Der türkische Islamgelehrte Fethullah Gülen.

Der Islam-Gelehrte Fethullah Gülen hat nach langer Zeit wieder ein Interview gegeben. Dabei sprach der 78-jährige über die Türkei, seine Vorstellung von Demokratie, die Rechte der Kurden sowie sein Verhältnis zum türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan. Eine Zusammenfassung.

Der Islam-Gelehrte Fethullah Gülen hat in einem Interview mit der französischsprachigen Schweizer Sonntagszeitung „Le Metin Dimanche“ über wichtige Themen in der Türkei gesprochen. Das Interview wurde auch in der deutschen Zeitung „Welt“ veröffentlicht. Dabei ging es insbesondere um Gülens Vorstellung von Demokratie, die Rechte der Kurden, die Rolle der Frau im Islam und in der Türkei sowie den türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan.

Über den türkischen Präsidenten sagte der mittlerweile 78-jährige Fethullah Gülen, dass er ihn nicht als Feind sehe: „Er ist es, der mich als seinen Feind betrachtet, ich habe ihn nie als solchen gesehen“. Erdoğans Hauptfeind sei Erdoğan selbst. Gülen dazu weiter: „Er hält sich selbst für den klügsten Menschen der Welt, aber in Wirklichkeit wird er von Gefühlen getrieben, von Eifersucht, Hass und Rache. Seine Regierung ist in Paranoia versunken. Meine ältere Schwester muss im Untergrund leben und alle Personen mit demselben Nachnamen wie ich werden verhaftet.“

Erdoğan strebe danach, der neue Führer der muslimischen Welt zu sein, „aber wie kann man eine solche Position beanspruchen, wenn man Entwicklungen unterstützt, die zu Konflikten unter den Sunniten führen?“, fragte Gülen in Anspielung auf die Lage in Libyen, wo auch die Türkei mitmischt. Gülen, der als Begründer der Hizmet-Bewegung in weiten Teilen der Türkei umstritten ist, weiter: „Er verrennt sich immer weiter in seine Widersprüche. Alle narzisstischen Tyrannen wie Hitler oder Stalin nehmen ein schlechtes Ende. Ihre Herrschaft endet immer im Zorn. Er wird dasselbe Schicksal erleiden.“

Korruptionsskandal 2013 als Auslöser für Repressalien

In der Tat ist die Bewegung um den Islam-Gelehrten Fethullah Gülen derzeit großen Repressalien in der Türkei ausgesetzt, die sogar über die Grenzen des Landes hinausreichen. Auslöser war die Aufdeckung eines Korruptionsskandals Ende 2013, bei dem unter anderem hochrangige Politiker der regierenden AK Partei verwickelt waren. Erdoğan machte die Hizmet-Bewegung dafür verantwortlich. Gülen selbst lehnte das ab. Im Juli 2016 gab es dann einen Putschversuch in der Türkei, für den die türkische Regierung ebenfalls die Bewegung verantwortlich machte. Seitdem haben die Repressalien zugenommen. Hunderttausende Menschen verloren von heute auf morgen ihre Arbeit oder wurden inhaftiert. Als Gülen-nah geltende Unternehmen und Einrichtungen wurden geschlossen.

Gülen habe mit seinen Schriften weltweit hunderttausende Menschen inspiriert, erklärt die in Berlin ansässige „Stiftung Dialog und Bildung“ in einer Pressemitteilung. Die Stiftung ist die offizielle Vertretung der Hizmet-Bewegung in Deutschland. Das Engagement der von Gülen inspirierten Menschen für Bildung und Dialog habe sich über Jahrzehnte zur transnationalen Bewegung „Hizmet“ entwickelt.

„Die kurdische Sprache muss in den Schulen erlaubt werden“

Gülen nahm auch Stellung zur Situation der Kurden. In dieser Angelegenheit sei Erdoğan nicht auf der gleichen Wellenlänge wie er. Als Beispiel verwies er auf den ehemaligen Präsidenten Turgut Özal, der in seiner Zeit als Premierminister in seinem Kabinett auch auf kurdische Minister setzte. „Ich glaube, dass mehr Freiheiten gewährt und die kurdische Sprache in den Schulen erlaubt werden sollte“, erklärte Gülen. Dies erfordere einen dezentralen Staat.

„Hizmet-Bewegung wird Modell der sozialen Harmonie verteidigen“

Auch die Rolle der Hizmet-Bewegung war ein Thema des Interviews. Hizmet werde weiterhin eine humanitäre Stiftung sein, denn das sei deren primäre Berufung, sagte Gülen. „Wir sind eine sehr kleine Bewegung, aber wir werden weiterhin unser Modell der sozialen Harmonie, des gegenseitigen Respekts, der Toleranz und der Vielfalt verteidigen. Meine Überzeugung ist, dass humanistische Werte uns über unsere religiösen Zugehörigkeiten hinaus zusammenbringen können“, so Gülen.