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Politik

Fehmi Koru: Wie regierungsnah regierungsnahe Medien wirklich sind

Dass ein großer Teil der regierungstreuen Presse in der Türkei von den Machthabern gesteuert wird, gilt als offenes Geheimnis. Fehmi Koru, ehemaliger Kolumnist mehrerer regierungstreuer Zeitungen, beschreibt nun in seinem neuen Buch eine vielsagende Episode aus der Zeit direkt nach Bekanntwerden der Korruptionsermittlungen gegen führende Regierungsmitglieder. In der Türkei wird währenddessen auch das Vorgehen gegen ausländische Journalisten immer repressiver.

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Der türkische Staatspräsident Erdoğan mit Journalisten in seinem Flugzeug

Dass regierungstreue Zeitungen in der Türkei wie Sabah, Yeni Şafak, Star und Yeni Akit von der Regierung gelenkt werden, wird seit langem gemutmaßt und ihnen vorgeworfen. Diese Zeitungen fallen durch ihre Berichterstattung und die Haltung ihrer Kolumnisten schon längst auf, sie fahren eine bedingungslos Erdoğan-treue Linie. Auch dass Kolumnisten verschiedener Zeitungen mit den gleichen Überschriften titeln, kommt schon mal vor.

Wie regierungsnah diese Blätter nicht nur im übertragenen, sondern auch im rein physischen Sinne sind, dazu beschreibt der Journalist Fehmi Koru, der für die regierungstreue Zeitung Star geschrieben hat, in seinem neu erschienen Buch „Ben Böyle Gördüm“ („So habe ich es gesehen“) ein aufschlussreiches Detail.

Koru erzählt eine Episode, die sich im Haus des damaligen Premierministers Recep Tayyip Erdoğan zugetragen haben soll und deren Zeuge er nur durch ein Versehen geworden sei. Am 19. Dezember 2013, zwei Tage nach Bekanntwerden der Korruptionsermittlungen, wurde Koru von Erdoğan eingeladen, um über die Rolle der Hizmet-Bewegung zu sprechen. Bereits am Vortag hatte er einen ähnlichen Termin beim damaligen Staatspräsidenten Abdullah Gül. Nachdem er abends mit Gül sprach, machte er sich am Morgen des 19. Dezember auf den Weg in Erdoğans Haus im Istanbuler Stadtteil Kısıklı. Die Sicherheitsbeamten des Hauses verwechseln ihn jedoch, er wird zu einer anderen Gruppe von Journalisten gezählt und in das Erdgeschoss des Hauses geführt.

Was Koru hier sah, beschreibt er wie folgt:

„Das untere Geschoss des Hauses war so konzipiert, dass man dort Versammlungen abhalten kann. Als ich mich dorthin begab, sah ich all die Journalisten, die in den Zeitungen Sabah, Star, Yeni Şafak und Yeni Akit Kolumnen schrieben und die ich gut kannte. Der Sicherheitsbeamte, der mich begleitete, dachte wohl, ich sei einer der Journalisten, die zum Morgen-Briefing in Erdoğans Haus gekommen waren und brachte mich zu ihnen. (…) Ich kann mich nicht mehr erinnern, was ich in meiner Verblüffung gesagt habe, das meine Person als nicht zur Gruppe gehörig erkennbar machte. Auf meinen Hinweis hin brachten sie mich in das obere Geschoss. Kurze Zeit später kam Erdoğan persönlich und empfing mich.“

Fehmi Koru zählt zu den bekanntesten Journalisten der Türkei. Er gehörte 1986 zu den Gründern und Herausgebern der Zeitung Zaman und schrieb für sie jahrelang Leitartikel. Später wechselte er zu der Zeitung Yeni Şafak und Star.

Als die Korruptionsaffäre ans Licht der Öffentlichkeit kam, war er Kolumnist der Zeitung Star. Im Juli 2014 wechselte er zu Habertürk und schrieb dort, bis ihn die Zeitung kündigte. Seit Januar 2016 ist Koru arbeitslos. Sein Werdegang wird auch als Beleg dafür gesehen, dass er sich nicht auf die Linie Erdoğans begab und darauf bestand, ein eigenständiger Kopf zu bleiben. Während in der Türkei die aktive Rolle des Staatspräsidenten auch in der Presse immer deutlicher wird, wird die Luft für unabhängige Journalisten immer dünner. Und das gilt nicht nur für einheimische Journalisten, auch ausländische bekommen zunehmend die repressive Haltung der Regierung zu spüren.

Nachdem der ARD-Reporter Volker Schwenk vergangene Woche am Istanbuler Flughafen festgesetzt und ihm die Einreise in die Türkei verwehrt wurde, ereilte das gleiche Schicksal vor einigen Tagen auch einen Mitarbeiter der russischen Nachrichtenagentur Sputnik. Als Tural Kerimov, der Büro- und Redaktionsleiter von Sputnik Türkei, am vergangenen Freitag am Istanbuler Atatürk-Flughafen einreisen wollte, wurde er festgesetzt und ausgewiesen, er musste nach Russland zurückkehren. Die türkischstämmige niederländische Journalistin Ebru Umar wurde in Kuşadası sogar festgenommen. Sie kritisierte den Aufruf des türkischen Konsulats in Rotterdam, das Landsleute in Holland aufforderte, Bürger zu denunzieren, die Erdoğan beleidigen würden. Als Grund für ihre Festnahme wurde Beleidigung des Staatspräsidenten angegeben. Zuletzt verweigerten die türkischen Behörden dem US-amerikanischen Journalisten David Lepeska die Einreise, er ist der vierte ausländische Journalist innerhalb einer Woche, dem das passierte.