FAZ-Interview mit Fethullah Gülen

Herr Gülen, Sie leben als einer der einflussreichsten Prediger der islamischen Welt seit mehr als zehn Jahren in den Vereinigten Staaten. Muslime werfen der westlichen Kultur Islamophobie vor, und Nichtmuslime kritisieren die Gewalt, die Muslime zur Verteidigung ihres Glaubens ausüben. Ist eine friedliche Koexistenz zwischen Muslimen und Christen möglich?

Ja. Die Ursache für die Gefährdung eines friedlichen Zusammenlebens von Muslimen und Christen ist, dass auf beiden Seiten Randgruppen in Erscheinung treten. Einige Muslime wahren bei ihren Reaktionen gegen die Angriffe und Diffamierungen der Werte, die der Islam als heilig erachtet, nicht das Maß; sie gehen zu weit. Dabei beabsichtigen die Initiatoren dieser Diffamierungskampagnen ja gerade, wie es ihren Verlautbarungen in den Medien zu entnehmen ist, die Muslime zu Ausschreitungen zu bewegen und so den Islam zu diffamieren. Einige Muslime, die nicht bemerken, dass es sich nur um die Taten einer Randgruppe handelt, beschuldigen darauf also die gesamte westliche und christliche Welt der Islamophobie. In der Folge rechnet die westliche Welt – verallgemeinernd – diese extremen Reaktionen der gesamten muslimischen Welt zu, ja sogar dem Islam. Die Muslime sollten nicht einzelne Vorkommnisse der gesamten westlichen Welt anlasten. Andererseits kann und darf es im Westen ebenfalls nicht sein, einige extreme Reaktionen in der muslimischen Welt, die durch Provokationen hervorgerufen wurden, dem Islam und den Muslimen anzurechnen.

Wie steht es dann mit dem friedlichen Zusammenleben?

Im Islam gibt es keinen Wert, der ein Hindernis für das friedliche Zusammenleben mit Christen, Juden oder Angehörigen anderer Religionen und Überzeugungen wäre. Im Gegenteil. Es gibt Koranverse, Hadithe, also Aussagen des Propheten, und historische Erfahrungen, die gerade ein gemeinsames Leben ermöglichen sollen. Der ehrenwerte Ali sagte: „Die Muslime sind unsere Geschwister in der Religion, und die Nichtmuslime sind uns in der Schöpfung gleich.“ Dieser Satz des vierten Kalifen in einem Brief an den ägyptischen Gouverneur Malik bringt diese Wahrheit sehr deutlich zum Ausdruck. Wir haben den anderen in dessen Existenz zu akzeptieren. Möglich sein wird das Zusammenleben von Muslimen und Christen nur durch die Einrichtung einer Kultur des Zusammenlebens. Dazu müssen die Grundrechte und Freiheiten für alle verteidigt und geschützt werden. Beide Seiten haben sich gegenseitig zu akzeptieren, in der Situation des anderen, so dass den Provokationen so weit wie möglich kein Publikum geboten wird. Ereignen sich dann solche Dinge, lässt sich zivilisiert auf sie antworten.
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