Folgen der ungerechten Wohlstandsverteilung auf unsere Gesellschaft

In der Schweiz gehören die umstrittenen Begriffe „Integration“ und „Ausschluss“ zum Standardvokabular der Armutsforschung. Sie deuten an, dass die Armutsfrage über die finanzielle Ausstattung hinaus reicht. Kulturelle und soziale Kapitalien sind ebenfalls wichtig. Die Ausbildung und soziale Beziehungen prägen persönliche Lebenslagen und Perspektiven mit. Neue soziale Differenzierungen verändern alte Klassen- und Schichtgefüge. Prozesse der Integration fördern die Teilhabe am gesellschaftlichen Geschehen. Gegenläufig wirken soziale Ausschlüsse. Sie gelten als zentrale soziale Frage des 21. Jahrhunderts.

Sozialer Ausschluss

Im Rahmen des Nationalfondsprogramms (Nr. 51) über „Integration und Ausschluss“ untersuchten wir (Kutzner 2008), wie sich die Kategorisierung auswirkt, nach welcher die Sozialhilfe in der Schweiz ihre Klientel einteilt. Die Sozialhilfe konzentriert ihre Anstrengungen auf Sozialhilfeabhängige, die noch intakte Chancen haben, im ersten Arbeitsmarkt eine Beschäftigung zu finden. Wer zu dieser privilegierten Gruppe gehört, erhält weniger Mittel für den Grundbedarf, darf aber mehr vom Lohn behalten, wenn eine Erwerbsintegration zustande kommt. Die finanziellen Anreize erweitern den Handlungsspielraum. Etliche Sozialhilfeabhängige schätzen das. Andere fühlen sich durch die privatisierten Risiken noch mehr gestresst. Sie erleben selbst die erfolgreiche Erwerbsintegration als Ausschluss. Denn diese findet oft im prekären Niedriglohnsektor statt, was soziale Beziehungen belastet. Die forcierte Integration kann so Prozesse des Ausschlusses verstärken.

Eine zweite Gruppe bilden Sozialhilfeabhängige, die laut Sozialhilfe weder in den ersten Arbeitsmarkt integrierbar, noch in der Lage sind, gemeinnützige Tätigkeiten als Gegenleistung für die Unterstützung zu verrichten. Sie erhalten das Geld nun mit weniger Auflagen. Das entlastet die einen. Sie können auf pro forma Bewerbungen verzichten und mehr das tun, was sie gerne tun wollen. Der Ausschluss aus der Erwerbsarbeit gibt ihnen die Möglichkeit, sich um ihre soziale Integration zu kümmern. Der „Ausschluss“ fördert sogar ihre Integration. Ein Journalist, der psychisch erkrankt ist, kann nun „Geschichten schreiben, statt Kurzfutter verfassen“. Andere „Ausgemusterte“ suchen verzweifelt einen Job. „Ich will Arbeit und keine Rente“, sagt eine gut fünfzigjährige Betroffene. Sie spricht mehrere Sprachen, hat schon zwei Bücher publiziert und versteht nicht, warum sie keine Erwerbsarbeit erhält. Sie erlebt den Ausschluss als soziale Desintegration, obwohl sie gerne Bilder malt. „Aber das möchte ich“, sagt sie, „lieber in meiner Freizeit tun.“

In einer früheren Studie (Kutzner 2004) untersuchten wir im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms (Nr. 45) über den „Sozialstaat Schweiz“ die Dynamik von Integration und Ausschluss bei erwerbstätigen Armen. Wir analysierten die soziale Lage von 260 aktuellen und 140 ehemaligen so genannten working poor. Bei Letzteren erzielten rund 25 Prozent mehr Einkommen dank Weiterbildung. 25 Prozent nahmen zusätzliche Jobs in unsicheren Arbeitsverhältnissen an. Weitere 25 Prozent erhielten neue Leistungen der Alters- und Invalidenversicherung. Die restlichen 25 Prozent erhöhten ihr Einkommen, weil sie heirateten oder keine Kinder mehr unterhalten müssen. Etliche Haushalte verbesserten ihre finanzielle Lage auch, weil sie in benachteiligte Quartiere mit hoher Verkehrsdichte zogen.

Von der Resignation zur Empörung

Anfang der 1990er-Jahre führten wir bereits eine umfassende Studie über die „Armut im Kanton Basel-Stadt“ (Mäder 1991) durch. Damals überwog der Eindruck, erwerbstätige Arme seien relativ gut integriert und bräuchten, wie Alleinerziehende, vorwiegend Geld. In der neueren Studie über working poor (Kutzner 2004) stellten wir indes fest, wie sich soziale Probleme kumulieren, wenn die Abhängigkeit von der Sozialhilfe über längere Zeit anhält.

Bei der früheren Basler Armutsstudie (1991) fiel uns noch die Bereitschaft vieler Armutsbetroffener auf, selbst die Verantwortung für missliche Verhältnisse zu übernehmen, die primär gesellschaftlich verursacht sind. Wir erklärten uns diese Haltung durch die verbreitete Individualisierung, zudem durch die Tabuisierung der Armut, die ebenfalls dazu beiträgt, sich nach der Decke zu strecken und den Anschein zu erwecken, alles sei alles in bester Ordnung.

In der neueren Studie über erwerbstätige Arme (2004) stellten wir allerdings fest, dass sich an den Einstellungen von Armutsbetroffenen etwas ändert. Resignative Haltungen, die sich hinter den Fassaden verbergen, verwandeln sich teilweise in Empörung. Das mag, dank Medien, mit der größeren Transparenz sozialer Ungleichheiten zu tun haben. Wenn Eltern erleben, wie ihre Kinder keine Lehrstelle finden, während Manager hohe Löhne und Boni erhalten, empfinden sie Wut. Die Empörung fördert da und dort die Bereitschaft, sich mehr für eigene Interessen einzusetzen. Sie erhöht aber auch die Gefahr, Halt bei autoritären Kräften zu suchen, die soziale Gegensätze als Anreiz verklären.

Von Klassen zu Milieus?

Soziale Ungleichheit liegt vor, wenn Mitglieder einer Gesellschaft dauerhaft in unterschiedlichem Maße über notwendige oder begehrte Güter verfügen. Es geht dabei um die Verteilung von Wohlstand, Ansehen und Macht. Was einst als Grundwiderspruch zwischen gesellschaftlicher Produktion und privater Aneignung diskutiert wurde, wird heute eher selten thematisiert. In der Sozialstrukturforschung verlagert sich der Blick von der vertikalen zur horizontalen Schichtung. Klassenanalysen des 19. Jahrhunderts unterschieden das Proletariat vom Bürgertum. Als entscheidendes Kriterium galt die Verfügungsgewalt über die Produktionsmittel. Analysen sozialer Schichten und Klassen bezogen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts weitere Indikatoren ein, beispielsweise die Ausbildung und berufliche Qualifikationen. Der Blick galt nach wie vor primär vertikalen Ungleichheiten. Das änderte sich mit der Individualisierung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Theorien sozialer Lagen gewichten heute das subjektive Wohl stark. Horizontale Ungleichheiten stehen auch bei Modellen sozialer Milieus im Vordergrund. Sie betonen die Lebensauffassung, den Lebensstil und die Wertorientierung. Die Lagen- und Milieuanalysen weisen auf wichtige Differenzierungen hin, vernachlässigen aber gesellschaftliche Gegensätze. Sie suggerieren eine Entwicklung, die von Klassen und Schichten zu Lagen und Milieus führt. Für Milieutheorien sind kulturelle Faktoren der Lebensführung zentral. Nach Gerhard Schulze (2000) löst die Suche nach Glück die Sorge um das Materielle ab. Das erlebnisorientierte Denken ersetzt das produktionsorientierte. Der Alltag verkommt so zur Lebensbühne, welche die Innenwelt verlängert. Symbolwelten scheinen frei wählbar zu sein. Nach Pierre Bourdieu (1982) prägen hingegen äußere Faktoren die Denk- und Handlungsmuster bzw. den Habitus eines Menschen. „Die feinen Unterschiede“ dokumentieren sich über Titel, Kleidung, Sprache, Manieren und den Geschmack. Angehörige der Oberschicht sind eher in der Lage, einen spielerischen Umgang mit Wissen und Werten zu pflegen als Angehörige der Unterschicht. Der soziale Raum hat eine horizontale und vertikale Dimension. Die Position hängt von materiellen, sozialen und kulturellen Ausstattungen ab. Der Bourgeoisie attestiert Bourdieu viel Sinn für Distinktion und luxuriösen Geschmack, der Mittelklasse eine Bildungsbeflissenheit mit prätentiösem Geschmack, der Arbeitsklasse den Notwendigkeitsgeschmack.

Freudalisierung – wozu das alles?

Nach dem Zweiten Weltkrieg konnten in der Schweiz breite Bevölkerungskreise ihre materielle Lage verbessern. Seit den rezessiven Einbrüchen der 1970er Jahre lassen sich jedoch gegenläufige Entwicklungen feststellen. Erstens hat die Erwerbslosigkeit zugenommen. Zweitens halten Teile der nominell steigenden Löhne mit den Lebenshaltungskosten nicht Schritt. Drittens orientiert sich das relativ gute System der Sozialen Sicherheit einseitig an der Erwerbsarbeit und an Voraussetzungen, die je länger desto weniger vorhanden sind. Wir haben weder Vollbeschäftigung, noch mehrheitlich klassische Familienhaushalte mit Mutter, Vater und Kindern. Haushalte mit Alleinlebenden und Alleinerziehenden nehmen stark zu. Hinzu kommt eine vierte Entwicklung: die wachsende Kluft zwischen den oberen und unteren Einkommen und Vermögen (Mäder/Streuli 2002).

In der Schweiz gibt es auf drei Millionen Haushalte über vier Millionen Arbeitsplätze. Vier Fünftel der Personen im erwerbsfähigen Alter verrichten Lohnarbeit. Wir haben mit durchschnittlich gut vierzig Wochenstunden eine der längsten Arbeitszeiten und mit rund drei Prozent die fast niedrigste Arbeitslosenquote. Gleichwohl nehmen die Langzeitarbeitslosen, die keine Versicherungsleistungen mehr erhalten, monatlich um 3.500 Personen zu. Und die Sozialhilfeabhängigen haben sich in wenigen Jahren auf 220.000 Personen verdreifacht. Von der gesamten Bevölkerung (7,5 Mio) lebt fast jede zehnte Person unter dem Existenzminimum. Das Ausschlusspotenzial nimmt zu. Der Reichtum ebenfalls. Zwischen 1997 und 2007 verdoppelte sich in der Schweiz die Zahl der Dollar-Millionäre von rund hundert- auf zweihunderttausend Personen. Drei Prozent der privaten Steuerpflichtigen verfügen über gleich viel Nettovermögen wie die restlichen 97 Prozent. Fast ein Drittel der Steuerpflichtigen haben überhaupt kein steuerbares Vermögen. Viel Geld ist vorhanden, aber mit der Verteilung hapert es. Die Armut verbreitet sich inmitten des Reichtums.

Seit 1991 findet eine starke Konzentration des Reichtums statt. Hans Kissling beschreibt sie in seinem Buch Reichtum ohne Leistung (2008) als „Feudalisierung der Schweiz“. Einen finanziellen Abstieg erlebten in den letzten Jahren auch Teile des so genannten Mittelstandes, der für den gesellschaftlichen Zusammenhalt bedeutend ist. Fachkräfte, die trotz guter Qualifikation nicht mehr gefragt sind, reagieren verletzt. Die Verunsicherung erhöht die Disposition, sich von neopopulistischen Kräften vereinnahmen zu lassen. „Wenn das so weiter geht und das politische Korrektiv fehlt“, sagte mir einer der reichsten Schweizer, „dann macht mir das Angst; dann bricht der soziale Friede auf. Ich frage mich immer mehr: Wozu das alles? Mehr Geld macht uns doch nicht glücklicher.“

Dieser Artikel erschien 2008 in der Zeitschrift „Zukunft“.