Die türkischen Parlamentswahlen neigen sich nun dem Ende und man wartet gebannt auf die Ergebnisse. Erdoğan-Fans hoffen auf eine Mehrheit für die AKP. Darunter auch manch Araber, der nicht versteht: „Wie könnt ihr Türken Erdoğan nicht mögen?
Die türkischen Parlamentswahlen neigen sich nun dem Ende und man wartet gebannt auf die Ergebnisse. Erdoğan-Fans hoffen auf eine Mehrheit für die AKP. Darunter auch manch Araber, der nicht versteht: „Wie könnt ihr Türken Erdoğan nicht mögen?"

Nun heißt es Endspurt. Die Parlamentswahlen in der Türkei stehen kurz bevor und man wartet gebannt darauf, wer das Rennen machen wird. In meinem türkischen Freundeskreis habe ich Vertreter fast aller türkischen Parteien: AKP, CHP und auch HDP-Anhänger. Ich verfolgte interessiert, wie sich meine Freundinnen über die Wahlen unterhielten. Bei der einen war die Familie gespalten, weil die eine Hälfte die AKP und die andere Hälfte die CHP unterstützt, bei der anderen waren es ausschließlich CHP-Anhänger und andere wiederum hielten sich komplett heraus, um dem Familienzusammenhalt nicht zu schaden.

Obwohl Recep Tayyip Erdoğan selber nicht zur Wahl steht und sich laut türkischer Verfassung nicht in die Wahl einmischen darf, geht es bei den Wahlen um seine politische Zukunft. Die Prognosen zeigen, dass Erdoğan mit „seiner“ AKP höchstwahrscheinlich als stärkste Kraft aus den Wahlen hervorgehen wird und somit die Regierung bilden wird. Oppositionelle Parteien erhoffen sich selbstverständlich das Gegenteil. Doch, dass Erdoğan mehr als genug Unterstützer hat, darüber brauchen wir nicht streiten. Und das nicht nur unter den Türken: Sein wahrscheinlich größter Fan kommt aus dem Libanon und ich kenne ihn seit Jahren persönlich- es ist mein eigener Vater!

Woher diese große Begeisterung für den türkischen Staatspräsidenten kommt, ist nicht schwer zu erklären. In Tripoli, der Heimatstadt meiner Eltern, sind wahrscheinlich alle 195.000 Einwohner Erdoğan-Anhänger. Auf den Straßen und Balkons hängen türkische Flaggen sowie Bilder Erdoğans neben Postern libanesischer Politiker. Wieso?

Meine Erklärung dafür ist, dass es wahrscheinlich mit der jahrhundertelangen osmanischen Herrschaft im Libanon zutun hat. Die Geschichte wirkt sich scheinbar immer noch auf die Gegenwart aus. Als ich meinen Vater eines Tages beobachtete, wie er aufmerksam einer Erdoğan-Rede lauschte und ihn vor sich hin lobte, machte ich den Fehler, ihn zu fragen, was er an ihm gut fände. Ich hätte ihm diese Frage niemals stellen dürfen! Seitdem schickt er mir – ungelogen – fast täglich Nachrichten von den Helden- und Wohltaten Erdoğans, die selbst erklärend seien. Doch Spaß beiseite. Mich interessiert es wirklich, warum ein arabischer Mann so begeistert ist von einem türkischen Präsidenten. Ich persönlich bin in dieser Hinsicht neutral. Ich bin weder für noch gegen Erdoğan, da ich als „Deutsch-Libanesin“ nicht wirklich von seinen Handlungen betroffen bin.

„Natürlich würde ich Erdoğan wählen!“

Ich bin verwundert und frage meinen Vater, warum er einen türkischen Präsidenten dem libanesischen vorzieht. „Er ist nicht nur besser als alle libanesischen Politiker, sondern besser als alle arabischen zusammen!“ Und der Grund dafür?, frage ich ihn neugierig.

„2013 schaffte er es, dass die Türkei seit über 20 Jahren keine Schulden beim Internationalen Währungsfonds hat. Er baut sein Land auf und startet immer wieder neue Projekte, die die Türkei fortschrittlicher machen. Außerdem ist er ein bescheidener Mann, besucht die Armen und lädt sie zu sich nach Hause ein. Welcher Präsident macht so etwas noch?“ Seine Stimme wird etwas euphorischer. Er steigert sich bei solchen Themen immer hinein und macht es sich zu seiner Pflicht, mich am Ende unserer Diskussion von seiner Meinung zu überzeugen. „Und du weißt, dass für uns Araber die Unterstützung Palästinas sehr wichtig ist. Kannst du dich nicht mehr daran erinnern, als er die Mavi Marmara nach Gaza geschickt hat?“ Ich nicke, natürlich könne ich mich daran erinnern. Zudem hätte er es möglich gemacht, dass Schülerinnen an Schulen Kopftuch tragen dürften.

„Also unterstützt du ihn, weil er sich für den Islam einsetzt?“, frage ich meinen Vater. „Nein!“, sagt er langsam und hebt dabei den Zeigefinger warnend in die Luft. Es hätte nicht nur mit seiner Religion zu tun. Natürlich gehört es auch zu den Gründen, die ihn beliebter machten. Doch auch, wenn es ein christlicher Präsident mit den selben Eigenschaften gewesen wäre, so hätte er seine vollste Unterstützung gehabt. Solange sich ein Präsident voll und ganz für sein Land einsetze, habe er seinen vollsten Respekt.

Was ist mit den Vorwürfen, die Erdoğan von der Opposition gemacht werden, möchte ich wissen. Solle man ihn trotz Fehltritten unterstützen? „Natürlich macht auch Erdoğan Fehler“, sagt mein Vater, schließlich sei er auch nur ein Mensch. „Aber wenn jemand etwas Falsches tut, so sollte er darauf aufmerksam gemacht werden. Wenn jemand Kopfschmerzen hat, gibt man ihm ja auch eine Kopfschmerztablette und hackt ihm nicht direkt den Kopf ab.“ Außerdem sei er trotz Fehler besser als alle anderen potentiellen Regierenden und man müsse über „kleine Fehler“ hinwegschauen. „Ich verstehe nicht, wie die Türken Erdoğan nicht mögen können?!“

„Würdest du ihn also wählen, wenn du ein Türke wärst?“- „Natürlich würde ich ihn wählen, wenn ich ihn doch schon als Araber verteidige!“

Ich bin mir sicher, dass Erdoğan die Stimme meines Vaters sowie aller anderen Araber gerne zusätzlich zu den Stimmen seiner türkischen Unterstützer entgegen nehmen würde. Doch da diese nicht gelten, bleibt abzuwarten, wie die Türken wählen. Eins ist gewiss: Gewinnt Erdoğan, so ist mir eine Einladung von meinem Vater zum Essen sicher!