinen zwei Amtszeiten wenig erreicht. Im Prinzip war der US-Präsident weitestgehend mit den Kriegen und den Schulden seines Vorgängers beschäftigt. Nun aber wagt er sich vielleicht an das letzte große Projekt als Amtsinhaber heran. Nachdem im Juli 2010 eine erste Initiative zur Einführung eines Emissionsrechtehandels gescheitert war, will Obama nun mit einer kleinen Energiewende punkten. Die derzeit 600 Kohlekraftwerke der USA, die für rund 40% der Stromproduktion und etwa ein Drittel der CO₂-Emissionen verantwortlich sind, sollen ihren Ausstoß an Kohlendioxid bis 2030 um 30% reduzieren müssen. Als Basis dient das Jahr 2005. Stattdessen sollen Versorger mehr Erdgas, erneuerbare Energien und Atomstrom einsetzen.

China startet Pilotprojekt

Diese Ankündigung allein, die übrigens in Abwesenheit des Präsidenten von der Umweltbehörde EPA erfolgte, hat die Umweltschützer weltweit bewegt. So mancher glaubt halt noch an das Gute im Friedensnobelpreisträger Obama. In diesen Kontext passt auch eine Nachricht aus China, dem Land, dass neben den USA am stärksten für die die Emission von Kohlendioxid verantwortlich ist. Denn im südchinesischen Shenzen wurde ein Pilotprojekt gestartet. 638 Unternehmen, die für rund 40% der Emission der Großstadt verantwortlich sind, sollen mit der Einführung eins Emissionshandels zu mehr Umweltschutz angehalten werden. Das Projekt soll laut der staatlichen Kommission für Entwicklung und Reform (NDRC) auf sechs weitere Großräume ausgeweitet werden, darunter auch Peking und Shanghai. Darüber hinaus hatten chinesische Unterhändler angedeutet, dass das Land bereit ist, künftig Klimaziele zu definieren.

Große Abhängigkeit von Kohle als Energielieferant

Auf den ersten Blick sind das zwei gute Nachrichten. Allerdings muss man nicht gleich wie so mancher Umweltverband in Enthusiasmus verfallen. Denn China steht erst am Anfang und der US-amerikanischen Initiative droht das frühzeitige Scheitern. In der Volksrepublik werden nämlich je nach Schätzung rund 75 bis 80% des Energiebedarfs mit Kohle gedeckt. Eine Abkehr im großen Stil ist mit Blick auf die wirtschaftlichen und politischen Ambitionen der KP in kurzer Zeit kaum möglich. Immerhin hat die Regierung schon vor Jahren den Bau von Kernkraftwerken forciert, die zwar umweltfreundlicher sind in Bezug auf CO₂-Emissionen, aber ansonsten ein hohes Risiko darstellen. Noch dazu ist die Entsorgung – wie das Beispiel Deutschland zeigt – nicht geklärt und keineswegs billig.

Opposition scharrt mit den Hufen

In den USA wiederum dürfte die Opposition mächtig Stimmung gegen die Initiative machen. Die Republikaner haben es bisher stets verstanden, Reformen der Regierung mit öffentlichem Druck zu stoppen. Zumal die Partei wie keine andere den Einfluss des Menschen auf das globale Klima leugnet. Für diesen Gegenwind aus den Medien sorgt vor allem die US-Industrie, die zumeist mit dem Argument der Arbeitsplätze winkt. Dabei befinden sich gerade die US-Kohlereviere in eher ärmeren Bundesstaaten. Eine Reduzierung der Produktion der Kohlekraftwerke trifft sie am härtesten. Diese Stimmen braucht Obama aber bei den Wahlen im November, um die demokratische Mehrheit im Senat zu verteidigen.

Abhängigkeit von Russland

Kohle hat aber auch eine geopolitische Bedeutung für den Westen. Insbesondere Deutschland und die Türkei sind von den Kohleeinfuhren aus der Ostukraine und Russland abhängig. Die Türkei verbrauchte als einer der strategisch wichtigsten US-Partner im Nahen und Mittleren Osten seit dem Jahr 2000 stets deutlich mehr Kohle als sie produzierte, wie die Graphik der US Energy Information Administration (EIA) deutlich macht. Das EIA geht davon aus, dass der türkische Bedarf vor allem aufgrund der steigenden Energienachfrage noch zulegen wird. Einziger nennenswerter Exporteur unter den Verbündeten in Europa ist übrigens Polen. Dort gibt es sogar Pläne für eine weitere große Kohlemine nahe Lublin, das Minenprojekt Bogdanka. Doch laut Angaben des australischen Eigentümers Prairie Down Metals wird wohl kaum vor dem Jahr 2019 produziert.

turkey coal consumption production

Positiver Nebeneffekt für Türkei und Deutschland?

In der Türkei steht zudem die Kohleindustrie nach dem Bergwerksunglück in Soma mächtig in der Kritik. Nicht nur der Arbeitsschutz muss verbessert werden. Branchenkenner weisen daraufhin, dass die modernsten Abbautechnologien noch nicht zum Repertoire der türkischen Minenunternehmen gehören. Auch da bestehe eine Menge Nachholbedarf, was Effizienz und Kosten betrifft. Da auch die türkische Energiewende noch stockt und sich der Solarmarkt in der Aufwärmphase befindet, könnte die Türkei vielleicht sogar von Obamas Initiative profitieren. Denn: wenn die USA weniger Kohle verbrauchen, könnte die überschüssige Förderung nach Europa exportiert werden, um Staaten wie Deutschland und die Türkei weniger abhängig von Importen aus dem Osten zu machen. Das wäre ein angenehmer geopolitischer Nebeneffekt von Obamas jüngsten Plänen – wenn sie denn umgesetzt werden können.