Erdoğan beruft langjährigen AKP-Skeptiker in Beraterstab

Mit einer überraschenden Personalentscheidung ließ der türkische Premierminister Recep Tayyip Erdoğan aufhorchen. Wie die „Hürriyet“ berichtete, wird der bekannte Journalist Yiğit Bulut künftig als einer der Chefberater des Regierungschefs fungieren.

Bulut wurde 1972 in Keşan, Provinz Edirne, geboren. Zur AKP hatte er über längere Zeit hinweg lediglich familiäre Verbindungen. Sein Vater Mustafa Bulut vertritt den Wahlkreis im Parlament.

Yiğit Bulut selbst galt zumindest in den ersten Jahren der Regierungszeit Erdoğans als Kritiker der konservativen Regierungspartei.

Auch seine bisherigen journalistischen Erfahrungen weisen ihn eher als Anhänger einer stark nationalistischen und kemalistischen Position aus. So schrieb er etwa als Kolumnist für streng säkulare Blätter wie Vatan oder Radikal.

Bulut gilt jedoch auch als Finanzexperte und verfasste als solcher Analysen zu Wirtschaftsthemen, unter anderem für Kanal 6, Kanal E und CNN Türk. Er promovierte an der Privatuniversität Bilkent in Ankara im Bereich Bank- und Finanzwesen und war später an der Doğuş Universität Istanbul als Dozent tätig.

Später wurde Yiğit Bulut Nachrichtensprecher und kürzlich Chefredakteur von Kanal 24. Bei „Haberturk“ hatte er bereits 2010 diese Position inne. Dort präsentierte er auch das Debattenformat „Sansürsüz“ („Ohne Zensur“).

„Zinslobbys“ und Telekinese

Dass Bulut in den Kreis der Erdoğan-Berater aufgestiegen ist, löste Verwunderung aus. Nicht nur die langjährige kritische bis feindselige Berichterstattung über die AKP ist vielen noch in Erinnerung – Bulut wird auch eine Neigung zu zweifelhaften und verschwörungstheoretischen Überzeugungen nachgesagt.

In seiner Doktorarbeit soll er über den angeblichen Einfluss von Juden und Freimaurern auf den Kommunismus schwadroniert haben – im Zusammenhang mit den Gezi-Protesten, wo er erstmals uneingeschränkt hinter der Regierung stand, witterte er ausländische „Zinslobbys“ hinter diesen. Fremde Mächte würden, so behauptete Bulut im letzten Monat, versuchen, Erdoğan mit den Mitteln der Telekinese zu ermorden.

Oppositionsmedien und der „Spiegel“ wollen aus der Berufung des profilierten Ökonomen Bulut eine inhaltliche Zustimmung Erdoğans zu Theorien dieser Art herauslesen. Das wirkt angesichts der Tatsache, dass gerade diese Formate im Regelfall nicht zögern, sich selbst die abstrusesten Räuberpistolen anzueignen, wenn es um die Behauptung einer angeblichen „Islamisierung“ in Deutschland geht, etwas skurril.

Allerdings hatten einige Äußerungen aus der Regierung und regierungsnahen Kreisen im Laufe der letzten Wochen innen- und außenpolitisch für Unruhe und Empörung gesorgt, in denen an antisemitische Stereotype appelliert wurde.

Freimaurerei ist nicht antireligiös

Dass diese und auch antifreimaurerische Verschwörungstheorien in politischen Krisenzeiten lanciert werden, ist im Übrigen keine Spezialität islamisch-konservativer Kräfte. Antisemitische Legenden und Verschwörungstheorien gegen die Freimaurerei sind auch in säkularen und nationalistischen Gruppierungen beliebt. Dabei gehörten nicht nur säkulare Politiker der Bruderschaft an. Der 33. osmanische Sultan Murat V. war ebenso Freimaurer wie der spätere Premierminister Süleyman Demirel. Gerüchten zufolge soll auch Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk der Freimaurerei angehört oder zumindest mit ihr sympathisiert haben.

Entgegen der landläufigen Meinung ist die Freimaurerei nicht atheistisch ausgerichtet, auch wenn das Gottesbild des „Großen Baumeisters aller Welten“, das in den meisten Logen vorherrscht, so neutral formuliert ist, dass Angehörige aller Religionen sich dem Grunde nach in diesem wiederfinden können. In allen Logenhäusern liegen zudem die Heiligen Bücher der Weltreligionen aus.

Im März 2004 hatte es einen Bombenanschlag auf eine Freimaurerloge in Istanbul gegeben. Seither halten sich Anhänger der Bruderschaft in der Öffentlichkeit bedeckt. In der Türkei existieren vor allem in den Großstädten etliche Logen, wobei es heute die reguläre Großloge mit 14 000 Mitgliedern in mehr als 200 Logen und die liberale Großloge mit 4 000 Mitgliedern in gut 40 Logen gibt. Vonseiten religiöser Gemeinschaften wird die Freimaurerei jedoch weithin mit Argwohn betrachtet. Die Katholische Kirche erneuerte erst 1983 wieder ihre kirchenrechtliche Bestimmung, wonach Zugehörigkeit zur Katholischen Kirche und zu einer Loge unvereinbar seien – allerdings ohne dass damit eine automatische Exkommunikation verbunden wäre. Und auch in der islamischen Welt hatten zahlreiche Rechtsgelehrte Fatwas gegen die Freimaurerei erlassen.

Soldaten ist es in der Türkei gesetzlich verboten, während ihrer aktiven Dienstzeit Mitglied in einer Freimaurerloge zu werden.