„Es sind nicht die Türken, die sich der Integration verweigern“

„Etwas nicht zu wissen ist keine Schande, etwas nicht zu lernen hingegen schon“. Dieses türkische Sprichwort („Bilmemek ayıp değil, öğrenmemek ayıp“) kam gestern zur Anwendung, als der stellvertretende OB und Kuluturdezernent der Stadt Dortmund, Jörg Stüdemann die rund 8 000 Zuschauer begrüßte, die zum Deutschlandfinale der 3. Deutsch-Türkischen Kulturolympiade nach Dortmund in die Westfalenhalle gekommen waren.

Unter den Gästen befand sich auch die Soziologin Prof. Ursula Boos-Nünning, die die Deutsch-Türkische Olympiade seit längerer Zeit beobachtet. „Die Deutsch-Türkische Kulturolympiade erfasst ein sehr breites Spektrum. Die Kinder, die hier auftreten, sind sehr begabt, viele sind semi-professionell, spiegeln die zwei Kulturen sehr gut wieder“, analysierte Boos-Nünning. Die Kinder würden gemeinsam arbeiten und Wert auf Teamwork legen. Dies sei vorbildlich. Als bedauernswert erachtete sie das fehlende Interesse unter der deutschen Bevölkerung: „Ich war immer der Meinung, dass es nicht die Türken sind, die sich einer Integration verweigern, sondern in erster Linie die Deutschen. Und noch immer bin ich dieser Ansicht. Das hat man auch heute hier gesehen. Die meisten Zuschauer waren türkisch. Immer wenn die türkische Seite einen Schritt auf die deutsche zugeht, wird dieses Angebot nur von einer kleinen Gruppe von Menschen wahrgenommen. Dennoch ist das kein Grund, die Bemühungen einzustellen und aufzugeben. Denn diese kleinen Gruppen sind eminent für die interkulturelle Arbeit und den Dialog.“

Schüler zwischen 12 und 19 Jahren lieferten sich in verschiedensten Kategorien ein Herzschlagfinale und beeindruckten die Zuschauer mit ihren Deutsch- und Türkischkenntnissen. Übertragen wurde das Finale lediglich vom türkischen Fernsehen. Lehrerin Anja Damms hatte dafür kaum Verständnis: „Ich finde es schade, dass es nicht auch von deutschen Sendern übertragen wurde.” Im Mai wird Deutschland nun gemeinsam mit etwa 140 weiteren Ländern und deren Erstplatzierten an der nächsten und letzten Staffel teilnehmen, die in der Türkei stattfinden wird.

Uğur Ünal, Pressesprecher des Veranstalters Academy e.V., sagte, das enorme Interesse und die positive Resonanz dieser Veranstaltung, die jährlich immer mehr Zuwachs bekommt, habe „den Nerv der Zeit getroffen“. Die Kulturolympiade habe ein Zeichen gesetzt für Respekt und Akzeptanz zur Stärkung des Dialogs zwischen zwei Kulturen und Ländern. Er dankte allen Organisatoren, Institutionen und Sponsoren und hob das Engagement der Eltern und Kinder hervor, die den Slogan „Wir sind alle eins“ besonders beherzigt hätten.

Die Schirmherrin der Veranstaltung, Cornelia Pieper, Staatsministerin beim Auswärtigen Amt und FDP-Politikerin, konnte nicht persönlich teilnehmen. In einer Videobotschaft wünschte sie allen Teilnehmenden viel Erfolg und lobte die Kulturolympiade als wichtigen Integrationsbeitrag und Pflege der Deutsch-Türkischen Beziehungen.

Moderation, Tränen und Kostüme

Als Moderatorin angetreten war Sabine Christiansen. Die frühere „Tagesschau“-Sprecherin führte mit Co-Moderator Mehmet Ali Bulut die Teilnehmer und Zuschauer gekonnt durch das Finale. Es gab bewegende Momente, wobei Christiansen einer Teilnehmerin für ihren zweiten Platz gar die Tränen trocknen musste. „Alle Kinder und Jugendlichen sind kleine Stars, alle seid ihr heute die Gewinner“, tröstete sie.

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Die deutschen und türkischen Kinder und Jugendlichen verzauberten das Publikum nicht nur mit ihren Talenten und Vorführungen in den jeweiligen Kategorien, sondern auch mit ihrer kunterbunten Kleidung. Die Palette an wunderschönen Kostümen sowie traditionellen Trachten beider Länder war groß. Die etwa 700 qm große Bühnenfläche wurde gleichzeitig zum Bühnenbild, welche mit farbenfrohen und kunstvollen Bildern und Grafiken die einzelnen Auftritte sowie die gesamte Vorstellung zusätzlich schmückte und passend umrahmte.

Stimmen aus dem Publikum: „Es war sehr bunt, genauso wie unsere Gesellschaft auch“

Thomas Göddertz (SPD): „Die Kinder haben uns Erwachsenen gezeigt, wie man die Kulturen verbinden kann und dass wir im Grunde von den Kindern viel lernen können. Es war eine tolle Veranstaltung und farbentrachtig. Ich war begeistert.“

Hubert Hüppe (MdB): „Eine schöne Veranstaltung. Ich fand sie sehr beeindruckend. Die Schüler und Schülerinnen sind fast wie Profis aufgetreten. Es war sehr bunt, eben wie unsere Gesellschaft auch.“

Reinhold Janke (Oberst): „Ich bin der Oberst im Generalstabsdienst Janke und komme als Offizier der Bundeswehr aus dem Zentrum Innere Führung in Koblenz. Das ist die zentrale Einrichtung der Bundeswehr, die sich mit der Führungskultur und Führungsphilosophie der Bundeswehr beschäftigt. Und ich habe heute sehr viel Kultur erlebt, eine Kultur, die nicht trennt, sondern das Gemeinsame sucht. Ich habe heute sehr viele Begriffe gehört, die mir als Soldat sehr gut gefallen: Toleranz, Respekt, Anerkennung, Verständnis, Frieden, Freiheit. Das sind die Werte, für die wir auch eintreten. Und ich denke, wenn wir alle gemeinsam uns an diesen Werten orientieren würden, dann wäre diese Welt wirklich besser. Und ich habe mich sehr gefreut, ich war letztes Jahr in Frankfurt schon und ich werde nächstes Mal gerne wieder kommen, wenn ich eingeladen werde. Herzlichen Dank!“

Jürgen Paul (stellv. Bürgermeister Schwerte): „Ja also ich bin begeistert, ich kann nichts anderes sagen. Es war das erste Mal, dass ich teilgenommen habe. Ich bin Mitglied des Integrationsrates in Schwerte und stellv. Bürgermeister. Ich setze mich schon seit mehreren Jahren für gute Integration ein. Wir sind damit in Schwerte auf einem sehr guten Weg und von daher war das eine richtig gute Veranstaltung heute. Freut mich, dass wir jedes Mal einen Schritt nach vorne machen.“

İlkay Gündoğan (Deutscher Nationalspieler in Diensten von Borussia Dortmund): „Ich komme gerade vom Spiel, ich wollte eigentlich ein bisschen früher kommen. Das war aber leider nicht einzurichten. Wir haben 2-0 gegen Mainz gewonnen, daher das Lächeln auf meinen Lippen. Ich bin froh, dass ich das hier noch geschafft habe, bevor die Veranstaltung zu Ende ist. Ich habe noch die letzten Kinder und Jugendlichen gesehen, die aufgetreten sind. Der Slogan „Kultur verbindet Menschen“ ist sehr angebracht. Im Fußball ist das ähnlich, da spreche ich aus eigener Erfahrung, ob es im Team ist, in den Gremien oder auf den Tribünen die Zuschauer. Ich glaube, es ist eine tolle Sache und es sollte im sozialen Leben auch genauso gut funktionieren. Und ich denke, dass diese Veranstaltung eine Vorbildfunktion für viele andere haben sollte. An die Kinder, die aufgetreten sind, nochmal einen herzlichen Glückwunsch und natürlich einen Dank an die Sponsoren, ohne die das gar nicht möglich gewesen wäre.“

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Prof. Klaus Otte (Theologe und Religionswissenschaftler): „Es ist nicht das erste Mal, dass ich an dieser Veranstaltung teilnehme. Ich stelle fest, dass es jedes Jahr ein Schritt nach vorne geht und die Professionalität zunimmt. Diese Olympiaden sind sehr wichtig für uns. Ich kann allen, die daran teilhaben, nur vom ganzen Herzen gratulieren. Es war wunderbar und ein Genuss, bei diesem heutigen Kulturfest dabei sein zu dürfen.“

Qualifizierungen für den Länderwettbewerb in der Türkei

Türkische Sprache & Kultur

Türkisch als Fremdsprache:

Sprachwettbewerb Julius Busche, Köln
Kurzfilmwettbewerb Mert Bas, Geseke
Gedichtvortrag Katrin Schitz, Berlin
Liedvortrag Jessica Graf, Berlin

Türkisch als Muttersprache:

Lesewettbewerb Süreyya Şimşek, Ludwigsburg
Allgemeinwissen Handan Fidan
Türkischer Volkstanzwettbewerb Phoenix Grubu, Köln & Hilden
Gedichtvortrag Müberra Tosun, Osnabrück
Liedvortrag Neslihan Şenkaya, Nürnberg

Deutsche Sprache & Kultur

Liedvortrag Tuana Güney, Braunschweig
Gedichtvortrag Melissa Kopernik, Wiesbaden
Theater und Talentwettbewerb Theatergruppe Köln
Deutscher Volkstanzwettbewerb EMA & Boltenheide, Gymnasium Remscheid
Fotowettbewerb Michael Müller, Stuttgart
Aufsatzwettbewerb Anna Yasemin Linker, Freiburg