Nun ist es also amtlich: Der Familiennachzug fällt der Obergrenzendebatte zum Opfer. Nachdem man sich darüber echauffiert hatte, dass junge Männer aus Syrien erst einmal ihre Familien zurück lassen, wird nun von unseren Volksvertretern beschlossen, die jungen Familien noch etwas länger im Kriegsgebiet zu lassen. Dass sogar Kinder alleine gekommen sind, deren Familien nun auch dort bleiben müssen, wo sie sind, ist zudem weniger auf dem Schirm – wenn es die unbegleiteten Minderjährigen überhaupt bis hierher geschafft haben und auch dann nicht verloren gehen.

Aber ohne all diese Menschen sehen die Zahlen einfach besser aus, es kommen dann weniger zu uns. Das ist das derzeitig vorrangige Ziel der Politik, die die Menschen hinter Worten wie „Obergrenze“ oder „Transitzone“ versteckt. Der Mensch als Verhandlungsmasse. Die entmenschlichenden Begriffe erleichtern das Fernhalten. Dafür gibt es Geld, das eigentlich internationalen Hilfsorganisationen vorbehalten war, etwa für den Schuhkarton des türkischen Staatspräsidenten. Dafür gibt es mehr Nothilfe für die Flüchtlinge, die in Lagern hausen – damit sie dort bleiben. Ein Leben ist für sie nicht vorgesehen.

Grundlegende Strukturveränderungen, damit Menschen nicht fliehen müssen, stehen nicht an. Dies wird nach wie vor einseitig irgendwelchen Despoten zugeschrieben – Zusammenhänge wie den Wirtschaftskrieg ausblendend, sowie auch die wechselnden opportunen Kooperationen je nach eigenem Interesse.

Freiwillige Migration steht schon gar nicht auf dem Programm. Die Stimmungen haben Konjunktur, die Kampagnen auch. Man schwankt zwischen Ablehnung à la CSU, Pegida und AfD, einer überbordenden Hilfsbereitschaft, die von politischer Seite ausgenutzt wird (Stichwort: Ehrenamt), und regelmäßig aufscheinenden Stimmungs-Kipp-Kampagnen in Talk-Shows und anderen Medien – zuletzt nach den Ereignissen der Silvesternacht in Köln. Und der vermeintlich flüchtlingsfreundliche Fachkräftemangel-Spin, der nur den Arbeitsmarkt vergrößern und Löhne weiter drücken soll, wird seinen Teil dazu beitragen, dass die prekarisierten Menschen noch mehr gegeneinander aufgebracht werden.

Sind wir noch bei Trost? Für welche hehren Werte wollen wir denn werben? Menschenrechte? Gleichberechtigung? Nein, dein Kind ist lange nicht so viel wert, wie eines unserer Kinder hier – denn die würden wir nicht länger als nötig im Kriegs- und Krisengebiet ausharren lassen.

Als 2011 die Proteste in Syrien begannen – weitab der Hauptstadt Damaskus – da wunderten sich die dort lebenden deutschen Staatsangehörigen und ihre Familien über die Aufforderung zur sofortigen Ausreise. Man fragte sich tatsächlich, ob jemand da schon wusste, was kommen würde. Denn zu dem Zeitpunkt wären sonst nur die wenigsten gegangen – wenn überhaupt. Man stelle sich vor, jetzt würde die Ausreise verbliebener Deutscher aus Syrien verzögert und sei es nur aus technischen Gründen. Wie die Angehörigen hier rotieren würden, kann man gut nachfühlen.

Derlei Mitgefühl scheint es für Menschen aus dem Nahen Osten weniger zu geben – jedenfalls nicht von politischer Seite. Erneut, wie nach den Pogromen Anfang der 1990er Jahre, erhalten die Rechten und Rassisten recht, indem man deren Forderungen in Gesetzestexte gießt. Armes Deutschland!