Masoud Barzani beantwortet Fragen von Journalisten in Arbil.
Die Eziden führen seit August einen verzweifelten Kampf gegen den IS. Nach Monaten militärischen Vernachlässigung hat sich die kurdische Regierung in Arbil nun dazu entschlossen, die Eziden mit Waffen zu unterstützen.

Die ezidischen Kämpfer, die in der irakischen Region Şingal seit Monaten eigenständig und auf eigene Initiative gegen die Terrororganisation „IS“ kämpfen, sind nun offiziell in die Streitkräfte der Peschmerga eingegliedert worden. Dies berichtet die kurdische Zeitung Rudaw, die der kurdischen Regionalregierung unter Masoud Barzani nahesteht.

Dem Bericht zufolge gelte diese Regelung rückwirkend auch für die bereits im Kampf gegen den IS gefallenen ezidischen Kämpfer. Ihre Familien würden nun von dem kurdischen ‚Ministerium für Märtyer-Angelegenheiten’ monatliche Unterhaltszahlungen erhalten – genauso wie die Familien gefallener Peschmerga-Kämpfer.

Der für die Region Şingal verantwortliche Peschmerga-Verterter Aştî Koçer sagte gegenüber Rudaw, dass die ezidischen Einheiten fortan von der Regierung in Arbil mit Waffen ausgerüstet würden.

Die Eingliederung der verschiedenen ezidischen Kampfverbände in die offiziellen kurdischen Streitkräfte ist insofern von großer Bedeutung, als dass Arbil dadurch sein Verhältnis zu der ezidischen Bevölkerung aufwertet.

Politische Eiszeit zwischen Eziden und Arbil

Als der IS Anfang August eine Offensive gegen die hauptsächlich von Eziden bewohnte Region Şingal startete, zogen sich den Angaben von Bewohnern zufolge die dort zum Schutz der Bevölkerung stationierten Peschmerga-Verbände ohne Vorwarnung und Gegenwehr zurück. Der Vorwurf, Barzani habe Şingal und die Eziden verraten und wissentlich den vorrückenden IS Kämpfern überlassen, um international Aufmerksamkeit für die kurdische Sache und militärische Unterstützung der westlichen Verbündeten zu erhalten, lastet seitdem schwer auf dem Verhältnis der ezidischen Kurden zu Barzani.

Die terroristische PKK präsentiert sich seitdem als politischer Gegenspieler zu Arbil, da diese bereits wenige Tage nach Beginn der IS-Offensive bewaffnete Einheiten nach Şingal entsandte. Außerdem rüsteten die sog. Volksverteidigungseinheiten (Yekîneyên Parastina Gel, YPG), also der militärische Arm der syrischen Schwesterorganisation der PKK, ezidische Einheiten mit Waffen aus. Darüber hinaus starteten YPG-Kämpfer militärische Ausbildungsprogramme für ezidische Zivilisten. In diesem Kontext entstand auch die ezidische Miliz Yekîneyên Berxwedana Şingal (YBŞ).

Obwohl diese ezidischen Milizen offiziell politisch unabhängig sind, konnte sich die PKK in Şingal als wichtiger politischer Gegenspieler gegenüber Arbil präsentieren. Unter vielen Eziden wurde – wie von anderen kleineren Minderheiten im Nordirak ebenfalls gefordert – der Ruf nach größerer Unabhängigkeit bzw. Autonomie laut.

Eziden zwischen PKK und Barzani

Der Kommandant der ezidischen Kampfverbände, Qasim Şeşo, sagte beispielsweise nach dem Rückzug der Peschmerga-Verbände aus Şingal, dass die Eziden im Irak das Vertrauen in die kurdischen Peschmerga verloren hätten. Er äußerte außerdem Zweifel über das ernsthaften Engagement der Peschmerga in der hauptsächlich von Eziden bewohnten Region.

Wie ernst die PKK die Möglichkeit zum Machtausbau im Irak nimmt, zeigen die jüngsten Äußerungen des in der Türkei inhaftierten PKK-Führers Abdullah Öcalan: „Unsere ezidische Gemeinschaft hat große und einzigartige Kurdische Werte und sie haben ihren Glauben gegen alle Bedrohungen verteidigt. Die Eziden sind derzeit mit schwersten Angriffen konfrontiert. Die Kurden müssen ihre Kultur, ihren Glauben und ihre Identität verteidigen. Das ist essentiell für die Freiheit.“

In Bezug auf die Tausenden ezidischen Frauen, die durch IS-Terroristen gefangen genommen und anschließend anscheinend in die Sklaverei verkauft wurden, sagte Öcalan: „Ich grüße die ezidischen Frauen, deren Tapferkeit ich persönlich erlebt habe.“

Peschmerga und die ‚Eingliederungs-Strategie‘

Die nun beschlossene Eingliederung der ezidischen Einheiten in die Barzani-treuen Streitkräfte der Peschmerga wirkt diesen Bestrebungen nun jedoch entgegen. Şeşo bestätigte laut Rudaw die Eingliederung seiner Kämpfer in die Peschmerga-Streitkräfte. Das in aus Deutschland sendende ezidische Radio ezdayi.com berichtete unter Berufung auf einen führenden ezidischen Kommandanten, dass dieser politische Schritt vorallem auf Grund von versprochenen Waffenlieferungen Arbils an die ezidischen Kampfeinheiten und daher einer schnelleren Rückeroberung Şingals getätigt wurde. Außerdem habe die finanzielle Versorgung der Familien gefallener ezidischer Kämpfer eine wichtige Motivation für die Einwilligung dargestellt.

Auch gegenüber anderen Bevölkerungsgruppen bzw. deren Milizen praktiziert Arbil eine ähnliche ‚Eingliederungs-Strategie’. So unterhält die christliche Miliz „Dwekh Nawsha“ der Assyrian Patriotic Party und die mit ihr verbundene Chaldean-Syriac-Assyrian Popular-Council verbundene Gruppe gute Beziehungen zur kurdischen Regierung in Arbil. Ihre Mitglieder kooperieren mit den kurdischen Peschmerga. Aktivisten auf Twitter zufolge tragen einige Einheiten der „Dwekh Nawsha“ sogar Abzeichen der Peschmerga-Gendarmerie „Zeravani“.