Freiheitsforderung der Frauen hat islamische Bewegungen verändert

Sie sagen, Frauen wären die Hauptakteurinnen des Wandels gewesen. Wie hat Ihrer Ansicht nach dieser Wandel in der Türkei angefangen?

Vor 20 Jahren hatte ich folgendes gedacht: „Eine islamische Bewegung, die den Frauen sowohl im privaten als auch im öffentlichen Bereich Raum gibt, wird den Wandel im eigenen Inneren akzeptieren. Wenn die Freiheitsforderungen der Frauen nicht unterdrückt werden, wird die islamische Bewegung einen Wandel erleben. Wenn sie aber unterdrückt werden, wird es keinen Wandel geben. Der erste und wichtige Bruch hat sich auf diese Weise vollzogen. Dass die Frau sowohl in den öffentlichen Raum eintrat als auch ihre Unantastbarkeit bewahrte, hat sowohl die kognitive Welt des traditionellen Mannes als auch die der säkularen Feministin durcheinander gebracht. Aber es gibt zeitgleich auch unterschiedliche Teile dieser beiden Welten. Die moderne Unantastbarkeit („modern mahrem“) ist die Synthese zwischen diesen Brüchen und der hybridisierenden Wandlung.

Was ist die Motivation der Frauen, in den öffentlichen Raum zu treten? Der Islam?

Nein, die Bildung. Das wichtigste Kapital der muslimischen Mädchen ist heute Bildung. Dies ist nicht nur in der Türkei und in Europa so. Das kleine Mädchen in Pakistan, welches die Taliban umzubringen versuchten, indem sie ihr in den Kopf schossen, weil sie sich dafür entschied, in die Schule zu gehen, wurde zu einem Banner für alle Mädchen, die zur Schule gehen wollen. Bildung ist für die Frauen die wichtigste Tür zur Freiheit. Damit die Frauen einen Zukunftstraum haben, müssen sie durch die Tür der Bildung gehen. Unter den Musliminnen gibt es heute solche, die durch diese Tür verschleiert gehen wollen. Außerdem deckt sich der Umstand, dass sie der Bildung Priorität beimessen, sowohl mit den Idealen der Republik als auch mit jenen der Feministinnen.

Diese spannende Entwicklung passt zu Ihrer Definition der alternativen Modernität…

So ist es. Denn sie bringt den säkularen Wunsch nach Bildung mit der Welt des Glaubens zusammen. Sie führt zumindest dazu, dass wir die Frage nach einer alternativen Modernität stellen. Wenn ich „alternative“ sage, dann meine ich das Hervortreten eines Potenzials, eines Musters, welches hinterfragt oder etwas aus dem Innern heraus umwandelt, ich meine nicht einen Gegensatz oder etwas Systemfremdes. Ich denke, dass die säkulare moderne Welt mit der Erinnerung an das Unantastbare und Heilige umgewandelt wird. Der zweite Punkt ist, dass die moderne Gesellschaft sich angestrengt fühlt, Pluralismus lebbar zu machen. Es gibt Dinge, die sie aus den historischen Erfahrungen außerhalb der westlichen Welt, so z. B. aus dem indischen Säkularismus und dem Osmanischen Reich, lernen kann. Der Nationalismus stellte eine Art der gesellschaftlichen Ingenieurskunst dar. Wir haben versucht, die Gesellschaften, sie gegen ihr eigenes Geflecht ausrichtend, von Grund auf neu instand zu setzen. Es bedarf heute einer neuen Vorstellung von Gesellschaft, in der die ethnischen, religiösen, gedanklichen Unterschiede gemeinsam, miteinander und nebeneinander existieren können. Vor allem in der globalisierten Welt, d. h. in einem kleiner, enger gewordenen Raum, wo die Grenzen uns nicht mehr so trennen wie früher, die Begriffe von Zeit und Raum enger, identischer werden, wird ein wohlwollendes Verhalten gegenüber Unterschieden zunehmend schwerer. Der Begriff der Gerechtigkeit tritt daher in den Vordergrund.

In wirtschaftlicher Hinsicht…

Das Ganze hat nicht nur eine wirtschaftliche Dimension, auch im politischen und kulturellen Bereich gewinnt der Begriff der Gerechtigkeit an Bedeutung. Die Versammlung des World Forums in Istanbul ist ein gutes Beispiel dafür. Sie leitete eine Entwicklung ein, wonach der Begriff der Gerechtigkeit nicht mehr nur aus einem Zentrum heraus, nicht mehr nur in einer Kultur, sondern eher im pluralistischen Sinne global diskutiert wurde. Der Begriff der alternativen Modernität erfordert es, nicht mehr als Zuschauer, Entrechteter oder allein Reagierender zu handeln, sondern in den Status des Akteurs, Denkenden, Diskutierenden, Vorschlagenden überzugehen.

Frankreich verzögert das Zusammenleben

Wie wär’s, wenn wir nun in den Westen, nach Frankreich übergehen und ich Sie nach dem neuerdings eingeführten Verbot so manchen islamischen Erscheinungsbildes frage…

Die Verbote in Frankreich, die sich gegen islamische Erscheinungsbilder ausrichten, sind bedrückend. Denn solche Verbote stellen eine gesellschaftliche Ingenieurskunst dar, wie ich sie gerade erwähnt habe. Diese behindert die Fähigkeit der Gesellschaft, sich selbst umzuwandeln. Sie haben die Praxis des Zusammenlebens verzögert. Ich bin traurig, weil sie keine Möglichkeit bieten, eine Synthese des Lebens hervorzubringen. Nicht nur in Frankreich, sondern eigentlich in der gesamten westlichen Welt verzögert jedes gegen etwas Fremdes ausgerichtete Verbot die Begegnung mit der Realität von Angesicht zu Angesicht, verzögert die Erprobung des Zusammenlebens. Es verzögert das Lernen voneinander, behindert die Fähigkeit, durch gemeinsames Tanzen eine neue Choreographie hervorzubringen.

Das Land verliert die Chance, zu lernen…

Wenn wir Frankreich verlassen und in die Türkei gehen, dann sehen wir bei der Kurdenfrage eine ähnliche Symmetrie. Jede Behinderung, die sich auf die Identität und die Rechte der Kurden bezieht, birgt in sich bedeutende Probleme, auch weil es hinsichtlich der Praxis des Zusammenlebens Schaden verursacht. Die Toleranzschwelle der Gesellschaft wird dadurch gesenkt.

Der Islam ist Teil des Westens

Kann der – laut ihrer Aussage – hybride Zustand der Türkei für den Westen, so z. B. für Frankreich ein Vorbild sein?

Frankreich nahm noch bis vor kurzem, wenn es Verbote gegen religiöse Symbole setzte, die Türkei als Referenz. So konnte das Land meinen: „Seht, ich verbiete zwar, aber auch die Türkei verbietet.“ Aber die Türkei verbietet nicht mehr. Die Kritik im Sinne von Kemalismus oder Laizismus ist nun etwas obsolet. Die Zeit ist gekommen, die Rede von Atatürk oder vom Säkularismus in einen neuen Flusslauf zu setzen. Wenn die islamische Bewegung in einen Prozess der Umwandlung getreten ist, dann hat auch der Säkularismus seinen Anteil daran. Sie hat in sich Hinterfragungen und pluralistische Stimmen hervorbringen können.

Wie könnte Europa dies schaffen?

Wir müssen das Moslem-Sein aus der Identität herausnehmen. Die letzten 20 Jahre der Türkei sind daher ein gutes Vorbild. Dass die Muslime ein Teil des öffentlichen Raumes wurden, geschah nicht über den Aspekt der Identität, sondern durch das tägliche Leben. Es verwirklichte sich durch den gegenseitigen Einfluss, durch Hybridisierung. Weil sie eine Identitätspolitik betreibt, durchläuft Europa bzgl. des Islam und der Muslime eine schlechte Prüfung. Dabei haben die demokratischen Säkularen in der Türkei inzwischen den Tanz mit den Muslimen akzeptiert. Sie haben die Mauern dazwischen eingerissen. Wir haben das miteinander Sprechen, Denken, Handeln, Leben akzeptiert. Europa verzögert diesen Tanz. Hier sehen wir, wie wichtig die Mitgliedschaft der Türkei in der EU ist.

Warum?

Denn die Vertiefung der Beziehungen der Türkei zur EU stellt sich quer zur Isolierung der Muslime in Europa von ihren jeweiligen Gesellschaften. Wenn nun die EU eine Beziehung zur Türkei aufnimmt, dann nimmt sie quasi zugleich eine Beziehung mit den Muslimen im eigenen Innern auf. Von dieser Perspektive aus gesehen ist das EU-Ziel der AKP sehr wichtig. Auch wenn die Beziehungen in diesen Tagen etwas an Intensität abnehmen sollten, so sind in gleichem Maße die Türkei für die EU wie die EU für die Türkei wichtig.

Wird das Leben in der Türkei schwieriger?

Es ist im Allgemeinen nicht immer leicht, in Europa Gehör für unsere Worte zu finden. Vor 20 Jahren habe ich in der Türkei ähnliches gesagt wie das, was ich heute in Frankreich sage. Und wenn einmal unsere Stimme hier leicht zu hören war, dann wurde sie nicht immer richtig verstanden. Aber dieser Umstand beruht auf der Stellung der Intellektuellen und der Sozialwissenschaftler. Es ist nicht einfach, die Dinge zu verändern, die ein Volk für sich als richtig ansehend eingeprägt hat.

Nicht zu reagieren kann ebenfalls eine Reaktion sein

Vor kurzem sorgte ein Anti-Islam-Film für internationales Aufsehen. Er verletzte Dinge, die dem Islam heilig sind. Die Reaktionen waren heftig. Was haben Sie dabei gedacht?

Der Prophet und der Koran sind für die Muslime sehr bedeutende Heilige. Es verletzt die Muslime, wenn gegen diese geflucht wird oder diese erniedrigt werden, es führt zu Reaktionen. Andererseits schaden die Art und Weise der Reaktionen und die Gewalt, die insbesondere aus der arabischen Welt zu sehen war, dem Islam. Die Muslime, die mit diesem Bewusstsein handelten, die religiösen Anführer und die Intellektuellen in Frankreich, traten wegen der Ereignisse um dieses Piratenvideo auf und gaben eine gemeinsame Erklärung ab. Sie sagten: „Wir werden auf einen derart niveaulosen Film nicht reagieren.“ Sich auf das Leben des Propheten stützend brachten sie zum Ausdruck, dass ein vorbildliches Verhalten anders aussehen müsse. Solche Stimmen sind auch in der Türkei sehr verbreitet. Der Gedanke, dass extreme Reaktionen dem Islam und den Muslimen Schaden zufügen, findet zunehmend Verbreitung. Über diesen Aspekt hinaus wird, auf der islamischen Tradition basierend, eine Haltung an den Tag gelegt, die sich von Gewalt und extremen Reaktionen fern hält.

Wie?

Die Reaktionen auf den Film werden zugleich zu politischen Reflexionen der säkularen Welt, zu dem, was man „Kampf der Zivilisationen“ nennt. Der Blick des Westens auf sie kann haltlos, ungerecht, unförmig sein; geringschätzendes Reden also, das man Islamophobie nennt. Dann kann die Antwort der Muslime aber auch das Besondere der islamischen Tradition in Erscheinung treten lassen. Ja, die Islamophobie ist etwas Schlechtes. Aber ihre Antwort darauf darf dann nicht schlecht sein. Sonst fallen sie auf dasselbe Niveau.

Ihr Vorschlag?

Manchmal zu schweigen oder innerlich zu ertragen wissen und es damit bedeutungslos machen. Absicht solcher Aktionen ist es, die Muslime auf ihr Feld zu ziehen, sie an ihre eigene geplante Agenda zu heften. Der eigentliche Erfolg liegt darin, nicht in diese Falle zu tappen. Es ist wichtig, aus diesem reagierenden Verhalten herauszukommen, den Teufelskreis zu durchbrechen, eine alternative Politik zu entwickeln. Es bedarf der echten konservativen Werte, um das Benehmen und die Benimmregeln einer neuen Politik herzustellen.

Hier geht’s zum ersten Teil des Interviews.