GASTBEITRAG Panikattacke bei einer etwa 50-jährigen Frau: nein, kein zu hoher Blutdruck, sondern die anscheinend erschütternde Erkenntnis, dass jetzt die Ausländer bei ihr im Supermarkt einkaufen! So gehört, in der türkischen Sprache, etwas überdiskret hinter meinem Rücken, nachdem wir in einen neuen Stadtteil gezogen waren.

Diplomatisch wie man in so einer Situation sein sollte erwiderte ich natürlich nichts; sie dachte ja mit Sicherheit, dass ich kein Wort Türkisch verstehe; falsch gedacht – halbwegs passabel, auch damals schon, um genug von dem zu verstehen, was ich eigentlich gar nicht hören sollte. Ausnahmeerscheinung – aber man denkt halt schon darüber nach.

Pseudo-Weiß: keine Farbe, sondern diskutierbare Lebenseinstellung

Interessant, sie sah genauso aus wie ich, natürlich weiblich, nicht männlich, aber was im Allgemeinen als ‚weiß‘ bezeichnet wird. Mein Nachteil: für sie sah ich wohl nicht türkisch genug aus und hatte mir die Frechheit erlaubt, mit meiner Familie wahrscheinlich zu lautstark auf Englisch zu kommunizieren, normal mit einem Kind, das von Regal zu Regal rennt. Ihr Nachteil: voll von Vorurteilen! Darf ich deshalb einmal ganz deutlich reden; faire Kritik ist doch erlaubt? ‚Pseudo-Weiß‘ ist nicht meine Sache. Westliche Kleidung, Alkohol, importierte Popmusik… alles schön und gut, Geschmacksfrage im sprichwörtlichen Sinne. Aber wenn man all das nur als Fassade macht… Und anscheinend ist es ‚in‘, sich als westlich auszugeben, wenn man in bestimmten Kreisen verkehrt (sagen wir mal vorsichtig, in der ehemaligen Elite), nur um wenig später wieder die intellektuellen Zugbrücken hochzuziehen.

Vom Supermarkt-Vorurteil zum Strand-Missverständnis

Nein, ich schreibe nicht über dieselbe Person. Auch wir internationalen Gäste oder Bewohner machen Fehler. Ort: ein führendes Tourismusresort. Dort hätte angeblich jemand ein Warnschild aufgestellt, welches Ausländern die Benutzung des Strandes und der Umkleidekabinen untersage. Zehn Minuten später am Platz, Fototelefon dabei. Das Schild besagte in der Tat, dass ‚yabancılar‘ (‚Ausländer; Unbekannte‘) hier nicht sonnenbaden dürften. Und dann las ich die darunter angebrachte englischsprachige Fassung mit dem Wort ‚foreigners‘. Es war ein großes linguistisches Missverständnis: die Bewohner des Hauskomplexes wollten nicht, dass keine Ausländer ihre Sonnenliegen benutzen – sie wollten lediglich, das keine Nicht-Hauseigentümer davon profitieren.

Keine verbale Auseinandersetzung im Supermarkt, kein Aufstand der internationalen Gäste im Strandort. Kleinigkeiten sozusagen. Viel umfassender ist die folgende Frage: Sind EU-Bürger im generellen Sinne willkommen und gut integriert hier in der Türkei?

Die Stadt Bolu als Paradebeispiel

Um richtig auf den Zahn fühlen zu können und diese Frage wirklich zu beantworten, macht es Sinn, die internationalisierten Küstenregionen und auch die drei Metropolen Ankara, Istanbul und Izmir einmal hinter sich zu lassen.

Auf nach Bolu – gelegen in der Mitte zwischen Istanbul und Ankara. Die Firma, für die meine Frau arbeitete, hatte dort ein Werk. Obwohl neben mir nur noch drei oder vier weitere Ausländer (amerikanische Akademiker) in der bekannten Erholungs- und Unistadt lebten, konnte man eine perfekte Zusammenlebensform vorfinden, wie man sie nur von Postkarten kennt.

Natürlich, manchmal fühlte ich mich dennoch etwas alleine, als der einzige EU-Bürger plus Familie unter vielen zehntausenden freundlichen türkischen Nachbarn. Auch ‚expats‘ haben von Zeit zu Zeit schließlich den Heimwehblues!

Aber gerade diese türkischen Nachbarn hier waren einfach wunderbar, keine Fragen wie ‚Wo kommen die denn her‘ und so weiter. Meine Tochter war bestens integriert in der lokalen Grundschule. Die Kommunikation – ebenfalls toll. Vom Schulleiter zum Fleischer, vom Zeitungsladen zum Busbahnhofticketverkäufer. Dort, wo ich dachte, man lebt als Ausländer auf dem Präsentierteller – das war überhaupt nicht so. Absolute Normalität, und sehr willkommen!

Stadtverwaltung super, Minibusfahrer freundlich, Taxichauffeur vorbildlich, Umgebung grün und grüner… Es zeigte mir, dass man in der Türkei als EU-Bürger nicht nur in den Metropolen oder am Strand leben kann, sondern beinahe überall.

Gut integriert? Denke schon

Es kommt auf einen selber an. Wenn man kleinere Randerscheinungen wie oben angesprochen einmal bei Seite lässt, kann man sich als freundlicher menschlicher Import schnell einleben und sehr wohlfühlen. Es gibt schon ein paar Nachbarschaften, wo jeder Ausländer als CIA-Agent angesehen wird, aber dann gibt es auch in Europa Stadtteile, wo manche Bürger Nicht-Einheimische abschätzig betrachten.

Mir geht es nicht um Randerscheinungen, sondern um das Gesamtbild. Und das sagt mir, dass EU-Bürger in der Türkei hochwillkommen sind, egal ob als Sommerhausbesitzer, Student, Urlauber oder Daueraufenthalter. Man muss halt aus sich herausgehen, mentale Türen öffnen und nicht abschalten. Nach der Arbeit, dem Strandbesuch oder der Vorlesung sich nicht zu Hause verkriechen, sondern eintauchen ins Leben, auf Menschen zugehen. Man muss zu einem Dialog bereit sein.

Klaus Jürgens studierte ‚Government‘ an der London School of Economics and Political Science. Er lebt mit Ehefrau und Familie in der Türkei und schreibt dort für die englischsprachige Tageszeitung Today’s Zaman. Jürgens beschäftigt sich insbesondere mit der politischen und wirtschaftlichen Entwicklung der Türkei und ihren Beziehungen zur EU, sowie bi-lateralen Beziehungen zu Österreich sowie dem Vereinigten Königreich. Häufig werden auch Deutsch-Türkische Themen behandelt. Er bezeichnet sich selbst als ‚Deutscher mit starker Freundschaft zu Österreich‘.