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Extremismus
Solingen 1993: Die Wunde wird wieder aufgerissen

Solingen 1993: Die Wunde wird wieder aufgerissen

33 Jahre nach dem rechtsextremen Brandanschlag von Solingen will einer der Verurteilten das Verfahren neu aufrollen lassen. Für die Familie Genç ist das mehr als ein juristischer Vorgang. Es geht um W

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14. August 2026
4 Min. Lesezeit
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33 Jahre nach dem rechtsextremen Brandanschlag von Solingen will einer der Verurteilten das Verfahren neu aufrollen lassen. Für die Familie Genç ist das mehr als ein juristischer Vorgang. Es geht um Wahrheit, Erinnerung – und um die Frage, wie mit rechter Gewalt in Deutschland umgegangen wird. Es gibt Sätze, die verschwinden nicht. Auch dann nicht, wenn Richter gesprochen haben, wenn Haftstrafen verbüßt sind, wenn Gedenktafeln angebracht, Kränze niedergelegt und Jahrestage abgehalten wurden. „Ich bin unschuldig“, soll Felix K. bei der Urteilsverkündung 1995 gerufen haben. Damals wurde er als einer von vier jungen Männern wegen des Brandanschlags von Solingen verurteilt. Jetzt, mehr als drei Jahrzehnte später, will er erreichen, was ihm damals nicht gelungen ist: eine Wiederaufnahme des Verfahrens. Sein Anwalt argumentiert, das Urteil habe sich wesentlich auf Geständnisse gestützt, die später widerrufen oder verändert worden seien. Neue Beweismittel sollen nun belegen, dass es sich um falsche Geständnisse gehandelt habe. Das Oberlandesgericht Düsseldorf prüft den Antrag. Juristisch ist das zunächst genau das: ein Antrag, kein Freispruch, keine neue Wahrheit, keine automatische Rehabilitierung. Die Wunde ist aufgerissen Und doch reicht schon dieser Antrag aus, um in Solingen alte Wunden wieder aufzureißen. Denn der Brandanschlag vom 29. Mai 1993 ist nicht irgendein Kriminalfall aus den Archiven der Bundesrepublik. Er ist eines der schwersten rassistischen Verbrechen der deutschen Nachkriegsgeschichte. In jener Nacht wurde das Haus der Familie Genç an der Unteren Wernerstraße angezündet. Gürsün İnce, Hatice Genç, Gülüstan Öztürk, Hülya Genç und Saime Genç starben. Zwei junge Frauen und drei Mädchen. Fünf Leben, ausgelöscht durch rassistischen Hass. Viele weitere Familienmitglieder überlebten schwer verletzt, körperlich und seelisch gezeichnet. Die Bilder des ausgebrannten Hauses gingen um die Welt. Solingen wurde über Nacht zu einem Symbol. Nicht für Stahl, Scheren und Messer. Sondern für den tödlichen Rassismus eines Landes, das sich nach der Wiedervereinigung viel zu lange eingeredet hatte, rechte Gewalt sei Randphänomen, Jugendentgleisung, ein Problem einzelner Gewalttäter. Familie Genç hat diesem Land danach etwas gegeben, das es eigentlich nicht verlangen durfte: Versöhnung Vor allem Mevlüde Genç, die 2022 verstorbene Mutter, Großmutter und Tante der Ermordeten, wurde zur Stimme der Menschlichkeit. Sie rief zur Besonnenheit auf, als Wut, Schmerz und Verzweiflung in der türkischen Community und bei vielen Migrantinnen und Migranten zu explodieren drohten. Sie verhinderte nicht allein, aber wesentlich mit ihrer Haltung, dass aus dem Feuer von Solingen ein noch größerer gesellschaftlicher Flächenbrand wurde. Doch genau darin liegt bis heute eine bittere Überforderung. Mevlüde Genç wurde in Deutschland oft als große Versöhnerin gefeiert. Zu Recht. Aber diese Erzählung hatte manchmal auch eine bequeme Seite. Wer die Versöhnung der Opfer zu laut lobt, muss sich weniger mit dem Versagen der Tätergesellschaft beschäftigen. Wer Genç als Symbol der Vergebung verehrt, darf nicht vergessen, dass sie zugleich immer Aufklärung, Konsequenz und Ernsthaftigkeit im Kampf gegen Rechtsextremismus forderte. Versöhnung war nie ein Schlussstrich Das macht die aktuelle Entwicklung so sensibel. Die Familie Genç wurde über Jahrzehnte immer wieder auf den Prozess angesprochen. Immer wieder stand die Frage im Raum, ob wirklich alles aufgeklärt wurde. Ob vier junge Männer, so unterschiedlich sie in Herkunft, Umfeld und Biografie waren, allein ein solches Verbrechen geplant und begangen haben sollen. Ob das Umfeld, das Klima, mögliche Mitwisser, politische Verantwortung und gesellschaftliche Brandstifter jemals ausreichend beleuchtet wurden. Der Wiederaufnahmeantrag von Felix K. berührt deshalb nicht nur die Frage, ob ein einzelner Verurteilter zu Recht oder zu Unrecht verurteilt wurde. Er berührt die viel größere Frage, wie belastbar die offizielle Gewissheit ist, mit der Deutschland solche Kapitel irgendwann schließt. Genau hier beginnt diese Serie Denn Solingen steht nicht allein. Mölln steht nicht allein. Der NSU steht nicht allein. Hanau steht nicht allein. Duisburg, Halle, Rostock-Lichtenhagen, Hoyerswerda, die Keupstraße in Köln: Immer wieder zeigt sich bei rechtsextremen Anschlägen ein Muster. Der Staat erkennt rechte Motive zu spät. Behörden suchen zunächst im Umfeld der Betroffenen. Hinweise werden übersehen, Spuren nicht verfolgt, Akten verschwinden oder werden vernichtet. Opfer werden befragt, verdächtigt, beobachtet – während Täter, Netzwerke und Milieus zu lange unterschätzt werden und unbehelligt bleiben. Im NSU-Komplex wurde dieses Muster besonders brutal sichtbar. Menschen wurden ermordet, ihre Familien jahrelang mit Verdächtigungen überzogen. Die Mordserie wurde schändlich mit einem Begriff („Dönermorde“) belegt, der die Opfer rassistisch markierte, statt die Täter zu benennen. Auch beim Nagelbombenanschl

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