Fliege-Statement: Kritische Frage oder diskriminierende These?

Die Reflexe, die sich sehr schnell auf bestimmte Begrifflichkeiten stützen, können die wahren Hintergründe schnell verdrehen. Zu der Maischberger-Sendung vom 12.03.2013 zum Papstrücktritt zitiere ich aus der Bild: „(…) Matussek fragte rhetorisch: „Ja, warum schicken manche Eltern ihre Kinder denn in katholische Kindergärten?“ Und gab gleich die Antwort: „Weil sie eine gewisse Sehnsucht danach haben…“ In dem Moment grätscht Fliege ein: „Weil die Kindergärten ‘türkenfrei’ sind!” Dann wiederholt er es noch einmal: „Weil sie ‘türkenfrei’ sind!” Matussek reagiert empört: „Das erinnert mich an das Vokabular eines Unmenschen.“ Und: „Das kann ich Ihnen nicht durchgehen lassen.“ Dann ein undurchdringbares Stimmengewirr aus Protest, Empörung und Gegenrede (…)“.

Dieses Vokabular „türkenfrei“, welches Matussek entrüstet zurückweist, sollte dem historischen und theologischen Kontext entsprechend den Bezug zum Islam oder zu Muslimen herstellen. Somit stellt Fliege diese These in den Raum und provoziert bewusst den Spiegel-Journalisten mehrfach mit seiner Feststellung, um Islamfeindlichkeit und die Ausgrenzung muslimischer Kinder anzusprechen. Leider zeigte sich die Moderatorin nicht in der Lage, den Einwurf von Herrn Fliege umgehend aufzugreifen und zu hinterfragen, und dadurch wurde einmal mehr ein wichtiges Thema unter den Teppich gekehrt.

Konstruktive und sachliche Kritik möglich – ohne Ethnifizierung und Diskriminierungen

Wenn wir die Stellungnahme Jürgen Flieges genauer betrachten, wird ersichtlich, dass er sich selbst nur dadurch ins Abseits gestellt hat, dass er nicht offen ausgesprochen hat, was er wirklich kritisieren wollte. Es ist zwingend erforderlich, gesamtgesellschaftliche Defizite anzusprechen, dies bedarf aber jeweils einer gewissen Sensibilität für die Wahl der Worte und Anwendung der Sprache – und auch für den Situationszusammenhang. Sprechen wir doch einfach aus, was wir denken. Wenn wir sagen wollen, etwas sei islamfeindlich oder antiislamisch, dann brauchen wir die Probleme nicht erst zu „türkifizieren“ und historische oder neue Kampfbegriffe zu verwenden.

Ein ähnliches Phänomen erlebten wir vor einigen Tagen im Zusammenhang mit dem hessischen Minister Hahn (FDP) und dessen Worten über seinen Parteikollegen Philipp Rösler. Er warf eine komplizierte Fragestellung nach fehlender Anerkennung und Akzeptanz in Gesellschaft und Politik auf, spielte in diesem Kontext auf das „andere Aussehen“ des Vizekanzlers an und rief auf diese Weise eine Welle der Empörung und die vielfache Verurteilung als „Rassist“ hervor.

Rassismus ist Alltag in Deutschland

Man könnte ja die Reaktionen und Missverständnisse noch nachvollziehen, wenn Deutschlands Gesellschaft tatsächlich so antirassistisch wäre. Dem ist aber nicht so. Es ist vielmehr eine öffentliche Verweigerungshaltung zu verzeichnen, wenn es darum geht, sich mit dem Thema „Rassismus im Alltag” überhaupt zu befassen, obwohl Rassismus eben gerade nicht nur in der rechtsradikalen Szene zu finden ist.

Wir müssen uns klar werden um die Definition und den Inhalt. Wann fängt Diskriminierung oder Rassismus an: Welche Formen gibt es und was kann konkret dagegen unternommen werden? Sogar unsere Bundeskanzlerin Merkel, die mittels Anfragen und Forderungen etlicher Organisationen und Vereine immer wieder um die Herstellung von Öffentlichkeit für das Thema gebeten wird, hält sich bedeckt. Die NSU-Mordserie und das Versagen der Sicherheitsapparate ist das beste Beispiel für strukturell und institutionell vorhandene Diskriminierungen. Opfer und Angehörige wurden jahrelang als Kriminelle und mutmaßliche Täter behandelt und auf diese Weise diskriminiert.

Ethnische Deutung individuellen Verhaltens

Der Drang zur Kriminalisierung der Zuwanderer bzw. Ethnisierung der Kriminalität wird als Keule gegen deren politische Anliegen genutzt, wie bei der Forderung nach einer doppelten Staatsbürgerschaft. Dies ist ein weiteres Indiz dafür, dass wir noch weit davon entfernt sind, auf Augenhöhe zu debattieren und respektvoll mit Menschen umzugehen. Das Motto „Deutschland ist kein Einwanderungsland“ scheint immer noch die Gedanken vieler Menschen zu bestimmen.

Wir benötigen dringend kompetente Persönlichkeiten, die diese Debatte in der Öffentlichkeit führen. Die sture Ablehnungshaltung fördert eine Spaltung in der Gesellschaft und schadet dem Ansehen Deutschlands enorm. Medienvertreter, Wissenschaftler, Politiker und die Gesellschaft sind hiermit dazu aufgerufen, den Mut zu zeigen, sich den vor uns liegenden Herausforderungen zu stellen.