Faymonville Türken
Szenen eines Karnevalsumzugs in Faymonville. Screenshot: Ebru TV/ Youtube

Türkische Flaggen mitten in Europa sind nicht nur auf politischen Kundgebungen, Fußballspielen oder Hochzeiten zu sehen. In dem belgischen Dorf Faymonville wird jedes Jahr ein türkischer Karneval gefeiert – mit türkischen Flaggen, aber ohne Türken! Wir haben recherchiert, was es damit auf sich hat.

Türkische Flaggen und der Karneval. Ein ungewohntes Bild für Türken und Europäer. Nicht so in Faymonville, einem als „türkisches Dorf“ bezeichneten Ort. Hier findet jährlich im Februar ein türkischer Karnevalsumzug statt. Mit überdimensionalen türkischen Flaggen und Motiven zieht der Umzug mit Trompetenmusik und Kamellen durchs Dorf. Zu diesem besonderen Ereignis im Osten Belgiens reisen Türken aus dem ganzen Land an. „Hier wird unsere türkische Flagge gehisst“, sagt ein älterer Mann 2017 stolz in einem Interview mit der türkischen Nachrichtenagentur Anadolu. „Ich komme seit 2013 zum Karneval hierher. Wir haben hier Familienfreunde, Michel, Daniel.“

Am Eingangsportal des Gemeindeamts, das seit 1977 aufgrund des Übergangs der Region in die Großgemeinde Weismes nur noch als Bibliothek fungiert, sind Halbmond und Stern im Wappen zu erkennen, ja, sie sind sogar zentral im Wappen hervorgehoben. Und auch der örtliche Fußballverein, der sich „RFC Turkania Faymonville“ nennt, trägt Elemente der türkischen Flagge im Wappen.

Türken von Faymonville
Türkische Elemente in Faymonville. Screenshot: TRT Avaz / Youtube

Zudem ist auch das einzige Hotel im Dorf mit türkischen Elemente im Namen beschmückt. Es heißt „Le Vieux Sultan“(Der alte Sultan). Weitere Anzeichen für einen türkischen Alltag gibt es in diesem Dorf aber nicht. In der 1000 Einwohner-Gemeinde lebt offenbar kein einziger Türkeistämmiger. Es gibt keine türkischen Geschäfte oder Lokale. Selbst eine Dönerbude sucht man vergebens.

Doch wie kommt es dann zu diesen türkischen Bezeichnungen und Motiven?

Erklärungen zum Hintergrund: Welche stimmt?

Ein kleiner Geschichtsexkurs lässt einige Schlüsse zu, auch wenn Unklarheiten bleiben. In einer Version ist davon die Rede, dass sich Bewohner des Orts im 16. Jahrhundert einem Aufruf der Kirche, Soldaten und Geld für die Verteidigung gegen die vorrückenden Osmanen zur Verfügung zu stellen, verweigert hätten. Man habe ihnen deshalb vorgeworfen, mit den Türken gemeinsame Sache zu machen. Die Bewohner sollen laut dieser Version der Erzählung die Abstempelung übernommen und sich ironisch selbst als Türken bezeichnet haben. Tatsächlich gab es in dieser Zeit auch Herrscher in Europa, die wie Karl der Kühne etwa als „Türk im Occident“ bezeichnet und beschimpft wurden, weil sie, anstatt gegen die Osmanen zu kämpfen, Krieg gegen andere europäische Herrscher führten und in dieser Lesart somit Kräfte banden und eigene Interessen verfolgten.

Eine andere Erzählung geht davon aus, dass im 16. und 17. Jahrhundert die Bewohner Steuerabgaben für die Reichsabtei Stavelot-Malmedy verweigert hätten, weshalb man sie als „Türken“ abgestempelt habe. Auch wenn die Bewohner die Abgaben in erster Linie aus dem Grund abgelehnt haben sollen, weil sie damals zum Herzogtum Luxemburg gehörten, wurde dieses Verhalten als „unchristlich“ ausgelegt. Zu dieser Zeit wurden Nicht-Christen oft auch als „Türken“ bezeichnet. Es galt als Synonym für eine Bedrohung.

Belegt ist keines dieser beiden Versionen. Doch die letztere Version klingt angesichts der historischen Gegebenheiten etwas plausibler.

Nazis greifen Türkendorf nicht an

Einer weiteren Anekdote nach soll der türkische Beiname das Dorf sogar einmal vor einem großen Massaker geschützt haben. Im Zweiten Weltkrieg sollen Nationalsozialisten demnach am Ortseingang die türkischen Elemente gesehen und das Dorf nicht betreten haben. So sei das Dorf von den Nazis verschont geblieben.

Viele türkische Spuren mitten in Europa

Faymonville ist nicht das einzige Dorf mitten in Europa, das Schnittstellen zur oder Elemente der türkischen Kultur hat. Es gibt noch einige weitere Orte, die Ähnlichkeiten aufweisen. So beispielsweise das Dorf Moena in Italien. Eine Exkursion in diese Gebiete lohnt sich allemal. Vielleicht im kommenden Jahr, wenn die Pandemie (hoffentlich) vorbei ist.