Ja, es ist wieder soweit: Der türkische Premierminister Recep Tayyip Erdoğan kommt nach Deutschland. Er wird seine von ihm gestiftete Tradition fortführen und eine Rede an die hiesigen Landsleute halten. Seine im Mai 2008 in Köln gehaltene Rede sorgte tage-, ja sogar wochenlang für Gesprächsstoff. Damals sagte er, Assimilation sei ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Vorsichtig formuliert – diese Rede wurde von der deutschen Öffentlichkeit nicht sehr euphorisch aufgenommen. Ein Jahr später, im Februar 2011 wendete er sich an die Landsleute in Düsseldorf. Diesmal wird er in Berlin im Tempodrom sprechen. Es wird seine dritte Deutschland-Rede sein.

Was wird er sagen? Wird er die Assimilations-Aussage von damals wiederholen? Eher nicht. Wird er eine Versöhnungs- und eine Solidaritäts-Rede halten? Wäre schön, ist aber eher unwahrscheinlich. Diesmal kommt Erdoğan als Handlungsreisender in eigener Sache. Er ist in Bedrängnis, mit großen Korruptionsvorwürfen konfrontiert. In solchen Ausnahme-Situationen ist einem gewöhnlich das eigene Hemd näher als der Rock. Vergegenwärtigt man sich die Diskussionen in der Türkei sowie die Rolle Erdoğans dabei, dann ist eher eine Spaltungs-Rede zu befürchten. Also, gekommen, um zu spalten? Ich fürchte ja. Im Folgenden die von mir erwartete Rede:

Gekommen, um zu spalten?

Meine sehr verehrten Mitbürger, liebe Schwestern und Brüder; verehrte Botschafter, werte Anwesende.

Ich grüße sie alle aus tiefstem Herzen. Ich bin sehr stolz und glücklich, sie alle hier in der Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland so zahlreich zu sehen. Ich grüße jeden Einzelnen von Euch mit Liebe und Respekt. Ihr seid Vertreter unserer Zivilisation der Liebe.

Meine lieben Landsleute! Ich weiß, unsere Gefühle beruhen auf Gegenseitigkeit. So wie ich stolz auf euch bin, so könnt ihr auch stolz sein auf unser Land, auf das Land, wo ihr herkommt, wo ihr liebe Verwandte und Freunde habt. Ja, meine lieben Landsleute, ihr könnt stolz sein auf unsere Türkei.

Diese Türkei, auf die ihr stolz sein könnt, ist unser Werk. Mit Gottes Hilfe haben wir seit 2002 unser Land von Erfolg zu Erfolg geführt. Die alten Parteien hatten unser Land abgewirtschaftet. Die Wirtschaft war am Ende, das Land lag darnieder.

Unsere Erfolge

Wir, das heißt, Euer bescheidener Bruder Erdoğan und seine Mitstreiter, haben mit viel Fleiß und Vaterlandsliebe aus der abgewirtschafteten Türkei ein stolzes Land gemacht. Wir haben unser geliebtes Land mit hunderten Kilometern von Straßen gesäumt. Wir haben Anatolien mit Schnellzügen bekannt gemacht.

Unter unserer Regierung stieg unsere nationale Luftfahrtgesellschaft THY zu einem großen Global Player auf. Damit können unsere Landsleute in mehr Länder ohne irgendein Visum einreisen, als es jemals zuvor der Fall war. Unter unserer Regierung hat die Türkei ihre gesamten Schulden beim IWF abbezahlt.

Meine lieben Landsleute: Ja, es stimmt, unser Land ist gesünder, wirtschaftlich stärker als je zuvor. Ja, ich sage es hier in der Bundeshauptstadt nicht ohne Stolz: Wir stehen wirtschaftlich stärker da als viele Länder der Europäischen Union, in der sie sich zieren, uns aufzunehmen. Ja, ich glaube, daran hat auch euer Bruder Erdoğan seinen bescheidenen Anteil.

Liebe Landsleute, wir haben nicht nur unser Land zu wirtschaftlicher Stärke geführt, nein, wir haben in unserem Land auch die Freiheiten gestärkt. Heute kann in unserem Land eine gläubige Frau, heute können meine lieben Schwestern mit ihrem Kopftuch studieren, am Arbeitsleben teilnehmen, ja sogar Abgeordnete werden.

Erdogan ernst zaman

Das dreckige Komplott

Verehrte Landsleute, an dieser Stelle muss ich auch auf eine unerfreuliche Geschichte eingehen. Ihr verfolgt das alles aus den Medien. Während wir Tag und Nacht für unser Land arbeiteten, für die Schaffung der Groß-Türkei, für eine Türkei, die wieder geachtet wird, haben andere uns Knüppel zwischen die Beine geworfen.

Während wir an unser Land dachten, haben andere an sich gedacht. Während wir für unser Land gearbeitet haben, haben andere ein dreckiges Komplott geschmiedet. Sie haben versucht, mit Dreck auf mich und meine Familie zu werfen. Sie haben sich in den Dienst imperialistischer Kräfte gestellt, die nur Schlechtes für unser Land wollen.

Meine lieben Landsleute, Ihr wisst, wen ich meine. Manche kritisieren uns, wir würden die Unabhängigkeit der Justiz in unserem Land beschädigen. Nein, meine Landsleute, es stimmt nicht! Wir beschädigen nicht die Justiz, wir verteidigen den Volkswillen! Gemeine Kreise innerhalb der Justiz haben sich angemaßt, der Exekutive ihren Willen aufzudrücken.

Aber, liebe Landsleute, wir werden auch diese Krise überstehen. Daran besteht kein Zweifel. Mit Gottes und Eurer Hilfe! Wir stehen nämlich im Recht. So wie es nur einen Gott gibt und er keinen anderen Gott neben sich duldet, so wie es nur eine Souveränität im Staat gibt und er keine Macht neben sich duldet, so gibt es auch nur eine Wahrheit – sonst wäre es nämlich keine Wahrheit – und die steht auf unserer Seite.

Ja, es gibt Korruption

Von daher, wir haben keine Zweifel, habt Ihr auch keinen Zweifel von unserer Sache. Noch eine Bemerkung zum Thema Korruption: Sie sprechen von Korruption. Gibt es in unserem Land keine Korruption? Ja, meine lieben Landsleute, natürlich gibt es Korruption in unserem Land. Die MHP, die CHP, die Oppositionsparteien, sie sind alle korrupt, sie haben eine dreckige Weste. Genau deshalb hat sie ja auch unser geliebtes Volk abgewählt vor 12 Jahren. Habt Ihr das vergessen?

Liebe Landsleute, zum Schluss noch eine Bitte. Unser Land geht durch schwere Zeiten hindurch. Wir sind mit einem gemeinen Komplott konfrontiert. Ihr wisst, wen ich meine. Sie sind eine illegale Organisation. Sie sind gemein. Sie sind ehrlos, sie sind vaterlandslos. Sie haben sogar vor kurzem eine gefälschte Rede von mir veröffentlicht. Sie beschmutzen das eigene Land, in dem sie gegenüber Ausländern eine gemeine Desinformation über unsere Regierung verbreiten.

Ein Pardon wird es nicht geben!

Bitte, glaubt ihnen nicht! Kauft nicht ihre Zeitungen! Boykottiert sie, so wie auch wir sie in unserer Türkei isolieren wie all diejenigen, die bei diesem Kampf nicht auf der richtigen Seite stehen. Manche fragen, ob wir das richtige tun? Ja, wir tun das richtige. Unsere Gangart mag manchen zu hart vorkommen.

Aber, meine lieben Landsleute in der Fremde, wir befinden uns als die legitime Regierung, als Land in einem Freiheits- und Unabhängigkeitskrieg gegen die imperialistischen Kräfte und ihre gemeinen Handlanger im Innern. In einem Unabhängigkeitskrieg kann niemand außen vor stehen. Jeder muss Position beziehen.

Entweder ist man auf unserer Seite, oder aber auf der falschen Seite. Und wer auf der falschen Seite steht, der wird die Konsequenzen tragen müssen. Wir werden diesen Kampf unerbittlich bis zum Ende führen und ich sage wie der große deutsche Kaiser Wilhelm II. damals: Es wir in diesem Kampf kein Pardon gegeben! Gegenüber Vaterlandsverrätern kann es nämlich kein Pardon geben!

Liebe Landsleute; unterstützt uns bitte in diesem unserem Kampf! Nimmt an unseren Wahlen teil! Erzählt die Wahrheit allen in eurer Umgebung. Und grüßt meine lieben Landsleute, die heute nicht hier sein konnten.

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