Der türkische Islamgelehrte Fethullah Gülen.

In den ersten drei Teilen des ausführlichen Interviews mit dem türkischen Islamgelehrten Fethullah Gülen (Teil 1, Teil 2 und Teil 3) hat dieser unter anderem zu aktuellen innenpolitischen Debatten innerhalb der Türkei und zu Anschuldigungen gegen die von seinen Lehren inspirierte Hizmet-Bewegung Stellung genommen.

Im heutigen Teil geht er unter anderem auf die Kampagnen gegen die Hizmet-Schulen im In- und Ausland und den Friedensprozess ein.

Herr Gülen, in der Botschafterkonferenz in Ankara wurde den Gesandten die Anweisung erteilt, die Hizmet-Schulen im Ausland anzuschwärzen. Wie beurteilen Sie das?

Die weltweiten Verleumdungen kränken und betrüben mich. Und sie veranlassen mich dazu, Zuflucht bei meinem Schöpfer zu suchen. Diese Institutionen wurden unter unglaublicher Opferbereitschaft der anatolischen Menschen aufgebaut. Fast jeder aus der Türkei hat diese Schulen bereits gesehen. Linke wie Rechte, Nationalisten, Religiöse wie Atheisten. Jeder, der Teil dieser Gesellschaft ist. Nicht einer hat jemals diese Schulen als schädlich oder gefährlich empfunden oder den Wunsch geäußert, diese Schulen zu schließen. Es gibt weder rationale noch politische Argumente, die eine feindselige Haltung gegenüber diesen Schulen rechtfertigen könnten.

Unsere Freunde, die diese Schulen gegründet haben, hatten dabei weder materielle noch geistige, spirituelle oder soziale Interessen. Ihr einziges Interesse war es, die Liebe und Zuneigung, die Ausgeglichenheit, die Toleranz und universellen Werte Anatoliens weltweit lebendig zu machen. Die Ignoranz gegenüber den aufrichtigen Bemühungen, unsere Kultur und unsere Sprache in jeder Ecke der Welt beliebt zu machen, ist Ausdruck einer Undankbarkeit. Das helle Licht der Sonne lässt sich nicht mit schwarzer Farbe überstreichen. Die Unfähigkeit, all diesen Bemühungen entgegenzutreten, kann in der Tat dazu führen, dass diese Menschen mit der Zeit wahnsinnig werden. Dieses Unterfangen ist ganz offenbar außer Kontrolle geraten.

Die Karawane wird nicht stehenbleiben

Wenn sie nicht dafür sorgen, dass die Türkei im Ausland Interessensvertreter hat, werden sie nicht sicherstellen können, dass eine einsame, von der globalen Welt isolierte Türkei in Zukunft überleben wird. Nicht nur die Türkei, kein Land auf dieser Welt wird in Zukunft dazu in der Lage sein. Auch die Türkei muss Sympathisanten, Liebhaber und Unterstützer auf der ganzen Welt finden. Für einen universellen Frieden müssen die Völker einander kennen- und sich untereinander zu verständigen lernen.

Es erfüllt mich mit Qual und Trauer, dass einige Menschen versuchen, diese gut gemeinte freiwillige Arbeit in anderen Ländern zu verleumden. Trotz allem werden wir, wie auch oftmals in der Vergangenheit, auch in Zukunft gemäß unserer moralischen Gesinnung und Erziehung jedem einzelnen Menschen mit Respekt begegnen. Wir werden niemanden verunglimpfen, keine Herzen brechen und jeden zu Gewogenheit und Liebe aufrufen. Ob Leid oder Güte, was von Gott kommt, werden wir mit offenen Armen entgegennehmen. Dies ist unser Versprechen als Gläubige gegenüber Gott.

Unsere Freunde sollten aber nicht ihre Hoffnung verlieren. Mit Gottes Gnade und Hilfe wird diese Hizmet-Bewegung fortbestehen; weder Verleumdungen, noch Lügen werden in der Lage sein, diese Karawane zu stoppen. Menschen mit reinem Herzen und Verstand werden diese Lügen und Diffamierungen mit ihrem Scharfsinn in kurzer Zeit begreifen.

Natürlich erschwert so manch ein intolerantes Verhalten uns das Leben. Doch solange es Menschen gibt, die offen sind für den Dialog, solange es Menschen gibt, die die Herzen ihrer Mitmenschen mit ihrem innerlichen Lächeln erobern, solange es reine Gewissen gibt, die sich ihrer Sünden bewusst sind und Reue und Bedauern empfinden, Köpfe, die die Zukunft auf der Grundlage der Vernunft und des Verstandes aufbauen wollen, werden wir die erschütterten Teile unseres Geistes wieder emporheben können und erneut weiterhin jeden einzelnen Menschen mit Liebe und Zuneigung begegnen. Das ist unsere Aufgabe.

Auf der anderen Seite finde ich die Polarisierung zwischen den unterschiedlichen Gesellschaftsgruppen und Identitäten problematisch. Man spielt mit dem Feuer. Wie können Vater und Mutter innerhalb einer Familie aufgrund unterschiedlicher politischer Ansichten gegeneinander aufgehetzt werden? Wir bilden alle gemeinsam eine große Familie, deren Wurzel bis in die Tiefe der Geschichte reicht. Jeder Einzelne sollte die Position des anderen respektieren und wertschätzen. Meinungsfreiheit darf nicht nur bestimmten Kreisen zustehen, sondern muss für alle Menschen gelten. Die Stimme und Meinung einer Minderheit ist genauso wichtig und verdient es genauso, respektiert und ernst genommen zu werden, wie die einer Mehrheit. Wenn Sie ganzen Menschenmassen die Luft zum Atmen nehmen, brechen Sie gesellschaftliche Bruchlinien auf. Und das darf auf keinen Fall für politische Interessen in Kauf genommen werden.

Es ist bedauerlich, dass genau dieser Punkt bei den Gezi-Protesten nicht beachtet wurde. Es wurden demokratische Wünsche geäußert. Umweltsensibilitäten wurden in zunächst gut gemeinten Aktionen zum Ausdruck gebracht. Man hätte hier mit Nachsicht reagieren und auf die Menschen zugehen können. Man hätte sich ihre Wünsche und Sorgen anhören können. Im Gegenteil wurden sie mit Gewalt zurückgedrängt. Das Einkaufszentrum, das dort errichtet werden sollte, war es etwa wertvoller als ein Menschenleben? Der Druck, der ausgeübt wurde, hat im Gegenzug zur Gewaltbereitschaft der Aktivisten geführt. Ein lokales Problem wurde zu einem gesamtgesellschaftlichen. Als dann auch noch gewaltbereite Gruppierungen mitzuwirken begannen, waren wir zutiefst besorgt. Weltweit beteten unsere Freunde. Auch dann wurde die Hizmet-Bewegung dafür verantwortlich gemacht und es wurde mit dem Zeigefinger auf uns gedeutet. Möge ihnen Gott Gnade, Barmherzigkeit und Verständnis erweisen.

Einen gemeinsamen Nenner finden

Wie stehen Sie zur Kurdenfrage und dem Friedensprozess?

Es ist die Pflicht eines gläubigen Menschen, sich stets für den Frieden einzusetzen. Im Südosten der Türkei haben sich über die Jahre hinweg Probleme angestaut. Man versuchte, diese militärisch zu lösen. Auf diese Weise sind diese nur noch weiter angewachsen. Nun hat sich ein Friedensprozess entwickelt. Man sollte versuchen, ihn voranzubringen. Dies ist für beide Seiten die Chance, ihre Feindseligkeiten zu vergessen und ihre Fehler zu überdenken.

Der Staat sollte seinen Bürgern gegenüber vor allem gerecht sein. In den Grundrechten und -freiheiten seiner Bürger sollte er keine Kompromisse eingehen. Schon vor dem Friedensprozess hatte ich mich zur Ausbildung in der Muttersprache geäußert. Noch immer gibt es keinen Fortschritt, ständig wird sie verzögert. Qualifizierte Lehrkräfte, die der kurdischen Sprache mächtig sind, sollten so schnell wie möglich ausgebildet werden. Während diese Schritte umgesetzt werden, sollte der Staat nicht den Eindruck erwecken, dies wäre alles ein unverdienter Gnadenakt. Die Region ist Heimat mehrerer Zivilisationen und historischer Persönlichkeiten. Neben dem Sicherstellen der Grundrechte und -freiheiten ihrer kurdischen Bürgerinnen und Bürger sollte die Türkei auch versuchen, Kurden im Ausland die Hand zu reichen und die wechselseitigen kulturellen sowie historischen Beziehungen zu kräftigen.

Wir haben drei fundamentale Probleme; Said Nursi benannte diese vor gut einem Jahrhundert: Unwissenheit, Armut und Zerstrittenheit. Wir sehen heute mit eigenen Augen, wie daraus Verzweiflung, Betrugsbereitschaft und gegenseitiger Argwohn entstehen.

All dies muss auf Grundlage einer gemeinsamen Basis besprochen werden. Mit Arroganz herabzublicken wird diese Probleme nicht lösen. Falls es eine Versöhnung geben soll, so lässt sich diese nur durch eine gemeinsame Einigung und Verständigung aller politischer Akteure und Strömungen innerhalb der Region, so unterschiedlich sie auch sein mögen, gewährleisten. Ich befürchte nur, dass dieser Friedensprozess zum Stillstand kommen kann, wenn er noch weiter unnötig verzögert wird. Das Wichtigste ist, dass niemand mehr Blut fließen sehen möchte. Das beinhaltet einen gewissen Pragmatismus. Frieden, Wohlstand und Wohlbefinden der Menschen in der Region sind von entscheidender Bedeutung; eine Atmosphäre sollte geschaffen werden, in der Türken, Kurden, Sunniten, Aleviten, Araber und Assyrer als eine gemeinsame Familie in friedlicher Koexistenz zusammenleben können.

In den letzten Tagen wird von einigen Kreisen von einem „übergeordneten Denksystem“ gesprochen, um die Hizmet-Bewegung zu diffamieren und ihr eine Abhängigkeit vom Ausland zu unterstellen. Sie stehe im Dienste äußerer Mächte…

Diese Vorwürfe sind eine erhebliche Verfehlung. Ich glaube, noch nie zuvor wurden Menschen mit so vielen Lügen und Verleumdungen konfrontiert. Tagtäglich werden neue Lügen, neue Verleumdungen verbreitet. Das Verlangen nach Wohlstand und Komfort verhärtet die Herzen, sodass sie nicht mehr in der Lage sind, die Substanz hinter den Dingen zu sehen. Das Streben nach Weltlichem führt schließlich dazu, dass sie das Spirituelle vergessen, unterschätzen und sogar verspotten. Wenn das Herz verhärtet und am Weltlichen festhält, entsteht beim Menschen der Eindruck, dass alles allein aus diesem vergänglichen Leben bestehe. Die Furcht, Sünden zu begehen, verschwindet und der Mensch gelangt zu einem Punkt, an dem er unbedachte Worte verliert. Der Koran empfiehlt uns, das harte Herz zu besänftigen, zu verfeinern und zu mildern. Wenn ein hartes Herz den Geist gefangen nimmt, greift der Mensch zur Erreichung seiner weltlichen Ziele zu allen nur denkbaren Mitteln, ob legitim oder nicht. Leider ist ein Grund für diese schmerzhaften Tage auch das Verhärten der Herzen.

Falls man unbedingt an der Behauptung eines „übergeordneten Denksystems“ festhalten möchte, so sollte man wissen: Es ist der Beistand, die Gnade und die Bewahrung Gottes, die stets mit der gegenseitigen Beratung und der Brüderlichkeit einherkommt. Die Bewegung, die sich auf keine Autorität außer der helfenden Kraft Gottes stützt und anlehnt, ist mit seiner Hilfe vorangeschritten und solange er uns die Kraft gibt, wird auch niemand dieser Bewegung Schaden zufügen können.

Ein Gläubiger ist ein bedachter Mensch. Er lästert niemandem hinterher, verbreitet keine Lügen oder üble Nachreden. Menschen, die kontinuierlich nach Weltlichem streben, können natürlich diejenigen nicht verstehen, die sich nach dem Jenseits ausrichten. Es hieß, wir seien keine wahren Muslime, Zweifel am Glauben von Hizmet-Anhängern wurden in regierungsnahen Medien verbreitet. Dies verstößt gegen unsere Glaubensprinzipien, doch leider schweigen auch solche, die eigentlich die Verantwortung tragen, und die eigentlich die Pflicht hätten, verbal einzugreifen. Wir können uns aus dieser Atmosphäre der Hetze und des Aufruhrs nur befreien, indem wir unsere Gedanken und Empfindungen täglich auffrischen und uns wieder besinnen.

Menschen, die ihre Gebete in die gleiche Richtung ausrichten, sollten sich davor hüten, Worte zu verlieren, die sie später bereuen könnten.