Fast in allen türkischen Haushalten in Deutschland, in denen das tägliche fünfmalige Gebet mehr oder weniger als für wichtig erachtet wird, hängt ein Kalender aus, in dem die islamischen Gebetszeiten aufgeführt sind. Dort sind deutsche Städte aufgelistet und die zugehörigen Gebetszeiten. Es sind oft Kalender von sunnitischen Dachverbänden wie DITIB, mit denen sie neben der Organisation der jährlichen Pilgerreise ein gutes Geschäft machen.

Die Gebetszeiten sind nicht die einzigen Informationen, die man auf dem Kalenderblatt findet. Das Jahr und der Jahrestag nach dem islamischen Mondjahr, ein Vers aus dem Koran oder ein Ausspruch des Propheten Muhammad sind auf einem schlicht, aber professionell gestalteten Blatt, das die Größe einer Handfläche hat, zu finden. Auf der Rückseite des Kalenderblatts wird dann eine religiöse Frage aus dem Alltag beantwortet oder ein historisches Ereignis aus der islamischen oder türkischen Geschichte kurz und knapp dargestellt. Auch ein weiser Spruch eines islamischen oder für die türkische Nation wichtigen Dichters, Gelehrten oder Staatsmannes findet seinen Platz. Obwohl die Deutschtürken seit über 50 Jahren in Deutschland leben, spielt Deutschland für die Gestaltung eines solchen „Diyanet-Kalenders“ keine Rolle. Die Entscheider, die für das Konzept, den Druck und den Vertrieb zuständig sind, sitzen in Ankara.

Mehmet Akif Ersoy: „Bildung, Bildung!“

Auf dem Kalenderblatt von Donnerstag findet sich ein Ausspruch des türkischen Nationaldichters Mehmet Akif Ersoy: „Bildung, Bildung! Für uns gibt es keinen anderen Ausweg; falls wir leben wollen, müssen wir uns vor allem an die Bildung klammern. Die Welt ist von Bildung abhängig, die Religion und auch das Jenseits.“

Mehmet Akif Ersoy war ein osmanischer Dichter albanischer Herkunft. Er hat den Freiheitskampf unter der Führung Mustafa Kemal Atatürks mit seinen Gedichten und einflussreichen Reden unterstützt und nahm nach der Republikgründung an einem Wettbewerb in Ankara in der neu gebildeten Nationalversammlung teil. Das Ziel des Wettbewerbs bestand darin, für die neue Nation eine Hymne zu bestimmen. Ersoys Gedicht wurde einstimmig gewählt.

Nachdem Ersoy erkannte, dass unter Atatürk eine säkulare Ein-Parteien-Herrschaft im Entstehen war, die auf der einen Seite bestimmen wollte, wie und woran die neuen Bürger zu glauben haben und auf der anderen Seite muslimische Gelehrte und Intellektuelle entweder einsperrte oder nach Scheinprozessen hinrichtete, entschied er sich, wie Fethullah Gülen, über den in diesen Tagen viel diskutiert wird, ins freiwillige Exil zu gehen. Er lebte bis kurz vor seinem Tod im Jahre 1936 in Kairo.

Auf den Trümmern des Kemalismus

Die Diyanet, die von dem kemalistischen Regime im Jahre 1924 gegründet wurde, war hingegen immer im Dienste des Staates und hat im Namen des Staates dem Volk einen Staatsislam gepredigt. Egal, ob wie in der Anfangszeit der Republik säkulare Kemalisten, später in den 1980er Jahren die Putschisten an der Macht waren oder heute nach knapp 100 Jahren neue Machthaber, die auf den Trümmern des Kemalismus eine neue scheindemokratisch legitimierte sunnitisch-nationalistische Ideologie errichten: Diyanet war ihnen immer zu Diensten.

Diesen Dienst hat Diyanet in den 1980er Jahren nach Deutschland getragen. Nach dem gescheiterten Putsch in der vergangenen Woche hat Diyanet/DITIB die staatliche Deutung der tragischen Vorkommnisse übernommen und fällt ein Kollektivurteil über eine muslimisch-pazifistische Bewegung, die sich weltweit für Bildung engagiert. In der heutigen Freitagspredigt, ist, nachdem der wehrhafte Widerstand der Bevölkerung gelobt wird, heißt es, dass der Putschversuch „durch die Hand von internen und externen Bösen sowie einer unseligen Struktur“ unternommen wurde. An einer anderen Stelle gehen die Verfasser einen Schritt weiter und sprechen von denjenigen, die seit vierzig Jahren mit „gesäten Körnern der Aufwiegelei, Aufruhr und Feindschaft unserem Volk sehr großen Schaden zugefügt“ hätten.

Die unselige Struktur

Jeder, der sich diese Predigt angehört hat, weiß genau wer mit dieser feinen und subtilen Umschreibung gemeint ist: Die Hizmet-Bewegung um den muslimischen Prediger Fethullah Gülen, die von der Regierung ohne jegliche Beweise für den gescheiterten Putsch verantwortlich gemacht wird. Seit Tagen herrscht nicht nur in den Kommentarspalten, sondern auch auf den (deutschen) Straßen ein in diesen Ausmaßen selten gesehener Hass, der von Erdoğan täglich befeuert wird.

So ist es nicht verwunderlich, dass ein DITIB-Imam in Deutschland einen brutalen Übergriff von AKP-Anhängern auf eine hizmet-nahe Einrichtung in Gelsenkirchen-Hassel vom vergangenen Wochenende gutheißt. Bei dem Vorbeter handelt es sich um Eyüp B., der sich von der Türkei aus, wo er gerade seinen Urlaub verbringt, über eine Whatsapp-Botschaft an seine Gemeinde in der Ruhrgebietsstadt wendet: „Gott möge unser Land vor der Fetö oder Parallelstruktur (gemeint ist die Hizmet-Bewegung, Anm. d. Red.) oder wie man dieses Übel auch immer nennen mag, schützen. Wir werden hier die Straßen nicht den Paralelcis überlassen, Gott möge sie verfluchen.“ B. lobt den Übergriff auf den Jugendtreff und sagt weiter: „Die Schließung des Ortes der Paralelcis und die Tatsache, dass dort die türkische Flagge angebracht wurde, hat mit so sehr gefallen. Gott möge Gefallen an Euch allen finden.“

Kollektivbestrafung in vollem Gange

Es ist die Aufgabe von allen vernünftigen Menschen, jeglichen Putsch mit aller Entschiedenheit zu verurteilen und sich für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit einzusetzen. Was aber nach dem gescheiterten Putsch in der Türkei passiert, ist ein Pogrom gegen eine nicht erst seit gestern stigmatisierte Gruppe. Seit knapp drei Jahren hat das Erdoğan-Regime Kampfbegriffe wie Parallelstruktur etabliert und eine Deutungshoheit über die Hizmet-Bewegung erlangt, dem es schwer ist, entgegenzutreten. Die politischen Verantwortlichen und die regierungstreuen Medien setzen seit Jahren auf eine propagandistische Kampfsprache und spalten die Gesellschaft. Das ist sehr, sehr gefährlich. Nicht nur die Anhänger der Hizmet-Bewegung, sondern auch die Säkularen, Aleviten und Kurden, sind staatlichen Repressionen ausgesetzt. Abdurrahman Dilipak, einer der wichtigsten Ideologen des politischen Islams, schreibt über Twitter: „Neue Welle des Putsches. Das Volk ist auf den Straßen. Jeder, der eine lizenzierte Waffe besitzt, soll sie bei sich tragen.“

In der Türkei werden private Schulen, die für eine moderne und erfolgreiche Bildungsarbeit stehen, in Brand gesetzt. Die Regierung will über 600 Schulen – allein weil sie von Hizmet-Anhängern gegründet wurden – schließen. Buchläden werden angegriffen und Puppen in Gestalt von Fethullah Gülen angezündet. Szenen, die an Boko Haram erinnern, die moderne Bildung ebenfalls ablehnt.

Gerade hier wäre es die Aufgabe der religiösen Würdenträger, gegen Selbstjustiz, für Besonnenheit und zu Dialog aufzurufen. Davon ist bei Diyanet und DITIB kaum bis gar nicht die Rede. Sie sehen ihre religiöse Pflicht darin, dem Staat und den Mächtigen in Ankara zu dienen.