ARCHIV: Der venezolanische Präsident Nicolas Maduro in Ankara mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan Foto: Marcelo_Garcia/Prensa Miraflores/dpa

Hungersnot, Proteste, Gewalt: In Venezuela droht ein Bürgerkrieg, die Versorgung bricht zusammen. Während sich der Westen gegen den Despoten Nicolás Maduro wendet, stärkt Erdoğan ihm den Rücken. Warum?

Als in Venezuela der Sturm losbrach, waren die Schätze des Landes schon außer Landes oder wurden gerade gepackt. Wenige Tage nachdem Juan Guaidó sich selbst zum Interimspräsidenten ernannte, ließ der bisherige Präsident des Landes Nicolás Maduro die Goldreserven des Landes in ein Flugzeug verfrachten und außer Landes bringen. Der Despot wollte sich zumindest sein Auskommen für das drohende Exil sichern.

Nun steht fest: Das Gold ist in der Türkei gelandet. Nach Oppositionsangaben hat die venezolanische Regierung bereits im vergangenen Jahr fast 24 Tonnen Gold in die Türkei verschifft. Insgesamt entspräche das einem Wert von 900 Millionen Dollar. Offiziell sollte es in der Türkei nur veredelt werden und dann zurück nach Venezuela gehen. Über eine Rückkehr des Goldes ist aber nichts bekannt. Der britischen Zeitung „The Times“ zufolge befürchten die US-Behörden einen Weiterverkauf des venezolanischen Goldes.

Mit der Türkei hat Maduro einen verlässlichen Partner für diesen Kuhhandel. Präsident Recep Tayyip Erdoğan verbindet mit Maduro eine lange Freundschaft. Vor Kurzem soll Erdoğan laut türkischen Regierungsangaben seinem venezolanischen Counterpart Mut zugesprochen haben: „Bruder Maduro, bleibe hart, wir sind mit dir“, sei der Wortlaut eines Telefonats der beiden gewesen.

Der Feind meines Feindes

Getreu dem Motto „der Feind meines Feindes ist mein Freund“ verbindet Erdoğan und Maduro die Opposition gegen den Westen und eine rigorose antidemokratische Haltung. Das gemeinsame Narrativ vom aggressiv-arroganten Westen ist Teil ihrer Machtbasis. Durch die Bedrohung von außen legitimieren Erdoğan und Maduro ihre Kontrollmechanismen und schalten, wenn nötig, kurzerhand die sozialen Medien ab.

Indes trennt die beiden Staaten mehr als die Distanz von 10.500 Kilometern. Die freizügige Alltagskultur des Tropenlandes Venezuela steht im starken Kontrast zum Erdoğanschen Schleierfetisch. Die auf Öl basierende Wirtschaft des Petrostaats ist kaum zu vergleichen mit der auf Dienstleistungen basierenden Ökonomie am Bosporus. Einzig die Rezession ihrer Wirtschaften eint sie. In Venezuela trifft sie die Menschen jedoch ungleich härter.

Die Einwohner des südamerikanischen Staates leben in einer Hyperinflation, ihre Lage wird immer verzweifelter. Während in der Türkei steigende Preise – oder mit Erdogans Worten: „Lebensmittelterrorismus“ – zu Verärgerung führen, wird die Hyperinflation in Venezuela für viele lebensbedrohlich. Lebensmittel und Medikamente sind knapp. Säuglinge sterben an Unterversorgung, Erwachsene leiden unter der andauernden Mangelernährung.

Kalkül für Kommunalwahlen?

Indes ist die Freundschaft mit Maduro nicht ohne Risiko für den türkischen Präsidenten. Denn sie untergräbt die Bemühungen des Nato-Partners USA, der Sanktionen gegen das Maduro-Regime verhängt hat. An diese Restriktionen fühlt sich Erdoğan nicht gebunden. Ankara sieht nicht ein, warum sie sich den außenpolitischen Prioritäten der USA unterwerfen soll.

Ob Erdoğan wegen Venezuela US-Strafmaßnahmen riskieren wird, ist unwahrscheinlich. Er und seine AKP müssen sich in wenigen Wochen landesweiten Kommunalwahlen stellen. Bislang stehen seine Getreuen nicht sonderlich gut da. Prognosen zufolge droht der AKP eine haushohe Niederlage.

Da kommt es Erdoğan gelegen, sich als Kämpfer für eine gerechte Sache zu inszenieren. Zugute kommt ihm dabei, dass seine anti-amerikanische Haltung von vielen Türken begrüßt wird. Getreu dem Motto: „Der Feind meines Feindes…“, Sie wissen schon.