KOLUMNE Ich hätte nicht gedacht, dass ich einmal den Entertainer Günter Jauch für seinen Sonntagsabendtalk in der ARD loben würde. Denn eines kann man ihm normalerweise nicht vorwerfen: Journalismus. In der Natur der Talkshow liegt es freilich, dass am Ende auch eine Show herauskommt. Dennoch stünde einer Polit-Talkrunde mehr Politik besser zu Gesicht. Und auch die Ernsthaftigkeit der politischen Auseinandersetzung ließ Jauch als Moderator doch allzu oft vermissen, wobei er die Technik des gezielten Unterbrechens durchaus beherrscht, wie es auch seine Kolleginnen Will, Illner und Maischberger auszeichnet – denn die Dramaturgie gebietet, dass thematisch rote Linien nicht überschritten werden sollen.

Erfrischend anders war daher die Sendung am 7. Juni 2015 – sie unterschied sich deutlich von den üblichen Gewohnheitsdramaturgien. Eingeladen war eine Journalistin, die sich mangels Rederechts bei der Pressekonferenz von Angela Merkel und Abd al-Fattah al-Sisi am 3. Juni in Berlin als Aktivistin das Rederecht erstritt. Fagr Eladly rief in die Menge und beschuldigte den Gast Merkels des Mordes.

Die junge Frau, die ein Kopftuch trägt, war meiner Beobachtung nach die erste Muslimin überhaupt, die zu einem allgemeinen politisch relevanten Thema in eine deutsche Talkshow eingeladen wurde und nicht etwa zum vielfach überdehnten Thema „Islam“. Sie nahm zu relevanten politischen Zeitfragen Stellung und es dürfte bereits im Vorfeld klar gewesen sein, dass ihre politische Position an den besagten roten Linien kratzen würde, die in solchen Formaten so gefürchtet sind. Und zu viel Konsens soll auch nicht sein. Das reduziert das Unterbrechungspotential und somit die Eingreifmöglichkeit der Moderierenden.

Die Studentin Eladly machte deutlich, wie kompetent und eloquent sie ihre politische Analyse in der Runde von Margot Käßmann, Peter Altmaier, Gabor Steingart und Dietmar Harz zu behaupten weiß, in der es um die Frage ging: „Kann Politik noch Krisen lösen?“

Darauf gab es natürlich keine Antwort, aber das Fazit der Sendung lässt durchaus hoffen. Es lautet nämlich: Man darf auch einmal etwas unkonventioneller sein und gelegentlich sogar das Bunte und also Abweichende in Wort und Bild zulassen, das Normale und Nicht-Stereotype eigentlich, auch und gerade im Fernsehen. Vielleicht tröstet diese Entwicklung ja über die konstatierte Machtlosigkeit der Politik hinweg, von der empfundenen Machtlosigkeit der Bürger gegenüber der politischen Klasse ganz zu schweigen. Dies ließe sich weiter ausbauen. Demokratisierung von unten wäre das dann gegebenenfalls.