BLOG Es gibt etwas, was mich in den letzten Wochen stört, vor allem im Hinblick auf die Medien hierzulande:

Seit der Causa Böhmermann, dem Flüchtlingsdeal mit Erdoğan und der Armenier-Resolution haben die politischen Spannungen mit der Türkei zugenommen. Dies führt, wie ich bemerke, zu einem Generalprotest gegen die gesamte türkische Bevölkerung.

Was Recep Tayyip Erdoğan betrifft: Nach vielen Jahren als Reformer und Gestalter hat er sich zu einem korrupten Autokraten entwickelt, richtig. Ja, er hat die Türkei in den letzten Jahren stark isoliert und strebt nach totalitärer Macht… Ja, er sperrt Freidenker unter dem Vorwand der Terrorbekämpfung weg, auch richtig. Und betont dabei immer, was für ein vorzüglicher Muslim er ist...

Da gehe ich d’accord. So wie der Großteil der Türken, einschließlich einem Teil seiner Wähler auch.

In den Augen des Westens ist er vielleicht nur ein weiterer lästiger Putin, den man für einige politische Eigeninteressen noch nötig hat. Aber für die Türkei birgt er große Gefahren. Er setzt den Frieden und das Miteinander in der Türkei auf das Spiel. Er verabscheut die freiheitlich demokratische Grundordnung, die in der Türkei auch vor ihm bereits auf wackeligen Füßen stand.

Trotz allem darf es aber auf keinen Fall sein, dass Erdoğan mit der Türkei und den Türken gleichgesetzt wird. Er ist der höchste politische Vertreter der Türkei, aber er verkörpert sie nicht.

Genauso wenig wie Putin das mit den Russen tut oder Assad mit den Syrern. Auch Trump wird im unwahrscheinlichen Fall eines Wahlsieges die US-Amerikaner nicht verkörpern.

Aus diesem Grund müssen wir differenzieren.

Darf man aufgrund von Erdoğan wollen, dass die Türkei aus der EM fliegt?

Oder die Türkei pauschal mit einem Genozid anklagen?

Oder gar die PKK zu aufständischen Freiheitskämpfern deklarieren statt zu einer Terrororganisation, so wie sie auch offiziell vom deutschen Staat eingestuft ist?

Ich sage ganz eindeutig NEIN.

Man darf Erdoğan auf keinen Fall zum Anlass nehmen für ein Türkei-Bashing.

Ich erhoffe mir, dass in Zukunft Namen, Geschichten und Stimmen von inhaftierten Journalisten und politisch verfolgten Gruppierungen mehr in den Medien präsent sein werden.

Die Auftritte von Can Dündar im deutschen Fernsehen begrüße ich, nur ist er einer von Hunderten, die in der Türkei derzeit Unrecht erfahren.

Ich möchte, dass die hiesigen Menschen Hidayet Karaca kennenlernen. Den Vorsitzenden der Samanyolu Mediengruppe, der trotz Entlassungsurteil seit fast zwei Jahren inhaftiert ist. Ich möchte, dass die Menschen einen mutigen Journalisten wie Mehmet Baransu kennenlernen, der dazu beitrug, dass das 100-jährige türkische Militärdiktat auf die Anklagebank gesetzt wurde.

Ich möchte, dass die Welt weiß, dass 80-jährige pflegebedürftige Bürger verhaftet werden, weil sie regierungskritischen Organisationen mit überschaubaren Summen Geld spendeten.

Jedes Land muss seinen eigenen Weg in die Freiheit und die Demokratie erkämpfen. Das ist, was in der Türkei geschieht.

Was die Türken brauchen ist Rückendeckung und Unterstützung.

Falls Europa wirklich an Demokratie und Freiheit interessiert ist, wie es immer vorgibt, muss es den wahren Demokraten in der Türkei Gehör schenken und die Stimmen derer publik machen, die für Recht und Frieden ihr Leben und ihre Freiheit aufs Spiel setzen.