Entschieden für den Frieden - allen möglichen Provokationen zum Trotz

Die Tötung dreier Frauen aus dem Führungskader der PKK erinnert einmal mehr an die Schwierigkeiten des neuen „Friedensprozesses“, den die Gespräche mit dem PKK-Führer Öcalan anstoßen sollen. Dass in der Hauptstadt Frankreichs drei Frauen im Stile von professionellen Killern ermordet wurden, ist aufgrund der internationalen Dimensionen des langwierigen Problems, auf welche das Ganze hinweist, von zusätzlicher Bedeutung.

Die Tatsache, dass es nicht nur „die eine PKK“ gibt, die uns durch die Ereignisse von Paris bewusst gemacht wurde, wird den Friedensprozess sehr stark erschweren. Natürlich hängen die PKK und ihr Terrorismus mit dem Kurdenproblem zusammen. Aber das Kurdenproblem ist grundsätzlich eine schwere Last, die der Türkei im Zusammenwirken von aus- und inländischen Kräften aufgebürdet wurde. Man möchte es der Türkei nun so schwer wie möglich machen und ihr so viele Steine in den Weg legen wie nur denkbar.

Man möchte nicht, dass die Türkei in ihrer Region an Macht gewinnt. Ihr Aufstieg innerhalb der turksprachigen und islamischen Welt soll verhindert werden, damit sie nicht zu einem globalen Akteur werden kann. Hier haben besonders einflussreiche amerikanische Lobbys, die hartnäckigen Verfechter einer christlich-europäischen Union sowie die Länder Israel, Iran und Syrien ihre Finger im Spiel.

Terroristische Angriffspläne rechtzeitig gestoppt

Daher erscheint es auch angebracht, vorsichtig zu sein mit Visionen und voreiligen Hoffnungen wie „Die Waffen werden nun schweigen“, die im Zuge der Verhandlungen mit dem PKK-Führer Öcalan entstanden sind, da Enttäuschungen möglicherweise vorprogrammiert sind. Denn man hat mit Problemen zu tun, die verzwickter sind als sie auf den ersten Blick erscheinen. Die Attentate von Paris verdeutlichen einmal mehr, dass im Zuge des Prozesses auch Provokationen stattfinden können, mit denen man gar nicht ohne weiteres rechnen würde. Wenn am Abend des 7. Januar die Angriffsvorbereitungen einer Hundertschaft von Terroristen auf die Karataş-Kaserne der Gendarmerie in Çukurca, einem Distrikt von Hakkari, nicht aufgeflogen wären, dann hätte dieser Friedensprozess sogar schon längst ein Ende gefunden, bevor er überhaupt angefangen hätte. Denn ein Erfolg dieser Provokation hätte schwerwiegendere Konsequenzen gehabt als jene von 1993, als 33 Soldaten hinterhältig ermordet wurden.

Trotz der Ereignisse von Çukurca und Paris muss der begonnene Friedensprozess entschlossen weitergeführt werden. Im gleichen Maße, wie Provokationen Schaden hervorrufen können, birgt auch das Verhalten der einzelnen Akteure dieses Prozesses Risiken in sich. „Verhalten“ ist dabei nicht nur auf die wörtliche Rede zu beziehen. Auch Aspekte wie Haltung, Einstellung, Auftreten oder Erklärung sind dabei angesprochen, sie gehören zum Verhalten dazu. So heißt es immer wieder „Auch mit uns muss gesprochen werden“ oder „Auch jene Punkte müssen besprochen werden“. Besteht nun die Aufgabe darin, den Frieden zu gewährleisten oder all jene zufrieden zu stellen, die sich selbst und ihre Eigeninteressen bei dieser Gelegenheit in den Vordergrund stellen wollen?

Fethullah Gülen: „Provokationen mit Geduld und Ausdauer trotzen“

Außerdem sollte niemand versuchen, erneut mit den alten Vorwürfen anzurücken, die mit der Haltung der jetzigen Regierung nichts zu tun haben. Die Regierung spricht von einem neuen Fundament, einem neuen Ziel, von Voraussetzungen, die anders sind als jene von Chabur und Oslo. Der Ministerpräsident forderte letzte Woche im Niger: „Die Kader der separatistischen Terrororganisation sollen ihre Waffen ablegen und die Türkei verlassen.“ Kann ein klareres Ziel benannt werden? Im Gegenzug will die BDP nun, dass alle „ihre Finger vom Abzug nehmen“. Das ist ein implizites Beispiel für die oben angesprochenen alten Vorwürfe.

Im Moment unterstützt ein Großteil der Öffentlichkeit, selbst ein Teil der Märtyrerfamilien, den neuen Friedensprozess. Jeder, ob nun auf Seiten der Regierung oder der Opposition, sollte imstande sein, aufrichtig und verantwortungsbewusst zu handeln. Die politischen Erwartungen zur Seite stellend, muss diese neue Gelegenheit genutzt werden. Den Provokationen zum Trotz, sollten, wie auch der Gelehrte Fethullah Gülen betont hatte, alle notwendigen Kräfte für eine bessere Zukunft, für Kontinuität und für den Frieden gebündelt werden. Und das mit einer nie ermüdenden Geduld und Ausdauer.

Doch eines darf nicht vergessen werden: Es fehlen noch der Wille und die Einsicht, die erforderlich sind, zur Kultur des Friedens, der Übereinkunft und des Wohlwollens zurückzukehren. In der Türkei gibt es keinen triftigen Grund, jemandem an die Kehle zu gehen. Doch der seit zwei Jahrhunderten vorherrschende bevormundende Charakter des Staates gibt den Menschen vor, was sie zu tun und lassen haben. „Alle müssen so werden wie wir, entweder ihr liebt das Land und dürft bleiben oder ihr tut es nicht und verlasst es.“ Auf diese Weise wurden stets Andersdenkende ausgegrenzt. Es blieb weder Raum für Verständnis noch für Wohlwollen, Konsens oder Zuneigung.

An all diese Dinge gilt es, sich zu erinnern, um über die Unwägbarkeiten hinwegsehen und zurückkehren zu können auf den Weg des Friedens und der Versöhnung.
 
*Hüseyin Gülerce (Foto), geb. 1950 in Edirne, Lehrer und Buchautor. Heute ist er als Kolumnist für die türkische Tageszeitung Zaman tätig.