Führungsmacht Deutschland

In der deutschen innenpolitischen Debatte, in Zeitungen, in den Think-Tanks wird immer öfter die Forderung erhoben, Deutschland solle sich endlich als Führungsmacht positionieren und auch sichtbar und damit offen die politische Gestaltung des Kontinents übernehmen. Begründet wird dies u.a. damit, dass die Zeit gegen Europa laufe und die Alte Welt nur noch wenige Jahre Zeit habe, um ihren Platz in der Weltpolitik zu finden.

Was in diesen Debatten in der Bundesrepublik unterschlagen bzw. verdrängt wird, ist, dass die letzten Fragen einer Nation Krieg und Frieden betreffen. Ist das politische Bewusstsein in Deutschland, in Europa so weit, um sich auch als Solidargemeinschaft im Extremfall verstehen zu können? Zweifel sind da angebracht, man blicke bloß auf den Balkan der 90er-Jahre, der noch immer in Teilen zertrümmert am Boden liegt und wo sich Kroaten und Serben einer Zusammenarbeit verweigern.

Und es gibt noch eine Wahrheit: Die NS-Zeit ist in Europa noch nicht vergessen, sie sitzt tief in den Köpfen und kann jederzeit wieder in die politische Debatte eingeführt werden. Das politische Eis in den Ländern, die die Wehrmacht vor 70 Jahren besetzte, ist noch immer dünn. Eine deutsche Führung in Europa kann Großbritannien, das in der Auseinandersetzung mit Hitler das eigene Weltreich verlor, nicht akzeptieren. Ähnlich steht es um Frankreich, das bereits Mühe hat, die ökonomische Vormachtrolle Deutschlands hinzunehmen. Und wo es wie bei Airbus erfolgreiche Zusammenarbeit gibt, ist es am Ende noch immer eine französische Unternehmung.

Aus der Krise das Bestmögliche machen

Unter solchen Umständen ist der Weg, den Deutschland unter wechselnden Regierungen seit den Tagen von Helmut Schmidt eingeschlagen hat, ein kluger: Führungsstärke im europäischen Alltag zu zeigen. Frankreich will seine Landwirtschaft schützen: Gut, dann muss der deutsche Agrarbetrieb noch industrieller gestaltet werden. Spanien und Portugal können ihre Fischfangflotten nicht reduzieren: Gut, dann muss Deutschland diesen Bereich weitestgehend stilllegen. Es kann sich stattdessen auf andere Weise neu erfinden, z.B. als wiedervereinigtes Land mit neuen Küsten und neuen Urlaubsregionen, wie nach 1990 geschehen.

Die deutsche Wirtschaft ahmt die Vorgehensweise des Staates nach. Selbst mittelständische Unternehmen warten nicht darauf, dass die Politik ihnen den Weg weist, sondern handeln auf eigene Faust. Selbst die großen deutschen Automobilmarken kommen ohne die Vorproduktion und Zulieferung der europäischen Partnerländer nicht aus. Da es immer schwieriger wird, im Inland qualifiziertes Personal zu finden, schwärmen sie in die Nachbarländer aus.

Die Wäsche von großen Berliner Hotels wird in Polen gewaschen. Jungen Menschen, die in den Krisenländern Osteuropas und neuerdings der iberischen Halbinsel keine berufliche Perspektive finden, bekommen einen Job in Deutschland. Die sprachliche und berufliche Qualifizierung der jungen Deutsch-Türken erfolgt mit mehr Verve als noch vor wenigen Jahren, nicht zuletzt auch deswegen, weil auf der anderen Seite eine artikulationsfähige zweite und dritte Generation ihre Wünsche und Vorstellungen formuliert. Quasi über Nacht hat die Bundesrepublik ihren restriktiven Kurs bei der Anerkennung von ausländischen Schulabschlüssen und akademischen Qualifikationen aufgegeben und gilt hier nun als liberalstes Land weltweit.

„Duales System“ und ähnliche Errungenschaften

Selbst in den deutschen Kommunen hat das Denken in europäischen Dimensionen seinen Einzug gehalten. Es gibt Engpässe bei Lehrern, Erziehern und Altenpflegern. Nun werden sie in den Nachbarländern angeworben. Ohne solches Handeln sähe die Arbeitslosenstatistik in manchen Staaten noch finsterer aus, von den Überweisungen der nach Deutschland Gegangenen in die Heimat gar nicht zu reden. Und da die Deutschen, anders als die Franzosen, nicht so gerne Urlaub im eigenen Land machen, profitieren viele Länder, allen voran Spanien und die Türkei, von der Sehnsucht der Deutschen nach Sonne. Die enormen Ausgaben sind auch ein Beitrag zur Ausbalancierung ökonomischer Ungleichgewichte.

Binnen kürzester Zeit ist in Europa akzeptiert worden, dass die deutsche Zivilgesellschaft auf vielen Gebieten Vorbildcharakter für andere Länder hat. Es gibt Anzeichen, dass das „duale System“, auf dem ein Gutteil des deutschen wirtschaftlichen Erfolges basiert, von anderen Ländern übernommen wird. Vielleicht ist dies ein Weg, der Europa in der Konsequenz näher zusammenbringt als noch so gut gemeinte Verabredungen bei EU-Gipfeln. Vielleicht ist es auch der Pfad, von den Schatten und Dämonen der Vergangenheit loszukommen und Europa auch politisch zukunftsfähig zu machen.