Lernten die ersten Einwanderer kaum die Sprache ihrer neuen Heimat, haben nun viele ihrer Kinder die eigene Muttersprache verlernt. Europäische Staaten hätten sich zu deren Schutz verpflichtet. Es geschieht diesbezüglich aber nur wenig.

In Kopenhagen, der Hauptstadt Dänemarks, hat kürzlich das internationale Seminar über Muttersprache bei zweisprachigen Türken in Europa stattgefunden. An dem Seminar, welches in Zusammenarbeit zwischen dem Anatolischen Sprach-und Kulturzentrum in Dänemark und der Universität Kopenhagen organisiert wurde, hat eine Vielzahl von Akademikern teilgenommen, welche an verschiedenen Universitäten, sowohl in der Türkei als auch in Europa, zu Themen wie „Erziehung in der Muttersprache“ und „zweisprachige Erziehung“ lehren. Im Rahmen der dreitägigen Veranstaltung wurden schwerpunktmäßig die Probleme der europäischen Türken im Zusammenhang mit der Pflege ihrer Muttersprache behandelt.

Jene Türken, welche Anfang der 70er-Jahre als Gastarbeiter nach Europa gekommen waren, sprachen meist noch kein Deutsch. Jedes Mal, wenn sie zu irgendeinem Amt gehen mussten, erlebten sie Schwierigkeiten, wenn es darum ging, ihre eigenen Rechte geltend zu machen. Irgendwie schafften es auch in weiterer Folge nur wenige, Deutsch zu erlernen. Da sie sowieso vorhatten, eines Tages in ihre Heimat zurückzukehren, erschien das für sie auch als wenig problematisch. Sie kamen ja, um zu arbeiten…

Am Ende kehrten nur wenige in die Türkei zurück, und es hat sich viel geändert. Die Einwanderer waren Arbeiter, mittlerweile sind sie zu Arbeitgebern geworden. Mit der Zeit fingen sie auch an, sich zu bilden und zu studieren. Die Zeit mit der Verlegenheit in den Ämtern ist nun vorüber. Sie konnten ihre Anliegen früher nicht anbringen, doch mittlerweile haben sie dies erlernt. Und heute stehen sie vor einem völlig anderen Problem: Konnten die Einwanderer früher noch die Sprache des Landes, in dem sie lebten, nicht sprechen, kennen ihre Kinder und Enkel nun vielfach die eigene Muttersprache nicht mehr.

Im Umgang mit der Muttersprache herrscht Doppelmoral

Einer der wesentlichsten Gründe, warum die neue türkischstämmige Einwanderergeneration ihre Muttersprache nicht sprechen kann, ist zweifellos das Fehlen der notwendigen muttersprachlichen Bildung. Die EU mit ihren 27 Mitgliedern hat ebenso viele offizielle Sprachen. Zusätzlich zu diesen Sprachen werden innerhalb der Gemeinschaft 175 Einwanderersprachen sowie 60 Regional- und Minderheitensprachen gesprochen. Alle EU-Länder haben 1992 das Übereinkommen über die Erhaltung der europäischen Regional- und Minderheitensprachen angenommen.

Im Abkommen geht es um die Unterstützung der Pflege der betreffenden Sprachen, für welche auch ein entsprechendes Budget vorgesehen ist. Dennoch wurde insbesondere in den letzten zehn Jahren die Förderung für die Bildung in der Muttersprache entweder ganz aufgehoben oder massiv zusammengestrichen. Das Ergebnis dieser Entwicklung war, dass die entsprechende Bildungsqualität diesbezüglich stark gesunken ist.

Prof. Dr. Mehmet Ali Akıncı von der Universität Rouen behauptet beispielsweise, Frankreich wende heute die gleiche Umsetzung von Konzepten zur Zurückdrängung lokaler Sprachen an wie im Jahr 1900. Akıncı weist darauf hin, dass an einigen Schulen in Frankreich das Sprechen der türkischen Sprache verboten werde und es in vielen europäischen Ländern bei der Förderung der Bildung in der Muttersprache Doppelstandards gebe, welche mit der Zeit immer stärker zutage treten würden. Aus diesem Grund sollten sich Akıncı zufolge die türkischstämmigen Einwanderer in Europa selbst um die Bildung in ihrer Muttersprache kümmern und die Initiative ergreifen.

Auch wirtschaftlicher Erfolg ist ohne Muttersprache gefährdet

Die erste Einwanderergeneration war noch als „Gastarbeiter“ nach Europa gekommen. In der nächsten Generation befanden sich dann schon viele, die ihre eigenen Unternehmen besaßen, und deren Anzahl wächst rasch. Der Beitrag Arbeitsplätze schaffender, türkischer Geschäftsleute an der EU-Wirtschaft beträgt mehr als 50 Milliarden Euro. Wenn man beide Generationen miteinander vergleicht, ist dies eine sehr bemerkenswerte Entwicklung. Fachleuten zufolge sind die türkischstämmigen Einwanderer, was den „Unternehmergeist“ anbelangt, im Schnitt wesentlich fortgeschrittener als die Europäer. Die zusätzliche Kultur und Sprache, welche die türkischstämmigen Einwanderer aus ihrer Heimat mitgebracht haben, spielt hierbei zweifellos eine große Rolle.

Diesbezüglich hat auch Dr. Birsel Karakoç, Dozentin am Institut für türkische Sprache an der Universität Uppsala, einen wichtigen Punkt hervorgebracht. Karakoç zufolge werde sich im Fall einer fehlenden Förderung der Muttersprachenbildung auch der wirtschaftliche Erfolg der türkischen Einwanderer reduzieren. Ein Einwanderer, der seine Muttersprache nicht kennt, wird sowohl seinen aus den eigenen kulturellen Wurzeln stammenden Unternehmergeist als auch seine Beziehung mit der Wirtschaft seines Heimatlandes mit der Zeit verlieren. Dies werde sich aber auch negativ auf seinen wirtschaftlichen Erfolg auswirken.

Charta für Erhaltung der Muttersprache

Es wäre außerordentlich gewagt, Deutschland, das Land mit der größten Anzahl türkischstämmiger Einwanderer, als Vorbild im Bereich der muttersprachlichen Bildung zu bezeichnen. Auch hier, wo nicht wenige Politiker offen eine Assimilation der Einwanderer fordern, wird die Bildung in der Muttersprache nicht signifikant unterstützt. Zudem kann jedes Bundesland seine Förderung nach Belieben selbst variieren und anbieten. Auch wenn in Bundesländern mit hohem Einwandereranteil einige vorbildliche Maßnahmen und Fortschritte stattgefunden haben, ist Deutschland dennoch im Thema Muttersprachenförderung ein Land, das sich diesbezüglich noch stark in aktivere Richtung entwickeln muss.

Wenn auch langsam, ist die türkischstämmige Gesellschaft in Deutschland sich doch allmählich der Bedeutung des Problems bewusst geworden. In diesem Sinne wurde auch unter Leitung des Koordinierungsrates für den Erhalt und die Zukunft der türkischen Muttersprache (TAG -Türkçem-Anadilim-Geleceğim; dt.: Mein Türkisch- meine Muttersprache-meine Zukunft) in Zusammenarbeit mit einer großen Anzahl von Organisationen und Verbänden eine besondere Charta für die Erhaltung der Muttersprache unterzeichnet. Nun muss die Charta auch umgesetzt und ihre Entwicklung ernsthaft verfolgt werden.

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