Der türkische Premierminister Recep Tayyip Erdoğan kommt nach Berlin. Seit US-Präsident Barack Obama dürfte kein Politiker das Interesse einer so breiten Öffentlichkeit erwecken wie er. Nicht weniger als 10 000 vorwiegend türkische Zuhörer werden seiner Rede lauschen, zuzüglich jener, die sie über TV und im Wege des Public Viewings verfolgen.

Als Deutschtürke, der in Deutschland geboren, aufgewachsen und sozialisiert ist, schlägt mein Herz für beide Länder.

Ich interessiere mich sowohl für Deutschland als auch für die Türkei und beobachte mit Sorge, was dort passiert. Die aufgeheizte Lage schwappt auch nach Deutschland über. Man merkt es täglich, wie innerhalb der türkischen Community der Ton immer rauer wird. Zum Schaden aller.

In dieser Situation wünsche ich mir vom Premierminister, dass er mäßigend auftritt und den Menschen die Hand reicht. Er weiß, wie man einen Streit beginnt, doch darf er auch nicht vergessen, sich wieder mit den Menschen zu versöhnen. Die Rede in Berlin wäre ein guter Anlass dazu.

Und in etwa so könnte beispielsweise eine Versöhnungsrede aussehen:

„Meine sehr verehrten Mitbürger, liebe Schwestern und Brüder; verehrte Botschafter, werte Anwesende,

es ist nicht das erste Mal, dass ich in Deutschland eine Rede halte. Nach 2008 in Köln und 2011 in Düsseldorf stehe ich nun hier und heute in Berlin vor Euch. Es ist mir eine große Ehre.

Die letzten beiden Reden wurden in den deutschen Medien harsch kritisiert, es hieß, ich mache hier Wahlkampf und verhindere die Integration der Türken in die deutsche Gesellschaft. Ich sehe das anders. Hier leben fast drei Millionen meiner Landsleute, ich denke, dass ein türkischer Premierminister das Recht haben sollte, mit diesen Menschen zu sprechen.

Es ist viel passiert seit dem letzten Mal, als ich in Deutschland war, zweifellos. In Deutschland, in der Türkei, in den deutsch-türkischen Beziehungen, in der Welt. Ich möchte nur eins sagen: Die Türkei steht mit beiden Beinen fest auf dem Boden, so stabil wie lange nicht mehr, seid Euch dessen sicher!

Besonders in den letzten Monaten ist viel geredet, viel geschrieben worden. Es wurden viele Unwahrheiten über meine Person, über unsere Partei, über unser Land verbreitet.

Glaubt man diesen Schlagzeilen, steht unser Land vor dem Abgrund. Es werde von einem Diktator beherrscht. Nein, dem ist nicht so. Was haben meine Parteifreunde und ich in den vergangenen Jahren nicht alles geleistet. Wir haben den tiefen Staat bekämpft, die Rechte der Minderheiten und der Kurden gestärkt, der PKK den Kampf angesagt, den unterirdischen Marmaray-Tunnel in Istanbul eröffnet und noch vieles weitere mehr. Das alles haben wir gemacht mit Eurer Unterstützung und Euren Stimmen.

Doch nicht alles war gut in dieser Zeit, meine verehrten Mitbürger.

Die Proteste im Sommer rund um den Gezi-Park haben auch unter Euch für helle Aufregung und Verunsicherung gesorgt. Leider haben ausländische Mächte und Interessensgruppen, die es nicht gut mit unserem Land meinen, versucht, die Proteste meiner Bürger zu instrumentalisieren. Doch waren sie nicht erfolgreich. Gott sei Dank nicht.

Erdogan freundlich dha

Bekenntnis zur Unabhängigkeit der Justiz

Auch die Korruptionsaffäre hat unter Euch für viele Diskussionen gesorgt, ich kann das nur zu gut nachvollziehen. Meine Wortwahl war nicht immer glücklich, doch was auch immer ich gesagt habe, ich tat es mit bestem Wissen und Gewissen. Mein Land ist mir heilig, ich tue alles dafür, dass es der Türkei gut geht, dessen könnt Ihr Euch sicher sein.

Immer wieder war die Rede davon, dass es einen Machtkampf gebe zwischen meiner Partei und der Hizmet-Bewegung von Fethullah Gülen. Das, was in den Medien berichtet wird, stimmt nicht. Es gibt keinen Machtkampf. Die Hizmet-Bewegung ist schließlich keine politische Partei. Fallt nicht auf dieses Spiel herein, die Medien wollen nur spalten. Die Dershane-Debatte und die anschließenden Korruptionsermittlungen sind zwei voneinander unabhängige Ereignisse, man muss sie voneinander trennen. Falls es tatsächlich Korruption gegeben haben sollte, werden wir alles daran setzen, die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen. Die unabhängige türkische Justiz arbeitet ohne Einschränkungen.

Lasst uns Hand in Hand für eine gesunde, demokratische und starke Türkei zusammenstehen. Egal, ob ihr AKP-, CHP- oder MHP-Anhänger seid, ich bin der Premierminister von Euch allen. Lasst nicht die Köpfe hängen, auf uns warten viele spannende Aufgaben. Die Türkei hat unter meiner Regierung schon viele Krisen überstanden, und, so Gott will, wird sie auch diese überstehen, da mache ich mir keine Sorgen. Wir werden gemeinsam gestärkt aus ihr hervorgehen.

2023 bleibt das Ziel aller

Im März stehen die Kommunalwahlen an. Das sind wegweisende Wahlen, ich wünsche mir einen fairen und offenen Wahlkampf. Alle Parteien sind eingeladen, um Eure Unterstützung zu buhlen. Macht von Eurem demokratischen Grundrecht Gebrauch und geht wählen!

Ich, meine Parteifreunde und Ihr, wir haben alle ein Ziel: 2023. Dieses haben wir nicht vergessen. Wenn Ihr mir weiter vertraut, will ich Euch zu diesem Ziel hinführen. 2023 soll das Jahr der Türkei werden. Es ist der 100. Geburtstag unserer von Mustafa Kemal Atatürk gegründeten Republik. Auch wenn wir im Vergleich zu den vor uns liegenden Ländern viel aufgeholt haben in den letzten Jahren, bleibt noch eine Menge Arbeit vor uns.

Meine verehrten Mitbürger,

darüber hinaus stehen im Sommer die Präsidentschaftswahlen an. Ihr wisst, es ist mir nicht möglich, noch einmal bei den Parlamentswahlen als Spitzenkandidat für meine Partei anzutreten. Dies gestatten die AKP-Statuten nicht. Ich halte mich an sie.

Zum ersten Mal in der Geschichte der Türkischen Republik wird der Staatspräsident direkt gewählt und auch Ihr, die im Ausland fernab von der Heimat lebenden Türken, dürft mitbestimmen, wer unser Land zu unserem großen, gemeinsamen Ziel hinführen soll. Auch ich möchte mich im Sommer zur Wahl stellen. Wem auch immer Ihr Eure Stimme gebt, ich werde höchsten Respekt vor Eurer Entscheidung haben. Wichtig ist für mich, dass unser Land aus beiden Wahlen gestärkt hervorgeht.

Zum Schluss möchte ich Euch noch eine Sache ans Herz legen. Es könnten in den nächsten Monaten weitere „Krisen” auf uns alle zukommen. Seid geduldig und bewahrt Ruhe. Denn nur gemeinsam sind wir stark.“

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