An einer der schönsten Stellen des Bosporus, im Istanbuler Vorort Tarabya, liegt ein deutscher Soldatenfriedhof. Es ist der einzige deutsche Soldatenfriedhof in der Türkei, die Gefallenen der beiden Weltkriege liegen hier begraben. Im Ersten Weltkrieg waren die Türkei und Deutschland Verbündete, 1917 war Kaiser Wilhelm II. an diesem Ort. Bei sintflutartigem Regen bin ich von der Sommerresidenz der deutschen Botschaft, für die ein türkischer Sultan einst ein Grundstück bereitstellte, zum Erinnerungsort hinaufgestiegen, der sich auf mehreren Terrassen befindet. Am Eingang zur Sommerresidenz hatte ich zufällig einen Herrn aus Berlin getroffen,  der das Grab seines Vorfahren aufsuchen wollte. Er hieß Colmar von der Goltz, war Oberbefehlshaber einer türkischen Armee und starb in seinem Hauptquartier in Bagdad an den Folgen einer Typhuserkrankung. Seine sterblichen Überreste befinden sich heute auf dem Friedhof in Istanbul, auf dem auch ein deutscher Botschafter seine letzte Ruhe fand. Er war 1915, ein Jahr vor von der Goltz, verstorben. Die Wangenheimstraße in Berlin trägt seinen Namen. Auf der Suche nach dem Erinnerungsort, dem mein Interesse galt, musste ich bis zum obersten Plateau des Friedhofes von Tarabya hinaufsteigen, im Regen fand ich den Obelisk, der an Helmuth von Moltke erinnert. Der spätere preusßische Generalfeldmarschall verbrachte fünf Jahre seines Lebens am Bosporus, die deutsche Gemeinde von Istanbul ließ die Gedenkstätte für ihn errichten.

In Berlin gibt es einen türkischen Friedhof, der eine ähnliche Bedeutung hat, direkt vor der Şehitlik-Moschee am Columbiadamm liegend. Hier hat ein türkischer Gesandter, der auf seinem Posten im preußischen Berlin verstarb, seine letzte Ruhe gefunden. Ein kunstvoll gestalteter kleiner Obelisk  erinnert an den seinerzeit wohl prominentesten Toten aus der Türkei, der mit dazu beigetragen haben dürfte, dass über mehr als 200 Jahre hinweg sich die Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei freundschaftlich gestaltet haben, mitunter sogar sehr eng – was die Deutschen vergessen zu haben scheinen, die Türken nicht. Zahlreiche weitere Grabstein auf dem Friedhof in Berlin-Tempelhof verraten interessante private Geschichten, denn sie bieten Hinweise auf deutsch-türkische Partnerschaften, auf deutsch-türkische Lebensschicksale.

Friedhöfe stärken Kontakte, die mit den Jahren brüchig werden können

Die Bestattung auf Friedhöfen fern der Heimat ist ein Vertrauensbeweis. Friedhöfe, dort stattfindende Rituale, stärken Kontakte, die mit den Jahren brüchig werden können. Etwas von der Erinnerung an gute Zeiten in den deutsch-türkischen Beziehungen glaube ich im Gesicht von Ministerpräsident Ahmed Davutoğlu entdeckt zu haben, als dieser in der letzten Woche in Berlin mit der Bundeskanzlerin zusammentraf. Die neue Liaison zwischen den beiden Staaten ist nicht unumstritten. Aus Anlass der Visite protestierten über 1000 deutsche Wissenschaftler gegen Willkürmaßnahmen der türkischen Regierung, die sich neuerdings auch auf die akademische Welt  erstrecken. An einer Universität im Nordwesten der Türkei gab es Festnahmen und in der Folge eine landesweite Welle der Solidarisierung, die nun von deutscher Seite gestützt wurde.

Überraschenderweise hat die „alte“ Verbindung in den deutsch-türkischen Beziehungen also funktioniert. Denn der Wissenschaftsaustausch zwischen beiden Ländern ist eng, ein Teil des deutschen Exils  fand in den 1930er Jahren Aufnahme in der Türkei, beide Seiten profitierten am Ende davon. Wenn man so will, ist die Online-Petition der deutsche Seite ein starker Hinweis darauf, dass sich eine europäische Zivilgesellschaft herausgebildet hat, die nicht zu unterdrücken ist. Die Politik hat darauf Rücksicht zu nehmen – in beiden Staaten. Daher ist es gut, dass die deutsch-türkische Annäherung aus aktuellem Anlass kritisch von der deutschen Öffentlichkeit verfolgt wird.

Der Bundeskanzlerin ist in Verbindung mit der  Flüchtlingsthematik zu sagen, dass die Türkei nicht erst seit gestern ein Schlüsselland für Deutschland ist. Sie war, wie der Besuch von zwei Friedhöfen zeigen kann, schon immer ein wichtiger Partner. Hinzu gekommen sind in den letzten 50 Jahren die Menschen und damit das Fassbare der Beziehung. Darauf lässt sich bauen, Kritik eingeschlossen.