Eine alte Schaukel eines Spielplatzes ist am 14.10.2016 auf einem Campingplatz in Lichtenberg (Bayern) zu sehen. In Lichtenberg hatte die vor 15 Jahren verschwundene Peggy gelebt. Nachdem am Fundort des Skeletts von Peggy eine DNA-Spur des mutmaßlichen NSU-Terroristen Böhnhardt sichergestellt wurde, prüft die Polizei nun eine mögliche Verbindung. Foto: Nicolas Armer/dpa (zu dpa «NSU-Spur nährt Hoffnung auf Klarheit im Fall Peggy» vom 14.10.2016) +++(c) dpa - Bildfunk+++

Wegen der Entdeckung von DNA-Spuren des mutmaßlichen NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt am Fundort der getöteten Schülerin Peggy wird mindestens ein Kindsmord erneut geprüft. „Es gab einen Tod eines neunjährigen Kindes in den neunziger Jahren in Jena und da war Herr Böhnhardt und sein Name schon einmal im Visier und das müssen wir alles viel, viel gründlicher betrachten“, sagte Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) am Freitag in Berlin. Der stellvertretende Leiter der Staatsanwaltschaft Gera, Steffen Flieger, bestätigte am Freitag eine neue Untersuchung zum Tod des neunjährigen Bernd im Jahr 1993.

Böhnhardt war von einem selbst in Verdacht geratenen Schulfreund des Mordes an dem Kind bezichtigt worden. Der mutmaßliche Terrorist war 1993 wegen des Kindsmordes in Jena vernommen worden, wie Ramelow vor einer Sitzung des Bundesrates sagte. Bislang ist unklar, ob Böhnhardt überhaupt in die Ermordung der beiden Kinder verstrickt war.

Der neunjährige Bernd war im Juli 1993 zunächst verschwunden. Zwölf Tage später war seine Leiche tot am Ufer der Saale in einem Gebüsch gefunden worden. Nach Angaben von Flieger gibt es in diesem Fall keine unausgewerteten DNA-Spuren mehr. Nach den bislang geführten Ermittlungen komme Böhnhardt nicht als Täter in Betracht. „Mord verjährt nicht und deshalb bleiben auch die Spuren, die man gesichert hat, bis zum Schluss aufgehoben“, sagte Flieger. Blutspuren beispielsweise würden tiefgefroren und könnten auch Jahre später noch einmal neu untersucht und mit neuen DNA-Spuren abgeglichen werden.

Mindestens ein weiterer bekannter Fall

Wie viele ungeklärte Todesfälle bei Kindern es im Verantwortungsbereich der Staatsanwaltschaft Gera gibt, konnte Flieger nicht sagen. Bekannt ist der Fall der zehnjährigen Ramona Kraus aus Jena-Winzerla, die im August 1996 verschwand. Im Januar 1997 wurden in einem Waldstück bei Eisenach die Leiche des Mädchens und ihr Schulranzen entdeckt.

Mitglieder des NSU-Untersuchungsausschusses zeigten sich angesichts der neuen Entwicklung entsetzt. Katharina König, Obfrau der Linken, forderte einen Abgleich der DNA von Böhnhardt sowie der DNA der weiteren mutmaßlichen NSU-Terroristen Uwe Mundlos und Beate Zschäpe mit allen ungeklärten Fällen, bei denen Kinder und Menschen mit Migrationshintergrund zu Tode gekommen seien. Zudem sei aus ihrer Sicht derzeit völlig offen, ob der Münchner NSU-Prozess gegen Zschäpe so weitergehen könne wie bisher. Ähnlich äußerte sich SPD-Obfrau Dorothea Marx.

Bis heute ungeklärt ist, zu wem die Kinderkleidung und das Spielzeug gehören, das Polizisten in dem Wohnmobil fanden, in dem sich Böhnhardt und Mundlos im November 2011 in Eisenach selbst erschossen haben sollen. Interessant ist das deshalb, weil Zeugen schilderten, Zschäpe und Böhnhardt seien von Kindern begleitet worden, als sie zwischen 2000 und 2011 Wohnmobile anmieteten. „Die meisten der Kindersachen wurden nie auf DNA untersucht“, so Marx.

Im unmittelbaren Umfeld des Trios zwang der Thüringer Neonazi und V-Mann Tino Brandt Kinder zur Prostitution. Deswegen ist er inzwischen zu einer Haftstrafe in Höhe von fünfeinhalb Jahren verurteilt. 2009 erhielt die Polizei in Suhl zudem Hinweise, Brandt betreibe gemeinsam mit dem V-Mann „Küche“ des Verfassungsschutzes Thüringen einen Zuhälterring, der vor allem rumänische Jungen an Pädophile vermittelte.

Türkischer Rechtsanwalt kündigt neuen Beweisantrag an

Rechtsanwalt Mehmet Daimagüler, Vertreter der Nebenklage im NSU-Prozess, appellierte an Zschäpe, sich zu den neuen Erkenntnissen im Fall Peggy zu äußern. „Ich würde mir wünschen, dass Frau Zschäpe auch in diesem Fall an der Aufklärung mitwirkt und auspackt, was sie dazu weiß“, erklärte er dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ (Freitag).

Daimagüler kündigte auch einen neuen Beweisantrag im NSU-Prozess an. Dabei sollten Einzelheiten über Kinderporno-Dateien auf einem Computer des NSU untersucht werden, so der Jurist gegenüber der Deutschen Presse-Agentur. Im Schutt der abgebrannten Fluchtwohnung des NSU in Zwickau war ein Datenträger mit Kinderpornomaterial gefunden worden. Man müsse herausfinden, sagte Daimagüler, „wer Kenntnis hatte und wer es draufgeladen hat – Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos, Beate Zschäpe oder alle drei“.

Urteil und Freispruch im Fall Peggy

Im Fall Peggy hatte der geistig behinderte Ulvi K. ein Geständnis abgelegt, dieses jedoch später widerrufen. Er wurde 2004 verurteilt, dann aber 2014 freigesprochen. Ulvi K. hatte vor dem Verschwinden Peggys einen Jungen sexuell missbraucht.

Nicht nur der Deutschürke widerrief sein Geständnis. Auch ein Hauptbelastungszeuge aus dem Gefängnis nahm seine Schilderung zurück, derzufolge K. ihm gegenüber von dem Mord erzählt habe.

Wegen der vielen Ungereimtheiten hatten sich Teile der Bevölkerung mit K. solidarisiert und eine Bürgerinitiative gegründet. Nach dem Gefängnis und einem Psychiatrieaufenthalt lebt er heute in einem Behindertenwohnheim.

Die rätselhafte DNA-Probe P46

Bei der Aufklärung der NSU-Terrorserie könnten DNA-Spuren von zentraler Bedeutung sein. 15 Banküberfälle, zehn Morde und zwei Sprengstoffanschläge zwischen 2000 und 2007 werden den Terroristen zur Last gelegt. Besonders rätselhaft aber: An keinem der 27 Tatorte wurde eine DNA-Spur der mutmaßlichen Terroristen Böhnhardt und Mundlos gefunden. Dafür zahlreiche anonyme Spuren, die bisher nicht zugeordnet werden konnten. Auch an den Tatwaffen waren keine Spuren von Böhnhardt und Mundlos.

Nach der Entdeckung von DNA-Spuren Böhnhardts am Fundort der getöteten Schülerin Peggy bekommt die Forderung nach weiteren Untersuchungen neuen Auftrieb. Dies war auch mehrfach Thema im NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestags. „Ungewöhnlich“ nannte dort der DNA-Spezialist des BKA, Carsten Proff, die Tatsache, dass keine Spuren der mutmaßlichen Haupttäter entdeckt wurden. Erklärbar sei es aber vielleicht doch. Handschuhe, Masken und Sturmhauben könnten das Zurücklassen von DNA-Spuren verhindern, man müsse sich dazu aber sehr anstrengen und extrem vorsichtig sein.

Ein weiteres Rätsel gibt den Ermittlern die DNA-Probe P46 auf. An einer Socke im ausgebrannten Wohnmobil des NSU wurde DNA von Beate Zschäpe gefunden sowie anonyme DNA, die nie zugeordnet werden konnte. Deshalb bleibt die Vermutung, die NSU-Terrozelle könnte mehr als nur drei Mitglieder gehabt haben. (dpa/dtj)