Hinter Gittern: Orhan İnandı ist in der Türkei in Haft. Foto: Ye Jinghan / Unsplash

Die Ungewissheit hat ein Ende: Wochenlang rätselten Angehörige und Freunde über den Verbleib des türkisch-kirgisischen Schuldirektors Orhan Inandi in der kirgisischen Hauptstadt. Nun steht fest: Er wurde entführt – auf Geheiß Erdoğans.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan bestätigte am Montag, dass der türkisch-kirgisische Pädagoge Orhan İnandı, der seit der Nacht zum 31. Mai in Bischkek vermisst wird, tatsächlich vom türkischen Inlandsgeheimdienst (MİT) entführt wurde. Er lobte die Bemühungen der türkischen Spione bei der Überstellung.

İnandı, der Gründer und Präsident des türkisch-kirgisischen Sapat-Schulnetzwerks, das in Kirgistan tätig ist, wurde aufgrund seiner angeblichen Verbindungen zur Gülen-Bewegung, einer vom muslimischen Geistlichen Fethullah Gülen inspirierten Glaubensgruppe, vom MİT entführt (DTJ-Online berichtete).

„MİT brachte İnandı zurück in die Türkei“

Die Bewegung wird von der türkischen Regierung als terroristische Organisation eingestuft. Ihr wird vorgeworfen, den gescheiterten Putsch vom Juli 2016 angezettelt zu haben. Sowohl Gülen als auch seine Anhänger bestreiten vehement jede Beteiligung.

Ein Sprecher des Präsidenten sagte nach einer Kabinettssitzung am Montag: „Der MİT brachte das für Zentralasien verantwortliche FETÖ-Miglied [ein von Ankara verwendetes, abwertendes Akronym für die Gülen-Bewegung] Orhan İnandı zurück in die Türkei.“ Am 9. Juni höre sich das noch ganz anders an: Erdoğan sagte dem kirgisischen Präsidenten Sadyr Japarov damals, dass er keine Details zum Verbleib von İnandı kenne. Wie sich nun rausstellt, war das eine Lüge.

Auswirkungen auf Kirgistan

Zuvor hatten kirgisische Staatsanwälte, Parlamentarier, Bürgerrechtsgruppen, Anwälte und Aktivisten rund um den Globus die Regierung des Landes aufgefordert, İnandı ausfindig zu machen. Human Rights Watch (HRW) übte ebenfalls Druck auf die kirgisischen Behörden deswegen aus.

HRW zufolge verstöße eine offizielle Ausweisung İnandıs in die Türkei gegen das Abkommen gegen Folter, das Kirgistan bereits 1997 ratifiziert hatte. Erdoğan setzt indes seine Strategie fort, Mitglieder der Gülen-Bewegung auf dem gesamten Globus zu verfolgen, und wenn nötig zu entführen.

Türkei Spitzenreiter bei Rückführungen

Ein aktueller Bericht der Nichtregierungsorganisation Freedom House zeigt: Die Türkei ist seit 2014 das Land, das die meisten Überstellungen von Verdächtigen vollzieht. Seit Juli 2016 habe die türkische Regierung ihre vermeintlichen Feinde aus mindestens 30 Ländern in die Heimat zurückgeführt.

Jüngsten Angaben türkischer Behörden zufolge wurden seit dem gescheiterten Putsch 2016 insgesamt 622.646 Personen überprüft und 301.932 inhaftiert. 96.000 Weitere wurden wegen angeblicher Verbindungen zur Gülen-Bewegung inhaftiert. In türkischen Gefängnissen befinden sich derzeit 25.467 Personen, die wegen angeblicher Verbindungen zur Gülen-Bewegung inhaftiert wurden, so die offiziellen Angaben.

Zusätzlich zu den Zehntausenden, die inhaftiert wurden, mussten Dutzende Anhänger der Gülen-Bewegung aus der Türkei fliehen, um dem harten Vorgehen der Regierung zu entgehen. Wie sich zeigt, sind sie auch im Exil nicht sicher.