Putin und Erdogan - reuters

MEINUNG Der gut bekannte russische Akademiker Igor Torbakov schrieb zu einem früheren Zeitpunkt dieses Jahres einen Artikel mit dem Titel „Europas Zwillingsbrüder“ – gemeint sind in diesem Fall der russische Präsident Vladimir Putin und der türkische Premierminister Recep Tayyip Erdoğan.

Oberflächlich gesehen haben diese beiden Männer nicht besonders viel gemeinsam, zumal sie doch kaum als so etwas wie Blutsbrüder erscheinen. Tatsächlich hatten die beiden eine Vielzahl politischer Differenzen, etwa jüngst in Bezug auf Syrien, wo Putin und Erdoğan unterschiedliche Lager unterstützen. Dennoch haben beide im entscheidenden Moment zurückgerudert. Russland und die Türkei unterhalten trotz ihrer unterschiedlichen Positionen enge wirtschaftliche und politische Beziehungen. Tatsächlich erscheint Erdoğans Beziehung zu Putin im Vergleich zu vielen anderen namhaften Politikern sogar als ziemlich gemütlich und pragmatisch.

In der Tat sind den beiden einige Merkmale gemein: Wie Torbakov angibt, sind Russland und die Türkei jeweils ehemalige Imperialmächte mit einem Fuß in Europa und einem Fuß in Asien. Darüber hinaus hatten beide ihre Schwierigkeiten im Umgang mit der Multiethnizität und dem Errichten eines Nationalstaates. Des Weiteren scheinen die geopolitischen Instinkte in beiden Staaten gesund und munter.

Außenpolitik ambitioniert, aber nicht immer erfolgreich

Während Russland verzweifelt an dem, was oft als sein „spezieller Einflussbereich“ bezeichnet wird, festzuhalten versucht, nämlich den Staaten der ehemaligen Sowjetunion, hat Erdoğan sich darum bemüht, die Türkei als regionale Vormacht zu etablieren – und sich selbst als Führer in der muslimischen Welt, ideal positioniert, um als Brücke zum Westen zu fungieren. Beide glauben, dass ihre historischen Bündnisse und Vermächtnisse mit Blick auf ihre jeweiligen Nachbarn ihnen einen speziellen Stellenwert verschaffen.

Bei beiden waren die jeweiligen Bemühungen allerdings nicht immer von Erfolg gekrönt. Auf der einen Seite ist die „Null-Probleme-Politik mit den Nachbarn“ der Türkei weitestgehend gescheitert. Es gibt mittlerweile von wenigen Ausnahmen abgesehen kaum einen Nachbarn, mit dem es keine Probleme gibt. Gleichzeitig hatte Russland seine Bemühungen, einen starken Einfluss auf die Staaten, die einst Teil seines Imperiums waren, zum Teil mithilfe von Strafmaßnahmen und Zwängen umgesetzt.

Trotz des Siegesgefühls der russischen Führung mit Blick auf die gelungene Obstruktion der europäischen Integrationsprozesse einiger seiner Nachbarn hat Moskau auf diese Weise die Feindseligkeit der Betroffenen gegenüber dem Kreml angefacht und so die regionale Anspannung und Instabilität eher gefördert.

In beiden Fällen streben die Nachbarn gute Verbindungen zur Türkei beziehungsweise zu Russland an. Dennoch wollen sie weder einen neuen „großen Bruder“, der sich einmischt und ihre Politik zu beeinflussen versucht, noch durch Zwangsmaßnahmen und Einschüchterung zu Einigungen gezwungen werden.

Während die Türkei eine lange Geschichte freier und fairer Wahlen aufzuweisen hat, was in Russland erst seit Anfang der 90er-Jahre der Fall ist, gibt es hinsichtlich der jeweiligen Regierungssysteme einige Gemeinsamkeiten. In der Tat sprechen einige in der Türkei bereits von einer „Putinisierung“ ihres Landes.

Sowohl in Russland als auch in der Türkei gab es Proteste bezüglich einer in vielen Bereichen stark „kontrollierenden“ Vorgehensweise der jeweiligen Regierung, wobei in Teilen der Mittelschicht Frust anwächst und man einen Rückgang von Demokratie, fundamentalen Rechten und Freiheiten sowie Menschenrechte zu diagnostizieren meint. Anstatt ihre Regierungsweise zu überdenken, neigen sowohl Putin als auch Erdoğan dazu, ausländische Mächte zu Verursachern innerer Unruhen zu erklären.

Bilaterales Handelsvolumen wird sich weiter vervielfachen

Wenn es ums Geschäft geht, haben beide einen pragmatischen Ansatz: Die bereits gut entwickelte wirtschaftliche Zusammenarbeit gedeiht weiterhin. Bei Erdoğans jüngstem Besuch in St. Petersburg am 21.-22. November verpflichteten sich beide Länder, den bilateralen Handel bis 2020 auf ein Volumen von 100 Mrd. $ zu erhöhen. Des Weiteren machen Russland und die Türkei gerade eine 20-Mrd.-$-Investition Russlands zur Errichtung des ersten türkischen Atomkraftwerkes (Akkuyu) dingfest. Die Türkei kauft weiterhin große Mengen an russischem Gas, während Russland sich Steuervorteile und Garantien auf langfristige Strombezüge infolge des Akkuyu-Projekts erhofft.

Türkische Unternehmen waren auf dem russischen Markt, besonders in der Bauwirtschaft, sehr aktiv, wo sie Aufträge im Wert von 40 Mio. $ erfüllten, während annähernd 4 Mio. russische Touristen in diesem Jahr in der Türkei Urlaub machten. Russen waren die größten Immobilienkäufer in der Türkei und erwarben auch reichlich Land.

Die Türkei hat darüber hinaus angedeutet, der Shanghai Cooperation Organization (SCO) beitreten zu wollen, obwohl diese Forderung Erdoğans möglicherweise kaum mehr als ein Trick zur Unterstreichung seiner Enttäuschung über die EU ist.

Und selbst wenn Ankara es ernst meinen sollte, gibt es keine Anzeichen, dass die Tür zu dieser Union sich mit größerer Wahrscheinlichkeit öffnen wird als die Tür zur EU, nicht zuletzt wegen der tiefsitzenden Verbindung der Türkei zum Westen, insbesondere ihrer Mitgliedschaft in der NATO. Die Türkei wurde entsprechend auch nicht zum SCO-Gipfel im September eingeladen, obwohl sie als „Dialogpartner“ gilt. Nichtsdestotrotz haben Russland und die Türkei ambitionierte Pläne und obwohl sie keine Zwillingsbrüder sind, geben Putin und Erdoğan ein interessantes Paar ab, das es weiter aufmerksam zu beobachten gilt.

Autoreninfo: Amanda Paul ist Britin und arbeitet als freie Journalistin. Sie befasst sich mit geo- und außenpolitischen Themen. Besonders interessiert sie sich für die türkische Innen- und Außenpolitik.