Erdoğan schaut durch seine Sonnenbrille und schmunzelt leicht.
Erdoğan hat am Donnerstag zu einem scharfen verbalen Angriff gegen „den Westen“ ausgeholt. Er bezichtigte „den Westen“, sich am Leid der muslimischen Welt zu erfreuen und kritisierte gleichzeitig den Umgang einiger EU-Staaten mit der PKK.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan ist bekannt dafür, starke Rhetorik und teilweise provozierende Reden gegen seine politischen Gegner einzusetzen. Wenige Stunden vor Beginn des Besuches von Papst Franziskus in der Türkei hat Gastgeber Erdoğan mit scharfen verbalen Attacken gegen den Westen international Irritationen ausgelöst. Die Fremden hätten es nur auf die Reichtümer der Muslime abgesehen, sagte Erdoğan am Donnerstag bei einer Konferenz der Organisation für Islamische Zusammenarbeit (OIC) in Istanbul. „Ich spreche ganz offen. Die, die von außerhalb (der muslimischen Welt) kommen, mögen Öl, Gold, Diamanten, billige Arbeitskräfte sowie Gewalt und Streit“, sagte der türkische Präsident.

Bei seinen Äußerungen beschuldigte Erdoğan „den Westen“ außerdem der Heuchelei: „Sie scheinen vordergründig unsere Freunde zu sein, aber freuen sich über unseren Tod und über den Tod unserer Kinder.“ Mit Blick auf die vielen Konflikte im Nahen Osten empfahl der Präsident der Türkei Today’s Zaman zufolge ebenfalls einen kritischen Umgang mit der Rolle des Westens: „Lasst uns einen Schritt zurück treten und uns das Gesamtbild vor Augen führen. Wer tritt bei all den Toten und Konflikten als Gewinner hervor, wer als Verlierer?“

Der türkische Präsident rief die Länder der Region zur Zusammenarbeit auf. „Wir müssen viel stärker zur internationalen Politik beitragen. Wir steuern schon viel zur Weltwirtschaft bei“, konstatierte Erdoğan laut der Nachrichtenagentur Anadolu. Zugleich forderte er erneut eine Reform der Vereinten Nationen. Im UN-Sicherheitsrat drehe sich alles um die fünf ständigen Mitglieder. Die UN dürfe nicht vergessen, dass die Welt viel größer sei. „Wir müssen unsere Strategien überdenken. Es müssen Schritte unternommen werden, um die UN zu reformieren.“

Erdoğan: „Warum wollt ihr die PKK legalisieren?“

Der türkische Präsident kritisierte darüber hinaus die aus seiner Sicht von Seiten einiger europäischer Staaten betriebenen Legitimierung der Terrororganisation PKK. „Diejenigen, die gegen den IS sind, bringen der PKK teilweise Sympathie entgegen. An diejenigen, welche den IS bekämpfen – und sie tun gut daran (den IS zu bekämpfen): Warum wollt ihr die PKK legalisieren? Wir sehen solche Bestrebungen in (einigen) europäischen Ländern.“

Auch in Deutschland waren jüngst Stimmen laut geworden, die das Betätigungsverbot der PKK in Deutschland aufheben und die Terrororganisation von der Terrorliste streichen wollen. Die innenpolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE, Ulla Jelpke, sagte erst im September, die PKK würde „kriminalisiert“ und forderte: „Die Praxis der willkürlichen schwarzen (Terror-) Listen (…) gehört beendet“.

Erdoğan war zuletzt mit Kommentaren zur Rolle der Frauen und mit der Behauptung aufgefallen, muslimische Seefahrer hätten vor Christoph Kolumbus Amerika entdeckt. Erdoğan nutzte die Veranstaltung am Donnerstag laut Today’s Zaman auch dafür, seine Äußerungen über die Entdeckung Amerikas zu rechtfertigen. „Nur weil ich einen wissenschaftlichen Fakt wiedergegeben habe, wurde ich von westlichen Medien und Fremden unter uns, die unter einem Ego-Komplex leiden, attackiert“.

Treffen zwischen Erdoğan und Putin am Montag

Die scharfe Kritik des türkischen Präsidenten richtet sich zwar offensichtlich nicht gegen den Papst. So sagte Erdoğan am Freitag nach dem Treffen mit dem Pontifex in Ankara: „Ihr Besuch wird eine bedeutende Spur in der islamischen Welt hinterlassen und er wird auch die Meinung über den Islam in der christlichen Welt verändern“.

Die provokanten Äußerungen des türkischen Präsidenten erscheinen jedoch vor dem Hintergrund des für Montag geplanten Türkei Besuch des russischen Präsidenten Wladimir Putin in einem neuen Licht. Bei dem Treffen stehen Gespräche über eine Vertiefung politischer und wirtschaftlicher Beziehungen zwischen Ankara und Moskau an. Zwischen Russland auf der einen und mehreren europäischen Staaten und der USA auf der anderen Seite herrscht seit der Ukraine-Krise eine äußerst angespanntes Verhältnis. Die EU und die USA gehen mit Wirtschaftssanktionen und politischer Härte gegen Russland vor. Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel spricht von „einer Bedrohung für die Friedensordnung Europas“, wenn es um Russland geht. (dpa/dtj)