Die Demokratie hat gesiegt, der Westen hat verloren

Nicht nur für inländische Beobachter, sondern auch für ausländische handelt es sich beim Ergenekon-Verfahren um einen Jahrhundertprozess. Bis zum erstinstanzlichen Urteil hat es insgesamt zwar 5 Jahre gedauert, aber es ging um nichts weniger als um eine juristische Abrechnung mit einer Putschtradition in der türkischen Armee von fast 200 Jahren.

Blicken wir zurück: Die Französische Revolution hatte sich auch auf das Osmanische Reich ausgewirkt. Die Hohe Pforte sah die Notwendigkeit einer Modernisierung ein und suchte nach Vorbildern im Westen. Neben Frankreich war Preußen ein Vorbild für eine Modernisierung des Staatswesens und seiner Institutionen. Man lud Berater nach Istanbul ein, um von deren Fachwissen Gebrauch zu machen. Einer der ersten und wichtigsten Berater war dabei Helmuth von Moltke, der in seinen Erinnerungen am 19. April 1836 folgendes über den Zustand des Osmanischen Reiches festhielt: „Es ist lange die Aufgabe abendländischer Heere gewesen, der osmanischen Macht Schranken zu setzen; heute scheint es die Sorge der europäischen Politik zu sein, diesem Staat das Dasein zu fristen.“

Das Osmanische Reich, jahrhundertelang das Schreckgespenst Europas, war nun „der kranke Mann am Bosporus“, der auf die Hilfe europäischer Mächte angewiesen war, um überhaupt existieren zu können. Mal war es die Gnade der Engländer, mal die der Russen, die das Osmanische Reich davor bewahrten, unterzugehen. Und oft war es der Uneinigkeit europäischer Mächte darüber, wie man eines Tages das muslimische Reich unter sich aufteilen soll, zu verdanken, dass es nicht früher unterging.

Das Osmanische Reich als Manövriermasse

Moltke, der spätere Generalstabchef des Deutschen Reiches, diente – ohne die Interessen Preußens aus den Augen zu verlieren – fünf Jahre lang Sultan Mahmut II., der die Janitscharen-Einheiten auflöste und die Osmanische Armee reformieren wollte. Moltke folgten andere preußische Militärberater. Colmar von der Goltz (Goltz Pascha) und Liman von Sanders, der Oberbefehlshaber der türkischen Armee im Ersten Weltkrieg, sind die wichtigsten unter ihnen. Sie haben in der Endzeit der Osmanen die neuen türkischen Militäreliten ausgebildet. Die Militärs; ja, sie waren modern, hielten aber nicht viel von der Demokratie. Sie waren Vertreter einer westlichen Lebenskultur; tranken Alkohol, kleideten sich europäisch, aßen mit Gabel und Löffel, schauten jedoch verachtend auf den einfachen Anatolier herab. Den Deutschen folgten dann Berater aus anderen westlichen Ländern.

Die osmanischen Eliteeinheiten putschten 1908 gegen den Sultan Abdulhamid II. und setzten ihn ab. Abdulhamid war den europäischen Mächten ein Dorn im Auge. Ohne die Duldung, gar Zustimmung der europäischen Mächte, wäre seine Absetzung nicht möglich gewesen. Der berühmte Historiker und Autor des Buches „Der deutsche Einfluss bei den Osmanen“, Ilber Ortaylı, spricht gar von einem „deutschen Putsch“ gegen Abdulhamid II., da dieser bei einem eventuellen Krieg nicht auf der Seite der Deutschen, sondern der Engländer in den Krieg ziehen wollte. Die Putschisten um Enver Pascha nahmen dann aufseiten der Deutschen an dem Weltkrieg teil und das Osmanische Reich wurde nach über 600 Jahren Vergangenheit.

Aus den Trümmern des Reiches entstand die türkische Republik. Die Gründung der Republik 1923 war ein Werk eben dieser osmanischen Elitesoldaten um Mustafa Kemal Pascha, dem späteren Atatürk. Sie sprachen zwar von Republik und Gleichheit, praktizierten aber eine Politik der ethnischen und religiösen Spaltung und des Unrechts. Die Legitimation war immer die gleiche: Kampf gegen die Rückständigkeit (Irtica) und für die Moderne und das „Zeitgemäße“! Was modern und zeitgemäß war, entschieden die Militärs und die laizistischen urbanen Eliten, die Kapital und Medien beherrschten.

Das Ende des Haustürkentums

Die Militärs bestimmten auch, wer das Land regieren soll. 1960 putschten sie erneut. Sie ließen den demokratisch gewählten Ministerpräsidenten Adnan Menderes und zwei seiner Minister brutal hinrichten. Jeder Putsch traumatisierte die Türken und zerstörte die historisch gewachsene Struktur der Gesellschaft. Genau zwanzig Jahre später folgte der zweite Putsch nach der Republikgründung. Nach dem Putsch am 12. September 1980, dem Kenan Evren Pascha vorstand, soll ein Mitarbeiter des Pentagons zum demokratischen US-Präsident Jimmy Carter gesagt haben: „Unsere Jungs haben es geschafft“. Heute verhält sich sein Parteifreund und Amtsnachfolger Barack Obama nicht anders, da er die Putschisten in Ägypten unterstützt.

Egal ob Deutschland, Frankreich, England oder heute die USA: In der postkolonialen Zeit hat der Westen in den antidemokratischen und verwestlichten säkularen Eliten ihre natürlichen Verbündeten gesehen. Undemokratische Verbündete, die primär nicht das Wohl des eigenen Volkes und Landes schützten, sondern ihre eigentliche Aufgabe in der Wahrung der wirtschaftlichen und politischen Interessen der ehemaligen Kolonialherren sahen. Diese verwestlichten Eliten brauchten ja niemandem gegenüber Rechenschaft abzulegen. Sie waren die Auserwählten, die Erhabenen, diejenigen, die über jeglicher Gerichtsbarkeit standen. – Wie denn auch? Sie waren nicht nur die Gründer der modernen Türkei, sondern auch deren Hüter und Besitzer. Und mit seinem Eigentum kann man ja machen, was man will. Götter in menschlicher Gestalt waren sie. Unfehlbar und allmächtig!

Damit ist jetzt Schluss! Zum ersten Mal in der türkischen Geschichte mussten Putschisten für ihr unrechtes Handeln vor einem unabhängigen Gericht Rechenschaft abgeben und wurden bestraft; und zwar im Namen des Volkes, auf das sie jahrzehntelang von oben herabsahen.